Von kurz- zu langfristig orientierten Anlagestrategien?

Wie können Grossinvestoren, die noch immer vor allem kurzfristig anlegen, für langfristig orientierte Engagements gewonnen werden? Am 7. International Sustainability Leadership Symposium diskutierten Entscheidungsträger und Experten aus der ganzen Welt über diese Frage.

Brigitte Blöchlinger

«From Short- to Long-term: Who cares?» hiess das Thema des 7th International Sustainability Leadership Symposium, das vom 31. August bis zum 1. September im Swiss Re Centre for Global Dialogue in Ruschlikon bei Zürich stattfand. Mit dabei war auch Hans-Peter Burkhard, Direktor des Center for Corporate Responsibility and Sustainability (CCRS) an der Universität Zürich. Unipublic hat ihn zu den wichtigsten Themen des Symposiums befragt.

«Viele Menschen gewichten künftig anfallende Gewinne weniger stark als kurzfristige Erträge»: Hans-Peter Burkhard, Direktor des CCRS. (Bild: Felix Straumann)

unipublic: Herr Burkhard, weshalb investieren die grossen institutionellen Anleger wie die Pensionskassen das ihnen anvertraute Geld nicht einfach in sichere langfristige Anlagen?

Hans-Peter Burkhard: Wer sich auf längere Sicht finanziell engagieren will, muss bereit und in der Lage sein, Risiken zu tragen. Sicher ist nur die Gegenwart. Jede Zukunft ist unsicher und damit mit Risiken verbunden. Man kann diese Risiken verringern, wenn es gelingt, qualitativ gute Informationen über künftige Entwicklungen zu beschaffen. Diese Informationsbeschaffung kostet Aufwand und damit Geld. Beseitigen kann man die Risiken damit trotzdem nie vollständig. «Sicher» und «langfristig» sind deshalb immer auch widersprüchlich. Und einfach ist es sicher nicht.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine Veränderung von kurz- zu langfristig orientierten Anlagemechanismen herbeigeführt werden? Welche Auswirkungen auf die Unternehmenspraxis hätte eine solche Verlagerung von kurz- zu langfristigen Anlagestrategien? Im Jahr 2010 werden nach Schätzungen von Experten knapp 25 Prozent der kotierten Schweizer Unternehmen im Besitz von Pensionskassen sein. Wie wird sich diese Entwicklung auf die Anlagestrategien auswirken?

Hans-Peter Burkhard: Den Pensionskassen in der Schweiz ist heute ein Vermögen von mehr als 600 Milliarden Franken anvertraut. Bei der Verwaltung dieses Vermögens haben sie die Interessen ihrer Versicherten wahrzunehmen. Meistens kennen sie diese zwar nur teilweise oder nur soweit, als allen Versicherten generell die Sicherheit ihrer Altersvorsorge und eine möglichst hohe Leistung im Alter sehr wichtig sind. Als Agenten der Versicherten (als deren Prinzipale) sind Pensionskassen daran gebunden. Und da stossen sie an Grenzen. Sie werden feststellen, dass viele Menschen künftig anfallende Gewinne weniger stark gewichten als kurzfristige Erträge (nach dem Motto «lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach»).

Grundsätzlich ist eine Veränderung zu mehr langfristig orientiertem Denken angesichts der grossen globalen Probleme unumgänglich. Langfristig denken ist aber heute nicht mainstream. Wer das ändern will, muss in einem gewissen Sinne auch «gegen den Strom schwimmen». Das braucht Anreize, beispielsweise in Entlöhnungssystemen fürs Management oder in Gebührenstrukturen von Finanzdienstleistern. Sie müssen dafür sorgen, dass die Höhe der Erträge nicht primär von kurzfristigen Zielen oder Umsätzen abhängig ist.

Welche Auswirkungen hat das heute dominante kurzfristige Anlageverhalten auf die jeweilige Unternehmensführung?

Hans-Peter Burkhard: Das heutige Anlageverhalten bewirkt, dass sich Manager auf die Erreichung kurzfristiger Ziele konzentrieren, weil sie daran gemessen werden. Dass dabei die Gefahr besteht, langfristige Werte aus den Augen zu verlieren, ist offensichtlich. Der Effekt ist stark. Graham et al. haben im Jahr 2004 festgestellt, dass CFO's bereit sind, Unternehmenswert zu opfern um kurzfristige Erträge zu erreichen. 55 der befragten Manager würden sogar darauf verzichten, ein (längerfristig) sehr wirtschaftliches Projekt zu starten wenn das zur Folge hätte, dass kurzfristige Ertragsziele nicht erreicht werden. *)

Welche Möglichkeiten haben institutionelle Investoren und Aktionäre, um die Anlagestrategien von Unternehmen zu beeinflussen in der Schweiz und im Vergleich dazu in den USA?

Hans-Peter Burkhard: Investoren wollen eher Geschäftsstrategien im allgemeinen beeinflussen, als Anlagestrategien von Unternehmen, in welche sie investiert haben. Das können sie allerdings nur begrenzt. Aktionen an Generalversammlungen haben meist kaum eine direkte Wirkung. Sie sind allerdings medienwirksam und beeinflussen die öffentliche Meinung, was sich negativ auf die Reputation einer Unternehmung auswirken kann. Auf diesem Weg kann durchaus Wirkung entstehen. Direkte Einflussmöglichkeiten bestehen erst dann, wenn Stimmen gebündelt werden, also grössere Anteile gehalten oder verschiedene Investoren so gepoolt werden, dass auf formellem oder auf informellem Wege auf die Unternehmungsführung eingewirkt werden kann. Im Zusammenhang mit Pensionskassen stellt sich allerdings die Frage, ob diese dann auch befähigt wären, in einer Weise einzuwirken, welche (im Interesse ihrer Versicherten) zu einer Steigerung des Unternehmenswerts beiträgt.

Letztlich bleibt es Kernaufgabe jeder Unternehmensleitung, langfristig zu denken. Dass sie dabei auch gesellschaftliche Aspekte im Auge behält, ist Teil jeder Corporate Responsibility-Strategie. Corporate Responsibility ist das (freiwillige) Commitment einer Unternehmung, Gelegenheiten zur Verstärkung ihres Gesamtbeitrages an die Gesellschaft zu suchen und zu ergreifen als Teil ihrer Kernaufgabe, den langfristigen Unternehmenswert zu maximieren. Ohne Langfristdenken geht das nie.

*) Graham, J.R., Harvey, C., R., Rajgopal, S., 2004, The Economic Implications of Corporate Financial Reporting, NBER Working Paper No. 10550, June 2004

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic

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