Spende oder Rohstoff?

Menschliche Gewebe oder Zellen werden in therapeutischen Anwendungen immer wichtiger. Im Gegensatz zu den Organspenden fehlen aber vielfach gesetzliche Regelungen für die Gewebe- und Zelltransplantation. Weil es hier um ein wachsendes globales Milliardengeschäft geht, sind internationale Spielregeln auch aus ethischer Sicht dringend notwendig.

Theo von Däniken

Wenn von Transplantationsmedizin die Rede ist, denken die meisten Menschen an Transplantationen von ganzen Organen wie Leber, Nieren oder Herzen. Zunehmend werden aber auch Gewebe oder Zellen von Menschen für therapeutische Zwecke transplantiert, so etwa Hautgewebe bei schweren Verbrennungen oder Knochenmark für die Therapie von Leukämie. Die Verwendung und Transplantation von Geweben oder Zellen von erwachsenen Menschen ist im Gegensatz zu ebenfalls heftig diskutierten Verwendung von embryonalen Stammzellen in der Medizin bereits alltägliche Tatsache.

Klärung ethischer Fragen

Wie bei der Organtransplantation oder bei embryonalen Stammzellen ist die medizinische Therapie und Forschung auch bei der Gewebetransplantation auf Spenderinnen und Spender angewiesen, die Teile ihres Körpers nach dem Tod zur Verfügung stellen. Anders als bei Organen ist der Umgang mit menschlichen Zellen und Geweben aber bisher in vielen Ländern kaum geregelt. Auch hier stellen sich aber wichtige ethische Fragen, die bei dem bereits zum Milliardengeschäft gewordenen Umgang mit menschlichen «Rohstoffen» einer Klärung bedürfen.

Expertinnen und Experten aus 15 Ländern diskutierten auf Einladung des Lehrstuhl für Biomedizinische Ethik ethische Fragen zur Zell- und Gewebetransplantation. (Bild: zVg)

An einem vom Lehrstuhl für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich organisierten internationalen Symposium erörterten Expertinnen und Experten in der vergangenen Woche aus Sicht der Wissenschaft, der klinischen Anwendung und der Behörden ethische Fragen im Zusammenhang mit der Transplantation von Geweben und Zellen. «Ziel war es, Grundlagen für globale Richtlinien zu erörtern », erklärt Nikola Biller-Andorno, Professorin für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich und Organisatorin des Symposiums. Die Tagung wurde von der World Health Organization (WHO) unterstützt, die gegenwärtig Leitlinien für den Umgang mit Zell- und Gewebetransplantation erarbeitet. Die Ergebnisse der Tagung werden in die Arbeiten der WHO einfliessen.

Komplexe Verarbeitungsprozesse

Akzentuierter als bei den Organspenden stellt sich im Bereich der Gewebe- und Zelltransplantation die Frage nach der Kommerzialisierung. Denn das gespendete Gewebe oder die Zellen werden nicht 1:1 wieder eingesetzt, sondern sind Ausgangspunkt eines Verarbeitungsprozesses, an dessen Ende erst das eigentliche Implantat steht. Beispielsweise werden aus Knochensubstanz Gelenkimplantate hergestellt, die zum Teil aus menschlichem Gewebe, zum Teil aus Metall oder Kunststoff bestehen.

Sollen nun solche Bearbeitungsprozesse von profitorientierten Unternehmen angeboten werden können? Und wenn ja, wie ist der Zugang dieser Unternehmen zum «Rohmaterial», den gespendeten Geweben und Zellen, geregelt? Und für welche Zwecke sollen die so produzierten Implantate verwendet werden können?

Schutz vor Kommerzialisierung der Spenden

«Der Grundgedanke des Spendens sollte in jedem Fall aufrechterhalten werden», erklärt Biller-Andorno. «Das hat sich am Symposium als ein Leitgedanke herauskristallisiert». Gewebe oder Zellen sollen also von Spenderinnen und Spendern nicht aus kommerziellen Überlegungen zur Verfügung gestellt werden.

Das internationale Geschäft mit menschlichen Geweben und Zellen braucht unbedingt weltweit anerkannte ethische Grundregeln, ist Nikola Biller-Andorno, Professorin für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich, überzeugt. (Bild: Adrian Ritter)

Dies muss jedoch die Weiterverwendung der Gewebe durch kommerziell orientierte Firmen nicht ausschliessen. So können etwa nicht-profitorientierte Organisationen als Vermittler auftreten, wenn es den Unternehmen untersagt ist, sich direkt an Spenderinnen und Spender zu wenden,. «Damit kann der Gedanke des «Stewardship» – also dass die Empfänger sich in erster Linie als Treuhänder, nicht als Verwerter der gespendeten Gewebe sehen – besser umgesetzt werden», so Biller-Andorno.

Eine ebenso wichtige Voraussetzung ist Information der Spendenden oder ihrer Angehörigen darüber, welche Gewebe für welche Zwecke entnommen werden. «Insbesondere in Entwicklungsländern sollten die Spenderinnen und Spender aufgeklärt werden, ob die Gewebe im Land selber oder im Ausland verwendet werden und ob sie für medizinisch notwendige Therapien oder etwa für kosmetische Zwecke verwendet werden.» Menschliche Gewebe und Zellen aus Entwicklungsländern als Rohstoff für eine kosmetische Industrie in den westlichen Ländern: Eine erschreckende Vorstellung.

Internationale Regelungen notwendig

«Gerade deshalb sind globale ethische Regeln in diesem Bereich notwendig», erklärt Biller-Andorno, «denn es gibt international tätige Unternehmen mit Sitz in den Industrieländern, die Tochterfirmen in den Entwicklungsländern unterhalten.» Mangelnde Regelungen haben dazu geführt, dass kaum durchschaubar ist, wer welche Geschäfte treibt. «Die WHO versucht im Moment, einen Überblick über die weltweiten Akteure und Aktivitäten zu erhalten. Dies ist schwierig, denn viele Unternehmen lassen sich nicht gerne in die Karten blicken, was ihre geschäftlichen Arrangements betrifft. Auch wie generell akzeptierte Regeln umgesetzt werden, ist schwer zu beurteilen, z.B. welche Informationen Spenderinnen und Spender bzw. deren Angehörigetatsächlich erhalten.»

Welche Anwendungen sind legitim?

Neben dem Schutz vor Kommerzialisierung und der Information der Spenderinnen und Spender – ebenso wie der Empfängerinnen und Empfänger – muss auch die Legitimität des Verwendungszwecks geregelt werden. «Dabei muss lebenserhaltenden Therapien sicher erste Priorität eingeräumt werden», wie Biller-Andorno erklärt. «An zweiter Stelle stehen Verwendungszwecke, die für die Betroffenen eine bedeutende Verbesserung der Lebensqualität bringen.» Auch Forschung und Ausbildung müssen in einer solchen Priorisierung ihren Platz finden. Wenig bis kein Gewicht dürften hingegen Verwendungszwecke finden, die keine medizinische Indikation haben und etwa der Verschönerung dienen.

Wie auch immer eine internationale Regelung aussehen wird, ethische Fragen werden darin eine wichtige Rolle spielen müssen, ist Biller-Andorno überzeugt. «Einige der zentralen Anliegen aus ethischer Sicht sind eng mit Aspekten der Sicherheit verknüpft. Das gibt ihnen in der Diskussion ein anderes Gewicht.» Aus Sicht eines Abnehmers sei es wichtig, zu wissen, woher ein Gewebe stammt, wie es aufbewahrt, transportiert und verarbeitet wurde, ob es nicht mit möglichen Krankheitserregern infiziert ist, etc. Er muss davon ausgehen können, dass die Spender bekannt sind und richtig informiert wurden und dass auch in der weiteren Verarbeitung Qualitätsstandards eingehalten wurden. Hier sieht Biller-Andorno einen Ansatzpunkt, ethische Gesichtspunkte in den Regelungen zu verankern.

Nicht durch die Hintertür

«Die Ethik soll aber nicht nur durch die Hintertür erscheinen», macht Biller-Andorno deutlich. Denn auch wenn die Fragestellungen im Vergleich zu Organspenden und zum Thema der embryonalen Stammzellen vielleicht weniger brisant erscheinen, weil es in erster Linie um Spenden von verstorbenen Erwachsenen geht, so steht doch letztlich die elementare Frage im Raum, welches Verhältnis der Mensch zu sich und seinem Körper hat.

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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