Tschernobyl wirkt in die Gegenwart

Nuklearanlagen vom Typ Tschernobyl sind in Russland auch heute noch in Betrieb. Professor Vladimir M. Kuznetsov, Chefexperte für die Sicherheit von Kernanlagen in der damaligen Sowjetunion, schilderte im Rahmen einer Vorlesung an der Universität Zürich, welches Risiko von ihnen ausgeht.

Adrian Ritter

Der zerstörte Reaktorblock 4 in Tschernobyl kurz nach dem Unfall vom April 1986. (Bild: Green Cross Schweiz)

Gewusst hatten sie nichts. Die Mitarbeitenden des Atomkraftwerkes Tschernobyl hatten nie erfahren, dass bereits einige Jahre nach Inbetriebnahme eines gleichartigen Reaktortyps, genannt RBMK, in Leningrad ein Unfall vorgefallen war. Dieser Unfall sollte später in Expertenkreisen makaber als «Vorgeschmack» auf die Explosion vom 26. April 1986 im Reaktorblock 4 in Tschernobyl bezeichnet werden.

Über solche Vorgänge zu informieren, war aber nicht die Stärke der damaligen kommunistischen Machthaber. Sie wollten auch selber nichts davon hören, was auch Experten zu spüren bekamen. Ein Inspektor übergab dem Zentralkommitee der Kommunistischen Partei 1984 eine ganze Liste mit Problemen im Zusammenhang mit den RBMK-Reaktoren und wurde deswegen als inkompetent hingestellt, ein anderer wurde entlassen.

Gesperrte Zone rund um den zerstörten Reaktor, um 1990. Gemäss Green Cross Schweiz leben noch heute fünf Millionen Menschen in verseuchtem Gebiet. (Bild: Giosanna Crivelli)

Über Tschernobyl hinaus

Vladimir M. Kuznetsov kennt viele solcher Geschichten und war schlussendlich selber Opfer der Behörden. Als er zu Beginn der 1990er Jahre den Betrieb von zehn Kernanlagen verbieten wollte, musste er auf Druck des Atomministeriums seinen Posten verlassen. Aufgegeben hat er deshalb nicht und engagiert sich heute unter anderem bei Green Cross Russland als Direktor des Programms für Nuklear- und Strahlensicherheit. Er macht sich Sorgen, denn «die Probleme im Atomsektor gehen weit über Tschernobyl hinaus». Welcher Art diese Probleme sind, schilderte er am Dienstag auf Einladung von Green Cross Schweiz sowie Universität und ETH Zürich im Rahmen einer Vorlesung.

Als er Anfang der 1990er Jahre gefährliche russischen Reaktoren ausser Betrieb setzen wollte, wurde er entlassen: Prof. Kuznetsov, ehemaliger Chefexperte für die Sicherheit von Nuklearanlagen in der damaligen Sowjetunion. (Bild: Adrian Ritter)

Der Staat im Verzug

213 nukleare Reaktoren sind heute in Russland in Betrieb, in Atomkraftwerken, Forschungsanstalten und Spitälern beispielsweise. Die zehn russischen Atomkraftwerke verfügen über 31 Reaktoren - davon 11 vom Typ RKMB. «Nur gerade zwei Reaktoren können als modern bezeichnet werden», so Kuznetsov. Nicht wenige aber sind in den 1950er Jahren entwickelt worden. Als 1973 das erste russische Atomkraftwerk in Betrieb genommen wurde, sollte es noch bis 1995 dauern, bis für solche Anlagen auch ein gesetzlicher Rahmen erlassen wurde.

Der russische Staat überanstrengt sich auch heute nicht, wenn es darum geht, für die nukleare Sicherheit im Land zu sorgen. Ein entsprechendes staatliches Programm für die Jahre 2001-2006 hat bisher gemäss Kuznetsov nur rund zehn Prozent der vorgesehenen finanziellen Mittel erhalten. Kein Wunder also, dass die Statistik der Störfälle nur deshalb sinkende Zahlen vermeldet, weil seit einiger Zeit nur noch grössere Zwischenfälle gemeldet werden müssen? Im Jahre 2005 waren das immer noch 40 Ereignisse allein bei Atomkraftwerken, weitere 47 Störfälle traten bei russischen Forschungsreaktoren auf.

Veraltete Reaktoren

Offizielle Stellen suchen in solchen Fällen die Schuld meist bei Mitarbeitenden, die versagt haben. Kuznetsov bestätigte zwar, dass menschliche Fehler bei Störfällen meist mit im Spiel sind. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass grundsätzliche Probleme vorliegen: veraltete Reaktoren, die zum Teil über die vorgesehene Betriebszeit von 30 Jahren hinaus noch aktiv sind sowie ungenügende Sicherheitssysteme.

Die Beispiele solcher Mängel tönen auch für Laien beängstigend: Reaktoren mit nur einem Kühlkreislauf, der somit vollständig radioaktiv ist oder «schwächliche Betonwände» an der Stelle so genannter Containments, welche bei einer Explosion als Schutzschild dienen. Ungelöste Probleme sieht Kuznetsov in der Zukunft aber auch bei der Lagerung der radioaktiven Abfälle. Wohin mit den jährlich 800 Tonnen neu zu entsorgender Brennstäbe, wenn die Lager dazu in fünf bis sieben Jahren voll sein werden, wie Kuznetsov schätzt.

Green Cross Weissrussland veranstaltet jährlich einen Malwettbewerb, in welchem sich die Kinder und Jugendliche unter anderem mit den Auswirkungen der Katastrophe von 1986 auseinandersetzen. (Bild: Green Cross Weissrussland, 2005)

Wenn das Essen krank macht

Trotz all der widrigen Umstände wollen Kuznetsov und mit ihm das Green Cross nicht aufgeben. Dabei ist Öffentlichkeitsarbeit das eine, die Organisation unterstützt in den durch Tschernobyl verseuchten Gebieten auch Familien, die sich einen Wegzug nicht leisten können und ruft Mütterclubs ins Leben.

Dort erhalten die Frauen Tipps, wie sie Gemüse anbauen und kochen können, sodass die Nahrung zumindest etwas weniger Radioaktivität enthält. Die Kurse zeigen Wirkung, wie die Frauen selber feststellen können, wenn sie auf dem Radioaktivitäts- Messstuhl im Mütterclub Platz nehmen: Er zeigt nach der Befolgung der Tipps tiefere Werte an als zuvor.

Damit sich aber ein solches Szenario in der Zukunft nicht wiederholen kann, fordert Kuznetsov, dass als erster Schritt zumindest die ältesten Reaktoren vom Netz genommen werden. Dass die heute politisch Verantwortlichen eines Tages auf ihre Experten hören, darauf kann nur gehofft werden.

Das Referat von Prof. Kuznetsov fand im Rahmen der Vorlesungsreihe von Prof. Albert Stahel vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich und Dozent für strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich statt.

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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