Emotionsforschung

«Gefühle sind historisch veränderbar»

Das Collegium Helveticum erhält ein neues Profil und wird neu von Universität und ETH Zürich gemeinsam getragen. Als Fellows am Wissenschaftskolleg werden sich der Ökonom Ernst Fehr und der Historiker Jakob Tanner in den nächsten Jahren der Emotionsforschung widmen.

Mit Ernst Fehr und Jakob Tanner sprachen Thomas Gull und Roger Nickl

Jakob Tanner: «Gefühle können nicht als etwas Allgemein-Menschliches betrachtet werden.» (Bild: Ursula Meisser)

Herr Fehr, Herr Tanner, Sie beschäftigen sich beide wissenschaftlich mit dem Thema Emotion. Was versprechen Sie sich davon?

JAKOB TANNER: Historische Forschung muss sich mit Emotionen beschäftigen, auch wenn sie dies eine Zeitlang kaum wahrhaben wollte. Gefühle sind mit sich verändernden übergeordneten Strukturen, der Staatsbildung etwa oder der Markt- und Medienentwicklung, verbunden. Sie können deshalb nicht als etwas Allgemein-Menschliches betrachtet werden. Norbert Elias hat das eindrücklich gezeigt. In einer Gesellschaft, in der ich mich sicher fortbewegen kann, fühle ich mich anders als in einer total unsicheren Welt – ich werde ein anderer Mensch. Wenn ich heute mit 130 auf der Autobahn fahre, kann ich, wenn ich wütend bin, dieses Gefühl nicht mehr motorisch ausagieren, sonst kommt es zur Karambolage. Nach Elias lernten Menschen im Zivilisationsprozess mit ihren Gefühlen kontrollierter umzugehen. Es sind dies spezielle emotionale Techniken, die die Geschichtsschreibung untersuchen muss. Für den Zeithistoriker stellt sich auch die Frage, wie eine Geschichte des 20. Jahrhunderts ohne Einbezug der emotionalen Dimension geschrieben werden kann – was lässt sich zum Holocaust und zur darauffolgenden «Unfähigkeit zu Trauern» sagen, ohne eine Auseinandersetzung mit Emotionen? Das heisst nicht, dass man Ereignisse emotionalisieren soll. Man muss Gefühle und Affekte vielmehr als analytische Aufgabe begreifen.

ERNST FEHR: Wenn man Emotionen nicht berücksichtigt, können menschliches Verhalten, politische Ereignisse oder ökonomische Prozesse nicht erklärt werden. Meines Erachtens kann man ohne die Auseinandersetzung mit Emotionen keine vernünftige Wirtschafts- und Sozialwissenschaft betreiben. Emotionen sind entscheidend für die Motivationen von Menschen. Und motiviertes Handeln steht im Zentrum von allen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. In diesem Zusammenhang gab es in der Forschung lange Zeit einen dunklen Fleck, der sich nun langsam aufhellt. In der Psychologie wurde beispielsweise Ende der 1970er-Jahre von einer kognitiven Revolution gesprochen. Auch in der Psychologie hat fast niemand die Emotionen als Forschungsgegenstand ernst genommen. Heute ändert sich dieses Bild: Die Neurowissenschaften, die Psychologen, einige Ökonomen und auch die Historiker beschäftigen sich mit dem Thema. Wir leben quasi am Beginn des Zeitalters der Emotionsforschung.

Ernst Fehr: «Menschen haben teilweise andere Motive als die, die ihnen die Ökonomen unterstellen (Bild: Ursula Meisser)

Wieso diese Wende?

FEHR: Heute haben wir in den Experimentalwissenschaften mehr Instrumente, um Emotionen zu erforschen. Wir können beispielsweise dem Hirn zuschauen, wenn es aktiv ist. Die neuen Techniken brachten auch interessante Einsichten: Über den Zusammenhang von Gesichtsausdruck und Emotion oder von Stimme und Emotion etwa. Man weiss heute, welche Gesichtsmuskeln sich verziehen, wenn bestimmte Gefühle gezeigt werden. Der Einbezug von psychologischem Wissen führte auch in der Wirtschaftswissenschaft zu einer kleinen Revolution. Man hat herausgefunden, dass Menschen teilweise andere Motive haben als die, die ihnen von Ökonomen unterstellt werden. Da stellt sich dann die Frage: Wieso haben sie diese Motive? Wahrscheinlich stecken dahinter emotionale Ursachen. Gerade in der Ökonomie sind die Widerstände diesem Ansatz gegenüber immer noch erheblich. Es ist aber eines meiner Ziele, die Fundamente meines Fachs etwas anders zu legen. Das heisst, gewisse – schlecht gebaute – Pfeiler durch neue – solider gebaute – Pfeiler zu ersetzen.

Herr Tanner, wie betreibt denn ein Historiker Emotionsforschung?

TANNER: Die historische Anthropologie untersucht mit den Quellen, die uns zur Verfügung stehen, wie Menschen in verschiedenen historischen Epochen emotional kommunizierten und ihre Gefühle ausdrückten. Wieso kann beispielsweise Giambattista Vico Anfang des 18. Jahrhundert in Neapel ein Buch wie «Die neue Wissenschaft» schreiben, in dem er die Historizität des Menschen zum Thema macht? Das ist kontextabhängig – man muss das historische Umfeld untersuchen, um zu verstehen, wie jemand Geschichte plötzlich neu denken kann. – Ein weiterer Zugang der historischen Forschung ist die Verschränkung von Einzelnen und Kollektiven. Menschen verhalten sich in Gruppenoft anders als Individuen. Da kommen emotionale Übertragungen, Mobilisierungsfaktoren ins Spiel, die mich als Historiker interessieren. Ebenso kann man untersuchen, wie Menschen mit ihren Gefühlen in der Öffentlichkeit umgehen. In öffentlichen Räumen gibt es andere Hemm- und Peinlichkeitsschwellen als im privaten Bereich. Diese Grenzen verschieben sich im historischen Prozess. Es kann für den Historiker keine Statistik der Gefühle geben.

Das Collegium Helveticum hat das Thema Emotion als interdisziplinären Forschungsschwerpunkt bestimmt. Was versprechen Sie sich von dieser Zusammenarbeit?

FEHR: Am Collegium Helveticum werden erfahrene Wissenschaftler arbeiten. Es besteht die Chance, das Phänomen Emotion aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln von der molekularen Ebene bis zur globalen makrohistorischen Ebene zu untersuchen.

Nun weiss man ja auch, dass gerade diese interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr schwierig ist. Herr Tanner, erhoffen Sie sich mehr als die gegenseitige Würdigung der jeweiligen Forschungsprojekte?

TANNER: Wissenschaft ist ja ein Versuch, Probleme zu lösen, mit dem man sich immer wieder neue ungelöste Probleme einbrockt. Interdisziplinarität meint auch heute oftmals nur Folgendes: Man schaut über die Ränder des eigenen Fachs hinaus, bedient sich etwas bei anderen Disziplinen und bleibt dann aber doch unter den Angehörigen der eigenen Zunft. Was zu wenig passiert, ist die effektiv fachüberschreitendeForschung, die gemeinsame Auseinandersetzung, die das eigene Selbstverständnis viel stärker in Frage stellt. Heute geht es darum, Problembereiche zu öffnen, die nicht mehr in die disziplinäre Matrix der Wissenschaft, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert entstanden ist, hineinpassen. Das Collegium Helveticum versucht genau das – deshalb handelt es sich um ein spannendes Wissenschaftsexperiment.

Thomas Gull und Roger Nickl sind Redaktoren des unimagazin.