Krankheit statt Rebellion

Die liberalere Drogenpolitik in der Schweiz hat nicht zu dem von den Gegnern befürchteten Anstieg der Heroinabhängigen geführt. Vielmehr ist die Anzahl der neuen Abhängigen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Dies zeigt eine Studie der beiden Forscher Carlos Nordt und Rudolf Stohler von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Theo von Däniken

1991 führte die Schweiz in der Drogenpolitik das so genannte «Vier-Säulen-Prinzip» ein. Dies bezeichnet eine umfassende Drogenpolitik auf den vier Bereichen Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Gegner dieses Ansatzes, der unter anderem die Methadon- und Heroinabgabe an Süchtige einschloss, sahen darin eine Verharmlosung des Heroinkonsums und warnten vor einer Zunahme des Drogenkonsums.

Die vom Soziologen Carlos Nordt und dem Psychiater Rudolf Stohler vom Zentrum für Abhängigkeitsstörungen der Psychiatrischen Universitätsklinik ausgewerteten Zahlen aller Methadonbehandlungen im Kanton Zürich sprechen nun aber eine deutliche Sprache: Bei Einführung des «Vier-Säulen-Prinzips» im Jahr 1991 lag die Zahl der Neueinsteiger bei 850 Personen im Jahr für den Kanton Zürich. Zehn Jahre später waren es noch rund 150.

«Die liberalere Drogenpolitik hat also bestimmt nicht zu einem Anstieg der Drogenkonsumierenden geführt», erklärt Carlos Nordt. Ob die Abnahme allein mit der geänderten Drogenpolitik begründet werden kann, darauf will sich Nordt nicht festlegen. In anderen Ländern, wie etwa Italien oder Australien, die vergleichbar viele Neueinsteigern aufwiesen, wurde jedoch kein derartig starker Rückgang gefunden.

Attraktivitätsverlust statt Verharmlosung

Im Gegensatz zur Befürchtung, der Drogenkonsum werde verharmlost, geht Nordt davon aus, dass die von einer Mehrheit der Schweizerischen Bevölkerung getragene liberalere Politik mit ihrer «Medizinalisierung» des Problems eher dazu geführt hat, dass in den letzten Jahren Heroin für Jugendliche immer weniger attraktiv geworden ist. «Wurde der Heroinkonsum früher als rebellischer Akt angesehen, so werden heute Heroinabhängige eher als Kranke wahrgenommen», so Nordt. Dies ist für Nordt eine mögliche Erklärung für den überraschend starken Rückgang bei den Neukonsumenten.

Die Studie von Nordt und Stohler gibt erstmals eine Antwort auf die Frage, wie viele Menschen in welchem Alter in den Drogenkonsum einsteigen. Als Grundlage dienten den beiden Forschern die Daten der wissenschaftlichen Begleitevaluation aller seit 1991 durchgeführten Methadonbehandlungen im Kanton Zürich.

Weil die Daten des Zürcher Methadonprogrammes aus einem Zeitraum von 13 Jahren stammen, erfassen sie den grössten Teil der Abhängigen. «Aus einem Vergleich der Daten mit anderen Untersuchungen fanden wir heraus, dass früher oder später fast alle Abhängigen einmal ins Programm eintreten. Wir können deshalb ziemlich zuverlässige Aussagen über die Anzahl der Neueinsteiger und die Gesamtzahl der Drogenabhängigen machen.»

Herausgefunden haben Nordt und Stohler etwa, dass die Hälfte der Drogenabhängigen zwei Jahre nach dem Einstieg ein Methadonprogramm in Anspruch nehmen. Das ist viel früher, als etwa in England oder in Italien. «Aufgrund der Langzeitdaten können wir zudem relativ zuverlässig sagen, dass die restlichen 50 Prozent im Laufe der Jahre ebenfalls noch an einem Programm teilnehmen werden.»

Wenig Daten verfügbar

Weder in der Schweiz noch in den meisten anderen Ländern sind bisher Daten zu der Anzahl Einsteiger in die Heroinabhängigkeit verfügbar. Die im Kanton Zürich gemachten Beobachtung dürften jedoch nach Nordts Ansicht auf die ganze Schweiz übertragbar sein: «Es gibt einige Hinweise darauf, dass die Situation in der Schweiz vergleichbar ist mit derjenigen im Kanton Zürich.»

Angesichts der politischen Bedeutung des Problems sei es erstaunlich, wie wenig konkrete Daten dazu verfügbar seien. Im Internationalen Vergleich gibt es beispielsweise nur in Italien, England und Australien Angaben über die Zahl von Neueinsteigenden. «Mit unserer Studie haben wir nun eine einfache Methode aufgezeigt», erklärt Nordt, «wie man aus den Daten des Methadonprogrammes zuverlässige Angaben über Anzahl der Abhängigen machen kann.»

Kaum einer schafft den Ausstieg

Wenn auch seit 1991 eine stetige Abnahme der Neueinsteigenden zu verzeichnen ist, so blieb die Ausstiegsrate mit rund vier Prozent pro Jahr niedrig. «Eine höhere Ausstiegsrate läst sich aber offenbar nicht erreichen. Nur die wenigsten erreichen langfristig den Ausstieg aus der Heroinabhängigkeit», konstatiert Nordt. Die Resultate einer Langzeitstudie aus den USA legt nahe, dass auch Heroinabhängige die nur selten an Methadonbehandlungen teilnahmen, nicht schneller den Ausstieg finden.

«Das Ziel der Abstinenz scheint weder mit einer liberalen noch mit einer repressiven Drogenpolitik erreichbar», so Nordt. Im Vordergrund stehe deshalb heute, die Menschen so lange wie möglich in den Programmen und damit in Betreuung zu halten. Zudem belegen Studien aus verschiedenen Ländern, dass die Sterberate von Heroinabhängigen durch den Einschluss in Methadonprogramme um das zwei- bis vierfache gesenkt werden kann.

Die Studie «Incidence of heroin use in Zurich, Switzerland: a treatment case register analysis» ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Lancet»erschienen.

Theo von Däniken ist Redkator von unipublic

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