Das nächste Megaprojekt wartet bereits

«The Gates» von Christo und Jeanne-Claude war das Kunstereignis des letzten Jahres. Nun präsentieren sich die Starkünstler in der Schweiz. Von Lugano bis Zürich. Und gestern an der Universität. In einem rasanten Dia-Vortrag kommentierte das Paar sein jüngstes Projekt und warf einen Blick in die Zukunft.

Sascha Renner

Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude war am Dienstag zu Besuch an der Universität Zürich. (Bild: Sascha Renner)

Die Bilder gingen um die Welt: Ein glühendes Schmuckband, bestehend aus Tausenden safranfarbener Segel, schlang sich entlang gewundener Spazierpfade durch den winterlichen Central Park in New York. Hunderttausende verzückter Besucher schritten Christo und Jeanne-Claudes «The Gates» wie bei einer feierlichen Prozession ab. Als die flüchtige Installation nach nur 16 Tagen wieder verschwand, blieben die Erinnerungen – und eine grosse Anzahl von Zeichnungen, Collagen und Fotografien.

Diese sind ab kommendem Samstag erstmals in Zürich zu sehen, in der temporären Ausstellungshalle der Credit Suisse auf der Sechseläutenwiese beim Bellevueplatz. Die Grossbank, die dieses Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert, möchte damit «ihrer Gründerstadt Zürich ein Geschenk machen». Wer die 7532 Tore also nicht selber abwandern konnte, wird sich demnächst anhand der Dokumentation einen Eindruck verschaffen können.

Das neue Projekt «Over the River» sieht vor, einen Abschnitt des Arkansas River mit silbernen Stoffbahnen zu überziehen.  (Bild: zVg)

«Over the River» bis spätestens 2009

Und wer nicht so lange warten wollte, kam schon gestern an die Uni. Dort informierten die beiden Künstler mit einer Dia-Schau bildgewaltig über ihr jüngstes Projekt. Nachdem sämtliche Lichter in der nur zur Hälfte besetzten Aula ausgegangen waren, gings sogleich temporeich zur Sache. Mit kräftig-kantiger Stimme führte Christo in englischer Sprache in die gemeinsame Arbeit ein. Die Präsentation liess indes keinen Zweifel daran, wo zurzeit sämtliche «Zeit, Liebe, Energie und Mittel» der Vortragenden gebunden sind: im Projekt «Over The River», das frühestens 2009 realisiert werden kann – wenn alles perfekt läuft.

Fotos gaben einen Eindruck von den aufwändigen Recherchen und Vorarbeiten, die es dereinst ermöglichen sollen, einen mehrere Kilometer langen Abschnitt des Arkansas River in Colorado mit silbernen Stoffbahnen zu überziehen. Die Künstler arbeiten hierzu intensiv mit Ingenieuren zusammen, und auch erste Life-size-Tests wurden bereits durchgeführt.

Immense Lobbyarbeit

Bewusst wurde den Zuhörern dabei vor allem eines: Welch immense Überzeugungs-, Verhandlungs- und Lobbyingarbeit hinter den Grossprojekten steht. Dutzende von Fotos zeigten Christo und Jeanne-Claude bei Treffen mit Behördenvertretern und Politikern, an Gemeindeversammlungen und sonstigen Informationsveranstaltungen. Dies ist einerseits notwendig, um die entsprechenden Bewilligungen zu erhalten – oft ein jahre-, wenn nicht jahrzehntelanger Prozess – und anderseits, um die Finanzierung der Projekte zu gewährleisten.

Ob es sie nicht langweile, so viel Zeit dafür aufzuwenden, wollte ein Zuhörer wissen. «Wir betrachten diesen Prozess als Teil des Werks», entgegnete Jeanne-Claude, «aber nicht als Ziel. So wie auch eine Schwangerschaft irgendwann zum Baby führen sollte.» Dass die Bemühungen des Paars längst nicht immer von Erfolg gekrönt sind, daran erinnert in der Ausstellung ein 230-seitiges Buch: die Absage der Stadt New York an die erstmalige Beantragung von «The Gates» 1980.

Christo und Jeanne-Claude beim Signieren nach ihrem Vortrag in der Aula der Universität Zürich.  (Bild: Sascha Renner)

«Kunst ist unser Leben»

Vom Tatendrang und der Ausdauer der wirbelnden Kunstderwische konnte sich das Publikum gestern selbst überzeugen. Nicht nur rauschte das Paar hoch routiniert durch die Dia-Präsentation, auch zeigte sich Jeanne-Claude in der anschliessenden Fragerunde ungeduldig, wenn das Mikrofon nicht rasch genug zum nächsten Fragesteller wanderte («We have to work!»). Tatsächlich sind die beiden dieser Tage besonders viel beschäftigt: Ausstellungseinrichtung und –eröffnung in Lugano und Zürich, weitere Vorträge an der ETH und im Kunsthaus, Galas für den Gastgeber Credit Suisse.

In einem Interview in der Sonntagszeitung gaben sie kürzlich zu Protokoll: «Wenn Sie uns fragen, ob wir weniger arbeiten wollen, dann können Sie uns genauso gut fragen, ob wir mit Atmen aufhören wollen. Kunst ist unser Leben.» Und so verzog sich der unwirkliche Duft von Glamour und künstlerischem Freigeist nach eineinhalb Stunden ebenso rasch aus den Hallen der Universität, wie er gekommen waren.

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals.

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