Behinderung anders denken

«Disability Studies» untersuchen Fragen zu Behinderung aus der Sicht der Betroffenen. Der Ansatz ist im deutschsprachigen Raum noch nicht sehr verbreitet. Anfang Juli fand an der Universität Zürich als schweizerische Premiere die «Zurich Summer School in Disability Studies» statt.

Adrian Ritter

Rund 30 Personen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und den USA beteiligten sich mit eigenen Beiträgen an der «Zurich Summer School in Disability Studies». (Bild: Schweizerische Gesellschaft für Disability Studies)

Die Veranstaltung bot Menschen mit und ohne Behinderung die Möglichkeit, ihre eigenen Forschungs-, Kultur- oder Sozialprojekte zum Thema Behinderung vorzustellen. Rund 30 Personen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und den USA haben daran teilgenommen. Die Themen reichten von den theoretischen Grundlagen der Disability Studies über die pränatale Diagnostik bis zur Situation von Menschen mit Behinderung in Peru. Organisiert wurde die Veranstaltung von Mitarbeitenden des Institutes für Sonderpädagogik (ISP) und des Institutes für Populäre Kulturen (IPK) der Universität Zürich. unipublic hat sich mit Dr. Jan Weisser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISP, über die Veranstaltung unterhalten.

unipublic: Was sind «Disability Studies»?

Jan Weisser: Der Ansatz geht davon aus, dass Fragen rund um Behinderung zwar wissenschaftlich erforschbar sind, die Forschenden dabei aber von den Erfahrungen der betroffenen Personen ausgehen müssen. Erste «Disability Studies» wurden in den 1970er Jahren in den USA und Grossbritannien von Aktivistinnen und Aktivisten der Behindertenbewegung initiiert. Sie betonten, dass «Behinderung» nicht die Folge beispielsweise einer körperlichen Schädigung ist, sondern das Resultat eines gesellschaftlichen Ausschlusses. So entstanden Slogans wie «Man ist nicht behindert, man wird behindert».

Weil jede Person in bestimmten Situationen gesellschaftlich ausgeschlossen sein kann?

Ja, der Begriff der Behinderung kann nicht auf sichtbare Zeichen wie einen Blindenstock, ein Hörgerät oder einen Rollstuhl reduziert werden. Eine chronische Krankheit, fehlende Identitätspapiere oder Armut können ebenfalls ausschliessend sein und Menschen behindern. Die meisten Menschen sind in gewissen Situationen durch die Gesellschaft in ihrem Tun eingeschränkt. So haben zum Beispiel Menschen mit Rollstuhl oft dieselben Mobilitätsprobleme wie ältere Menschen oder solche, die mit einem Kinderwagen unterwegs sind.

«Die meisten Menschen sind in ihrem Tun durch die Gesellschaft in irgendeiner Form eingeschränkt». Jan Weisser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik und Mitorganisator der Veranstaltung. (Bild: Adrian Ritter)

Disability Studies relativieren also den Begriff der Behinderung?

Sie relativieren ihn nicht in dem Sinne, dass es Behinderung nicht gibt. Im Gegenteil: Behinderung bildet als grundsätzliche Lebenserfahrung den Ausgangspunkt von Disability Studies. Der Blick wird aber von der betroffenen Person auf die gesellschaftliche Situation gelenkt, die überhaupt dazu führt, dass jemand als behindert bezeichnet wird. Ein Beispiel: Die Art der Bestuhlung in einem Flugzeug trägt mit dazu bei, ob eine Person als übergewichtig bezeichnet wird oder nicht.

Inwiefern wollen Disability Studies die Gesellschaft verändern?

Disability Studies verbinden die beiden Ebenen von Wissenschaft und Politik. Primär wollen sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse schaffen über gesellschaftliche Verhältnisse, welche Behinderungen hervorbringen. Gleichzeitig gibt es die politische Ebene, die sich aus dem Ursprung der Disability Studies in der Behindertenbewegung ergibt.

Dabei geht es darum, die gewonnen Resultate zu nutzen für politische Massnahmen, welche behindernde Umstände verändern. Auf der anderen Seite sollen Aussagen zur gesellschaftlichen Realität gemacht werden können. Um beim Beispiel zu bleiben: Die Ernährungsindustrie oder die Werbung haben ebenfalls einen Einfluss auf die Entstehung von Übergewicht und die Frage, ob daraus eine «Behinderung» wird.

Inwiefern unterscheiden sich Disability Studies von der herkömmlichen Sonderpädagogik?

Einerseits durch das radikalere Hinterfragen des Begriffes der Behinderung, andererseits durch die Forschungspraxis. Die Sonderpädagogik ist von ihrer Geschichte her immer in Gefahr, einen fixen Behinderungsbegriff als Ausgangspunkt zu nehmen.

Zum Beispiel gilt ein Intelligenzquotient unter einem bestimmten Wert als Lernbehinderung beziehungsweise als geistige Behinderung. Die Sonderpädagogik akzeptiert und produziert selber solche Ausgangspunkte und fragt dann nach möglichen Massnahmen. Disability Studies aber fragen: Wie kommt es dazu, dass ein bestimmer IQ dazu führt, dass man als behindert bezeichnet und entsprechend behandelt wird?

Worin unterscheidet sich die Forschungspraxis von der Sonderpädagogik?

Disability Studies verstehen sich als transdisziplinär, also über die Disziplinen in die Gesellschaft hinausgehend. Die Zusammenarbeit mit Menschen mit einer Behinderung im gesamten Forschungsprozess hat dabei einen höheren Stellenwert als in der herkömmlichen Sonderpädagogik.

Welchen Stellenwert haben Disability Studies innerhalb der Wissenschaft?

Im englischsprachigen Raum gibt es eigene Lehrstühle und Zentren für Disability Studies. In Kontinentaleuropa wurde der Ansatz in der Wissenschaft lange Zeit nicht wahrgenommen oder als unwissenschaftlich abgelehnt. In den letzten Jahren hat sich das langsam geändert.

Das Institut für Sonderpädagogik an der Universität Zürich erlebe ich diesbezüglich als innovativ; der Ansatz wird als Bereicherung aufgefasst. 2005 konnten wir erstmals eine Lehrveranstaltung zu Disability Studies durchführen und der Ansatz fliesst zum Teil in Forschungsprojekte ein.

Welche Bedeutung hat die erste Summer School für Disability Studies?

Es war eine thematisch breit angelegte Auslegeordnung. Eine wichtige Funktion war, Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zu vernetzen: Forschende aus dem universitären Umfeld und Personen von ausserhalb, verschiedene Fachrichtungen, verschiedene Länder, Personen mit und ohne Behinderung kamen ins Gespräch. Der Wunsch der Teilnehmenden war klar, eine solche Summer School zu wiederholen, um die Themen vertiefen zu können.

Wie sieht die Zukunft der Disability Studies an der Universität Zürich aus?

Wünschenswert wäre ein dauerhaftes Forum für Disability Studies. Für die Universität Zürich ist es wichtig, dieses Lernfeld zu etablieren. Schliesslich hat auch die Universität den Auftrag, das Behindertengleichstellungsgesetz umzusetzen. Eine Veranstaltung wie die Summer School sammelt für die gesamte Institution wertvolle Erfahrungen, wie eine barrierefreie Wissenschaft aussehen kann.

Die erste «Zurich Summer School in Disability Studies» wurde von Dr. Erich Otto Graf und Dr. Jan Weisser vom Institut für Sonderpädagik sowie Cornelia Renggli vom Institut für Populäre Kulturen (bisher: Volkskundliches Seminar) organisiert. Die Veranstaltung wurde getragen von der Schweizerischen Gesellschaft für Disability Studies. Die Beiträge der Summer School erscheinen voraussichtlich im November in der Reihe «acta empirica. Gesellschaft und Behinderung» im Verlag Soziothek.

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000