Glücklicher Leben

Alle suchen das grosse Glück - doch oft am falschen Ort, weiss Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey. Seine ökonomische Glücksforschung will das ändern. Sie beschäftigt sich mit den Voraussetzungen für ein zufriedenes Leben.

Roger Nickl2 Kommentare

Seichte Soaps und triste Talks: Wer kennt es nicht, das laue Gefühl, das einen nach einem mittelprächtigen Fernsehabend zuweilen beschleicht. Eigentlich hätte man die Zeit besser nützen können. Über die ganze Lebenszeit gerechnet, verbringen wir heute fast gleich viel Zeit vor dem Sofakino wie am Arbeitsplatz. Eindeutig zu viel, befand Bruno S. Frey und zog die Konsequenzen: Er hat den Fernseher aus seinem Wohnzimmer verbannt.

Bruno S. Frey ist Ökonomieprofessor an der Universität Zürich; mit dem TV-Konsum und seinen Folgen für unser Wohlbefinden hat er sich auch wissenschaftlich auseinander gesetzt. «Does watching TV make us happy?», wollte er in einer aktuellen Studie wissen, die er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Christine Benesch und Alois Stutzer gemacht hat. Macht uns das Fernsehschauen wirklich glücklich?

«Menschen, die selbständig arbeiten, sind oft zufriedener; obwohl sie mehr arbeiten und weniger verdienen als Angestellte.» Bruno S. Frey, Ökonom (Bild: Meinrad Schade)

Unökonomischer Umgang mit dem Fernseher

Viele Leute schauen mehr Fernsehen, als ihnen gut tut, haben die Forscher des Instituts für empirische Wirtschaftsforschung herausgefunden. «Viele haben Mühe, mit dem Fernsehen ökonomisch umzugehen, das ist ein echtes Problem», sagt Bruno S. Frey, «da muss man nach Lösungen suchen, um diese Situation zu überwinden.»

Von den Befragten bedauerten vor allem Menschen mit hohen Opportunitätskosten, Leute also, die mit ihrer Zeit viel anderes hätten anfangen können, einen übermässigen TV-Konsum und fühlten sich unzufrieden. Besonders betroffen und entsprechend unglücklich zeigten sich Personen mit flexiblen Arbeitszeiten, die also frei zwischen Arbeits- und Freizeit entscheiden können. Weniger negativ eingeschätzt wurde der häufige TV-Genuss dagegen etwa von Pensionierten oder Arbeitslosen, ökonomisch ausgedrückt von Menschen mit tiefen Opportunitätskosten, und von Angestellten mit fixen Arbeitszeiten. Was die Forscher auch herausfanden: Häufiges Fernsehen steigert das Verlangen nach materiellen Gütern. Es fördert aber auch die Angst – beides Faktoren, die nicht gerade Glücksgefühle auslösen.

Glück aus der Sicht des Ökonomen

Dass sich ein Wirtschaftswissenschaftler mit unserem Verhalten vor der Flimmerkiste beschäftigt, ist aussergewöhnlich. Überraschend ist auch der Forschungsschwerpunkt von Bruno S. Frey. Frey beschäftigt sich mit dem Glück – seine Studie über die Folgen des TV-Konsums ist ein Puzzlestein dieser ökonomischen Glücksforschung. «Wirtschaft ist kein Selbstzweck. Ihr Ziel sollte es sein, die Menschen möglichst glücklich zu machen.» Ein Aspekt, der bislang nur wenig Beachtung fand: Zwar ist es üblich, die ökonomische Tätigkeit eines Landes zu beobachten und mit dem Sozialprodukt zu erfassen – ob eine Erhöhung des Sozialproduktes und der Einkommen tatsächlich zu mehr Zufriedenheit führt, wird allerdings meist nicht gefragt. Ein Versäumnis, findet Bruno S. Frey. Mit seiner Glücksforschung will er das bisher Verpasste nun nachholen.

Überschätztes Einkommen

Was sich in den Studien der Wirtschaftsforscher zeigt: Nicht alles, was wir als nützlich erachten, um unsere Zufriedenheit zu erhöhen, ist dies tatsächlich auch. Ein Beispiel ist das Einkommen: Ein hoher Lohn wird oft als wichtigster Faktor für ein glückliches Leben angesehen. Geld allein macht aber tatsächlich nicht glücklich, bestätigen die Zürcher Ökonomen in einer Studie.

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Was glücklich macht: Freundschaft …

Dauernd unterschätzt wird dagegen der Wert von Freundschaften und Beziehungen. Sie sind ein wesentlicher Faktor für ein zufriedenes Leben, wie die Forscher in ihren Studien unterstreichen. Deshalb plädieren sie für ein vernünftiges Verhältnis von Freizeit und Arbeit, für eine – neudeutsch gesprochen – ausgewogene Work-Life-Balance. Bruno S. Frey: «Wir sagen den Leuten: Ihr müsst euch nicht wundern, dass ihr weniger glücklich seid, wenn ihr nur auf das Einkommen achtet.»

…Selbstbestimmung …

Ein weiterer zentraler Glücksfaktor ist die Selbst- und Mitbestimmung: Menschen, die sich am Arbeitsplatz, aber auch in der Politik einbringen und entscheidend mitwirken können, sind zufriedener mit sich und ihrer Umwelt als andere. In einer breit angelegten Studie konnten die Wissenschaftler zeigen, dass direkte Demokratie die Menschen glücklicher macht. «Partizipation fördert das Wohlbefinden und den Selbstwert », ist Bruno S. Frey überzeugt. Die Schweiz gehört den Forschern gemäss deshalb zu den weltweit glücklichsten Ländern.

… mitentscheiden …

Unterstützt wird die Zufriedenheit der Bürger durch die räumliche Dezentralisierung, das Wohnen und politische Entscheiden in kleinen Gemeinden. Das sind Zusammenhänge, die bisher noch nicht untersucht wurden.

… und Autonomie

Autonomie ist auch bei der Arbeit ein wichtiger Glücksfaktor – einer, der die Frage des Einkommens oft überwiegt: «Menschen, die selbständig arbeiten, sind oft zufriedener, obwohl sie in der Regel mehr arbeiten und weniger verdienen als Angestellte», weiss Glücksforscher Frey. Fazit: Die Möglichkeit, aus einem inneren Antrieb heraus wirken zu können – in der Psychologie spricht man auch von intrinsischer Motivation –, ist für unsere Zufriedenheit oft entscheidender als äussere Anreize wie beispielsweise ein hohes Einkommen, das zu den so genannt extrinsischen Motivationen gezählt wird. Deshalb wendet sich der Ökonom auch gegen das in der Wirtschaft zunehmend verbreitete Prinzip des Leistungslohns: «Da wird der Fokus auf das Falsche gerichtet», sagt Frey.

Prototyp eines glücklichen Menschen

Freys Ansatz ist stark interdisziplinär ausgerichtet, die Fachbereiche – insbesondere mit der Psychologie – verschmelzen zuweilen. Das Ziel dieses Joint-Ventures: aufzuzeigen, was das Glück der Menschen ausmacht und folglich auch, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, um eine möglichst breite Zufriedenheit für möglichst viele Menschen zu erlangen. Nach dem bisherigen Wissensstand der Zürcher Glücksforscher: Wie sähe er denn aus, der Prototyp des glücklichen Menschen? – Sie oder er würden wohl in einer direkten Demokratie leben, sie sind selbständig erwerbend oder geniessen zumindest eine grosse Autonomie am Arbeitsplatz, sie unterhalten ein gutes soziales Netz, sind verheiratet, verdienen angemessen, sind gesund und – sie besitzen vermutlich keinen Fernseher.

Roger Nickl ist unimagazin-Redaktor.

2 Leserkommentare

Mike Müller schrieb am Politik und Gesellschaft Trotz all der Resultate der Glücksforschung ist die Gesellschaft offenbar nicht bereit sich zu ändern um glücklicher zu werden. Es geht immer darum möglichst viele materielle Güter zu erwerben und die Zeit für Familie und Freunde wird immer enger. Nicht nur für Leute in Führungspositionen, auch der "normalqualifizierte" Arbeiter, vor allem in der Industrie muss immer mehr Zeit am Arbeitsplatz verbringen und hat weniger Zeit für die Partnerschaft, für die Familie und Freunde, oder um sich mit einem Hobby selbst zu verwirklichen. Fraglich wie lange dass gut gehen wird und ob es nicht sinnvoller wäre dass Politiker sich überlegen eine "Glückpolitik" zu betreiben und die sogenannte "Wirtschaftspolitik" anders zu betrachten als bisher.
Oskar Meier schrieb am Vereine Da ich mich mit dem Wesen und der Bedeutung der Vereine - dh speziell der Dorfvereine (Turnverein, Männerchor, Musikvereine, Theatervereine) - befasse, interessiert mich besonders die Bedeutung derselben für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. ZB ist der Besuch eines Fitnesscenters kaum gleichzustellen mit dem Mittun in einem Turnverein. Haben Sie irgendwelche Forschungen in dieser Richtung angestellt? Mit freundlichen Grüssen Oskar Meier 9602 Bazenheid

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