Flexibilität zwischen Wunsch und Zwang

Die Wirtschaft verlangt sie und die Menschen suchen sie: flexible Möglichkeiten, Arbeit und Privatleben zu kombinieren. Eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an der Universität Zürich zeigte den Stand der Forschung zu diesem gesellschaftlich aktuellen Thema.

Adrian Ritter

Die Flexibilisierung der Arbeitswelt kann es einfacher machen oder erschweren: Familie und Arbeit unter einen Hut bringen. (Bild: Pixelquelle)

Die Tagung «Flexibilisierung – Folgen für Familie und Sozialstruktur» befasste sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung, die aufgrund von Globalisierung und verstärktem Konkurrenzdruck dazu führt, dass Unternehmen von ihren Mitarbeitenden zunehmend Flexibilität verlangen und weniger Sicherheit bieten können. Flexibilisiert werden als Folge davon auch die Erwerbsverläufe der Menschen. Die klassische Erwerbsbiographie mit den Etappen Ausbildung, Erwerbsphase mit Vollzeittätigkeit und Ruhestand tritt immer seltener in dieser Form auf.

PD Dr. Beat Fux vom Soziologischen Institut der Universität Zürich hat an der Tagung teilgenommen und äussert sich im Gespräch mit unipublic über die Entwicklung zu mehr Flexibilität und nötige Massnahmen, um diese sozialverträglich zu gestalten.

Unipublic: Ist die Flexibilisierung eher ein Zwang der Wirtschaft oder ein Bedürfnis der Menschen?

Eine Flexibilisierung entspricht in vielen Fällen dem Wunsch der heutigen Menschen, gerade was flexible Arbeitszeiten oder Teilzeitmodelle anbelangt. Seitens der Wirtschaft wird allerdings oft eine andere Flexibilität verlangt, die mit befristeten Anstellungen oder erfolgsabhängiger Entlöhnung die Lebensplanung erschwert und kein gesichertes Einkommen mehr bietet. Man spricht in diesem Fall auch von «prekären Arbeitsverhältnissen».

Wo steht die Schweiz bezüglich Flexibilisierung?

Die Schweiz hat eine lange Tradition, den Arbeitsmarkt möglichst wenig zu regulieren. Das ist mir an der Tagung wieder einmal bewusst geworden aufgrund der Voten der Kollegen aus Deutschland, wo der arbeitsrechtliche Schutz viel weitergehend ist. In der Schweiz sind sich die Arbeitnehmenden eher gewohnt, ihr Erwerbsleben aktiv zu planen und beispielsweise in Weiterbildung zu investieren.

Ziemlich ausgeprägt ist in der Schweiz auch die Teilzeitarbeit. Der Anteil dieser Beschäftigten liegt mit rund 31 Prozent deutlich höher als in der EU mit rund 19 Prozent. Die häufigere Teilzeitarbeit in der Schweiz wird einerseits durch das höhere Lohnniveau ermöglicht, andererseits durch die weniger stark ausgebauten Betreuungsmöglichkeiten für Kinder erzwungen.

Präsentierte an der Tagung eine Studie, welche die Einstellung der Bevölkerung zur Flexibilisierung untersucht hat: Dr. Beat Fux vom Soziologischen Institut der Universität Zürich. (Bild: Adrian Ritter)

Sie haben an der Tagung eine Studie vorgestellt, in der die Bevölkerung in 15 europäischen Ländern über ihre Einstellungen zur Flexibilisierung befragt wurde. Wie sehen die Resultate aus?

Der Wunsch nach Flexibilisierung im Sinne von Teilzeitarbeit ist in allen Ländern vorhanden, der Wunsch nach Autonomie nimmt zu. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität ist allerdings oft gross. Der Anteil der Befragten, bei welchen in der Partnerschaft zwar sowohl der Mann wie auch die Frau erwerbstätig sind, aber nicht beide Vollzeit arbeiten, liegt bei rund 15 Prozent.

Den Wunsch nach einem solchen Arbeitsmodell äusserten aber rund 32 Prozent der Befragten. Die Befragten sind sich allerdings bewusst, dass solche Modelle nicht nur mehr Zeitautonomie ermöglichen, sondern auch Lohneinbussen und Unsicherheit betreffend der Sicherheit des Arbeitsplatzes mit sich bringen.

An der Tagung wurden auch Massnahmen diskutiert, um negative Auswirkungen der Flexibilisierung aufzufangen. Welche erachten Sie als nötig?

Aufgabe des Sozialstaates ist es meiner Ansicht nach, als vermittelnde Instanz zwischen Wirtschaft und Individuum aufzutreten. Er sollte dafür sorgen, dass beispielsweise Teilzeitarbeit nicht benachteiligt ist, etwa bei der Altersvorsorge. Aufgabe des Staates ist es auch, für die nötige Infrastruktur und Rahmenbedingungen zu sorgen, damit die Flexibilisierung überhaupt möglich ist. Ich denke dabei an die ausserfamiliäre Kinderbetreuung und Schulzeiten, die auf die Arbeitszeiten der Eltern Rücksicht nehmen.

Wie kann Arbeitnehmenden in «prekären Arbeitsverhältnissen» geholfen werden?

Ziel muss es sein, auch bei flexiblen Arbeitsverhältnissen grösstmögliche Sicherheit zu garantieren. Diese Mischung aus Flexibilität und Sicherheit wird bisweilen auch als «Flexicurity» bezeichnet.

Gefragt sind von staatlicher Seite Innovationen bei den Sozialversicherungen. «Hochrisikogruppen» mit befristeten, auf einzelne Projekte bezogenen Arbeitsverhältnissen zum Beispiel benötigen neue Formen der Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit. Die selbstständig Erwerbenden sollten auch endlich berücksichtigt werden bei den Kinderzulagen. Die heutigen Instrumente des Sozialstaates orientieren sich noch zu stark am früheren Normalarbeitsverhältnis, das es in Zukunft vermutlich immer weniger geben wird.

Beat Fux ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Institut der Universität Zürich. Zu seinen Schwerpunkten gehören unter anderem die Familienforschung, Soziodemographie und Sozialpolitik. Er ist Autor des Buches «Familiale Lebensformen im Wandel» (Bundesamt für Statistik, 2005) und Chefredaktor der Schweizerischen Zeitschrift für Soziologie.

Die Tagung der Sektionen «Familiensoziologie» und «Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse» der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 12./13. Mai 2006 fand auf Einladung von Professor Mark Szydlik vom Soziologischen Institut der UZH statt. Die Ergebnisse der im Interview erwähnten «Population Policy Acceptance Study – The Viewpoint of Citizens and Policy Actors Regarding the Management of Population Related Change» werden im Laufe des Jahres 2006 in Buchform veröffentlicht. Die Studie basiert auf der Befragung von rund 24`000 Bürgerinnen und Bürgern sowie Experten in 15 europäischen Ländern. In der Schweiz sind nur Experten befragt worden.

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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