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Heilen mit der Natur

Sie sucht Pflanzen und Schwämme, die gegen Krankheiten wie Malaria und Krebs wirken. Als Anerkennung für ihre Forschung hat Dr. Deniz Tasdemir vom Organisch-Chemischen Institut der Universität Zürich die diesjährige Egon Stahl Silbermedaille erhalten.
Aufgezeichnet von Adrian Ritter

Dr. Deniz Tasdemir sieht in den Phytopharmaka ein grosses Potenzial: «Es gibt weltweit rund eine halbe Million Pflanzenarten und die meisten sind bisher nicht systematisch auf ihre Inhaltsstoffe untersucht worden.»

«Apotheken gehören schon seit der Kindheit in der Türkei zu meinem Alltag. Mehrere meiner Onkel waren Pharmazeuten und ich half ihnen jeweils in ihren Apotheken mit. Dass ich 1982 ebenfalls mit dem Studium der Pharmazie begann, war eher der Wunsch meiner Familie. Schon im zweiten Semester allerdings hat mich die Pharmazeutische Botanik derart fasziniert, dass ich wusste: Medikamente aus der Natur, das ist mein Thema. Noch heute verbringe ich jeden Sommer zwei bis drei Wochen in der Türkei, um Medizinalpflanzen zu sammeln und nach Schwämmen zu schnorcheln.

Lieber Universität als Apotheke

Nach dem Studium in Ankara hatte ich eine eigene Apotheke im Osten der Türkei. Ich wusste aber immer, dass ich eigentlich Forschung betreiben will. Pharmazeutische Biologie nennt sich mein Gebiet und es umfasst nicht nur Pflanzen, sondern auch andere «Naturschätze» wie eben Meeresorganismen, Pilzsporen oder Bakterien.

Nach drei Jahren zog es mich zurück an die Universität, für den Masterabschluss. Mein Professor hatte Kontakte mit Universitäten in der Schweiz und so entstand der Plan, mein Doktorat an der ETH Zürich zu absolvieren. 1992 reiste ich in die Schweiz, im Gepäck unter anderem zahlreiche Exemplare von Mutterwurz. Diese Pflanze aus der Familie der Doldenblütler untersuchte ich in meiner Dissertation auf ihre Inhaltsstoffe.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich vor allem mit Pflanzen beschäftigt. Beim Postdoc in den USA kamen die Schwämme hinzu. Mein Professor war auf «drug discovery» gegen Krebs spezialisiert. Er forschte mit philippinischen Meeresorganismen, die sich diesbezüglich als wirksam erwiesen haben. Tests mit einer solchen Substanz aus Schwämmen, einem Alkaloid, gehen demnächst in die klinische Phase.

Den Mutterwurz aus der Familie der Doldenblütler untersuchte Deniz Tasdemir bereits in ihrer Disseration auf seine Inhaltsstoffe. Sie fand mehr als 30 bisher unbekannte Substanzen. 

Chemische Selbstverteidigung

Die Grundidee der pharmazeutischen Biologie ist einfach: gewisse Lebewesen wie Pflanzen oder Schwämme haben eine chemische Selbstverteidigung gegen Krankheiten oder beispielsweise Insekten entwickelt. Die Wirkstoffe interagieren mit den Proteinen dieser Angreifer - und weil Menschen ähnlich aufgebaute Proteine haben, kann diese Wirkung auch gegen menschliche Angreifer wie etwa Krebszellen genutzt werden.

Das Potenzial für die Medizin ist riesig, denn es gibt weltweit rund eine halbe Million Pflanzenarten und die meisten sind bisher nicht systematisch auf ihre Inhaltsstoffe untersucht worden. Von den 25 am meisten verkauften Medikamenten ist rund die Hälfte aus Pflanzen hergestellt oder Pflanzen dienten als Modell für die chemische Herstellung.

Natürlich muss die Forschung mit Naturstoffen auch mit Nachteilen leben. Das Sammeln der Pflanzen oder Meeresorganismen ist aufwändig und es dauert Jahre, die Inhaltsstoffe zu isolieren und zu bestimmen. Wenn sich eine Pflanze als wirksam erweist, besteht zudem die Gefahr, dass ihr Bestand «geplündert» wird und sie am Ende vom Aussterben bedroht ist. Eine Züchtung ist zwar zum Teil möglich, muss aber am natürlichen Lebensort der Pflanze erfolgen, weil beispielsweise das Klima einen Einfluss hat auf ihre Inhaltsstoffe.

Auch Meeresorganismen wie Schwämme enthalten Wirkstoffe, die gegen Krankheiten genutzt werden können.

Teuer oder resistent

Seit 2002 bin ich am Organisch-chemischen Institut der Universität Zürich tätig, dank einer Finanzierung durch die Dr. Helmut Legerlotz-Stiftung. Ich arbeite intensiv mit der ETH Zürich und dem Tropeninstitut in Basel zusammen. In den vergangenen Jahren habe ich mich vor allem mit parasitären Krankheiten beschäftigt – dazu gehören zum Beispiel die Malaria, gewisse Hautkrankheiten und die Schlafkrankheit.

Es gibt zwar Medikamente gegen Malaria, aber diese sind entweder für die Betroffenen in zumeist ärmeren Ländern zu teuer oder Resistenzen drohen ihre Wirkung zu schwächen. Gerade um die Behandlung erschwinglich zu machen, sollten meines Erachtens vermehrt Pflanzen in den betroffenen Ländern auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.

Zyklen der Forschung

Malaria wird als Thema immer wichtiger, denn ihre Ausbreitung wird viel stärker sein als bisher vermutet. Wegen der globalen Erwärmung könnten auch Europa und Nordamerika betroffen sein. Das öffentliche Interesse und die Forschungsaktivitäten zu Malaria haben vermutlich aus diesem Grund wieder zugenommen.

Wie es solche Zyklen des Interesses bei bestimmten Krankheiten gibt, existieren sie auch in der pharmazeutischen Forschung. Seit etwa zwei Jahren scheint die phytopharmazeutische Forschung einen Aufschwung zu erleben, vor allem in China und den USA. Es ist vielleicht kein Zufall, dass das einzige Medikament, gegen welches der Malariaerreger noch keine Resistenz entwickelt hat, aus einer chinesischen Pflanze stammt.

Dass ich für meine bisherige Forschung zu Malaria und Krebs im Sommer die Egon Stahl Silbermedaille erhalten habe, freut mich sehr. Es ist eine grosse Anerkennung, eine Art «Oscar» auf unserem Gebiet. Aktuell forsche ich vor allem mit phenolischen Naturstoffen, das sind Stoffe, die in den Blättern von Pflanzen vorkommen und mit denen die Fettsäure-Herstellung im Malaria-Parasiten unterbunden werden kann. Die Ergebnisse aus Versuchen mit Mäusen sollten demnächst vorliegen.»