Die Situation der Hochschulen im Irak

Von der politisch instabilen Lage im Irak sind auch Bildung und Wissenschaft betroffen. Hashim Al-Tekriti, Professor für Geschichte an der Universität Bagdad, berichtete in einem Referat über die aktuelle Situation der Hochschulen.

Adrian Ritter

Ungewisser Blick in die Zukunft seines Faches. Hashim Al-Tekriti, Professor für Geschichte an der Universität Bagdad. (Bild: Adrian Ritter)

Es gab sie, die Blütezeit der Geschichtswissenschaft an der Universität Bagdad. Sie endete gemäss Al-Tekriti in den 1960er Jahren, als politische Kräfte an die Macht kamen, die wenig von Wissenschaft verstanden, aber umso genauer wussten, welches Geschichtsbild der Bevölkerung vermittelt werden soll.

Die Folge war eine «fortschreitende Rückständigkeit» der historischen Wissenschaft, verbunden mit Einschüchterungen und fehlender Freiheit des Denkens und Forschens. So konzentrierte sich das Fach in erster Linie auf die politische Geschichte des Irak und der arabischen Länder, wobei frühere Regimes verherrlicht wurden und die neuere Geschichte des Landes in Lehre und Forschung kein Thema sein durfte. «Wissenschaftliche Arbeiten glichen eher chronologischen Aufzählungen denn analytisch-kritischen Auseinandersetzungen», so Al-Tekriti.

Gefährliche Meinungsäusserung

Zwar bestünden heute offiziell keine Verbote mehr betreffend Forschungsthemen und der Lehrplan enthalte neuerdings auch das Fach «Demokratie und Menschenrechte», so Al-Tekriti. Aber Krieg und Embargo haben ihre Spuren hinterlassen. So fielen beim Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten im Frühjahr 2003 die Bestände mehrerer Bibliotheken Plünderern zum Opfer. Die Bibliothek der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Bagdad wurde gar gänzlich niedergebrannt.

Auch heute fühlen sich die Dozierenden physisch bedroht, berichtete Al-Tekriti. Mehrere seiner Kollegen sind seit 2003 entführt oder ermordert worden, weil sie ihre politischen Ansichten allzu öffentlich gemacht hatten. Mit Blick auf einen bis heute nicht wieder aufgetauchten Kollegen meinte er: «Wir wissen zwar nicht, wer ihn entführt hat, aber wir wissen, dass der Grund seine politischen Äusserungen waren.»

Webauftritt der Universität Bagdad: Die Umstände erlauben es ihr nicht, den Studierenden und Mitarbeitenden eine gute Basis für Forschung und Lehre zu liefern. (Bild: Internet)

Forschung findet kaum statt

So ist es nach den Einschränkungen unter dem alten Regime heute vor allem die unsichere Situation, welche die Wissenschaft behindert. Die 20 Universitäten des Landes mit ihren rund 208’000 Studierenden haben den Anschluss an die Wissenschaft zu einem grossen Teil verloren. Besserung ist bisher nicht in Sicht, denn eine strategische Planung für die Zukunft des Hochschulwesens fehlt.

Es dominieren die alltäglichen Probleme: Die Anzahl der Professorinnen und Professoren ist gering und diese finden kaum Zeit für Forschung, weil sie sich wegen der schlechten Entlöhnung mit Nebenjobs ein Einkommen sichern müssen. Al-Tekriti und seine Kollegen in der Geschichtswissenschaft haben gar seit eineinhalb Jahren keinen Lohn mehr erhalten.

Dass das wissenschaftliche Niveau im Irak tief ist, hat auch damit zu tun, dass in der Vergangenheit nicht selten mehr die politische Loyalität denn die Qualifikation über eine Anstellung entschied. Vielen Wissenschaftlern fehlen beispielsweise die nötigen Kenntnisse von Fremdsprachen, um sich über den internationalen Stand ihres Faches informieren und Kontakte knüpfen zu können.

Sicherheit geht vor

Was tun in einer solch schwierigen Situation? Kurzfristig brauche der Irak Unterstützung durch qualifizierte Lehrkräfte aus den umliegenden Ländern, ist Al-Tekriti überzeugt. Mittelfristig müsse die Selektion der Angehörigen der Universität verschärft werden. Auslandaufenthalte zur Weiterbildung sollen das wissenschaftliche Niveau anheben und die Entwicklung von Lehre und Forschung müsse durch Evaluationen begleiten werden.

Vor allem aber benötigten die Institute mehr Ressourcen für ihre Infrastruktur und bessere Löhne. Al-Tekriti ist sich bewusst, dass seine Empfehlungen an genau diesen im Irak fehlenden Ressourcen scheitern können. Was an Ressourcen im Land vorhanden ist, wird in der gegenwärtigen Situation vor allem benötigt, um die Sicherheit wieder herzustellen. Die Sicherheitssituation sei es denn auch, von der zu einem grossen Teil abhängt, wie sich die Hochschulen entwickeln werden: «Auch an den Universitäten muss die Sicherheit unbedingt verbessert werden.»

Prof. Hashim al-Tekriti studierte Geschichte an der Universität Bagdad und doktorierte in Moskau. Seit 1988 ist er Professor für neuere Geschichte an der Universität Baghdad. Er besucht momentan auf Einladung der Universitäten Basel, Bern und Zürich die Schweiz und berichtet über die Situation der Hochschulen im Irak.  

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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