Tierversuche

Komplexität und Tierversuche reduzieren?

Kann die Medizin auch ohne Tierversuche neue Erkenntnisse gewinnen? Lassen sich Tierversuche ethisch rechtfertigen? Vertreter von Naturwissenschaft und Philosophie tauschten an einem Podiumsgespräch im Landesmuseum gegensätzliche Ansichten aus.

Adrian Ritter

von links: Moderator Dr. Christian Heuss, Wissenschaftsredaktor bei Schweizer Radio DRS; Prof. Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich; Dr. Andreas Brenner, Philosoph mit Lehrauftrag an der Universität Basel; Dr. Alfred Schweizer, Tierschutzbeauftragter der Novartis Pharma AG und Vorsitzender des Expertenausschusses der «Stiftung Forschung 3R» (Bild: Adrian Ritter)

Im Rahmen der Ausstellung «Der gespiegelte Mensch - in den Genen lesen» finden im Landesmuseum noch bis Mitte Dezember Vorträge und Podien zu Themen aus der Lifescience-Forschung statt. Am 23. September ging es um die Frage. «Kann man ohne Tierversuche forschen?».

Auch wenn das Publikum nicht sehr zahlreich erschienen sei, so freue er sich doch, hochkarätige Podiumsteilnehmer vorstellen zu dürfen, sagte Moderator Dr. Christian Heuss, Wissenschaftsredaktor bei Schweizer Radio DRS, zur Begrüssung. In der Tat folgte für die rund ein Dutzend Anwesenden eine spannende und engagierte Diskussion zwischen Prof. Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich, Dr. Andreas Brenner, Philosoph mit Lehrauftrag unter anderem an der Universität Basel und Dr. Alfred Schweizer, Tierschutzbeauftragter der Novartis Pharma AG.

«Niemand von uns hat Freude daran, Tierversuche zu machen, es ist belastend», sagte Adriano Aguzzi bei der Vorstellung seiner Forschungstätigkeit im Bereich der degenerativen Hirnerkrankungen. Ein Tierversuch sei umso belastender, je höher entwickelt das betreffende Tier sei. Ziel sei es deshalb, auf einfachere Tierarten auszuweichen: «Wir untersuchen im Moment, inwiefern wir von Mäusen auf Fliegen umsteigen können.» Irgendwann müsse aber der Beweis erbracht werden, dass ein für den Menschen vorgesehener Wirkstoff auch beim Säugetier wirkt: «Tierversuche sind immer noch besser als Menschenversuche.»

Leibwesen mit Tierrechten

Aber um wen geht es eigentlich bei Tierversuchen? Um Menschen? Um Tiere? Und was ist eigentlich ein Tier? Die Philosophie habe grosse Mühe, Antworten zu finden auf solche Fragen, sagte Andreas Brenner, der sich als Philosoph unter anderem mit Fragen der Tierethik befasst. Wir könnten solche Fragen immer nur aus unserer menschlichen und deshalb subjektiven Sicht beantworten. Und doch sei es uns Menschen als «Leibwesen» möglich, mit unserer Wahrnehmung etwas in Erkenntnis zu bringen über andere Wesen, also auch über Tiere.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass Menschen auch ihnen unbekannte Tierarten auf Fotos immer als eine Einheit wahrnehmen - dies im Gegensatz zu unbekannten Gegenständen, die eher als Einzelteile erfasst werden. Beim Tierversuch jedoch könne eine solche ganzheitliche Erfassung des Tieres nicht stattfinden - «denn sonst würde es uns noch schwerer fallen, einen Tierversuch durchzuführen, beziehungsweise wir würden es ganz sein lassen.»

Er sehe daher zwei Gründe, warum auf Tierversuche verzichtet werden sollte. Einerseits, weil Tiere ebenfalls Leibwesen sind und dies mit Rechten wie Nicht-Tangierung und Nicht-Verletzung verbunden sei. Andererseits könne das menschliche Sein nicht voll zur Geltung kommen, wenn wir gewisse Seiten von uns ausblenden müssen.

Nicht in der idealen Welt

Für Adriano Aguzzi tönte dies zwar vernünftig: «Es trifft aber nur zu in einer idealen Welt, in der wir keine Krankheiten besiegen müssen. Da dies nicht der Fall ist, wäre es unethisch, keine Güterabwägung zu machen, um zu entscheiden, wann es Tierversuche braucht.»

Mit Blick auf Medikamententests am Menschen meinte Aguzzi: «Wenn wir Versuche bei Menschen machen dürfen, warum dann nicht bei Tieren?» Für Brenner sind es zwei Gründe, warum nicht: Weil Tiere nicht gefragt werden, ob sie mitmachen wollen und weil der Profit von Tierversuchen selten den Tieren selber zugute komme, da es sich meist um Medikamente für menschliche Krankheiten handle.

Das Problem der Tierversuche kann allerdings gemäss Brenner nicht einfach den Naturwissenschaften allein aufgebürdet werden, denn dahinter stehe die Tradition von Descartes und eine aus der Philosophie stammende, «sehr reduktionistische Sichtweise».

Dr. Andreas Brenner: «Die Medizin sollte sich in eine Richtung entwickeln, dass sie auch ohne Tierversuche sinnvolle Resultate liefern kann.» (Bild: Adrian Ritter)

Forschung gänzlich negieren?

Konsequent weitergedacht müsste er demnach die gesamte medizinische Forschung negieren, wollte Aguzzi von seinem Gesprächspartner wissen. Dem sei nicht so, erwiderte Brenner. «Wer weiss, welche Erfolge die Medizin hätte, wenn sie auf einer anderen Sichtweise basieren würde.» Es gebe auch alternative Formen der Medizin, denen aber nicht dieselben finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Der Erfolg einer Wissenschaft sei aber erwiesenermassen auch vom materiellen Input abhängig. Es gehe ihm nicht darum, das Rad der Zeit zurückdrehen zu wollen. Die Medizin müsse sich weiterentwickeln und «sinnvolle Resultate ohne Tierversuche liefern».

Dies wird auch bereits versucht, wie Alfred Schweizer in seiner Funktion als Vorsitzender des Expertenausschusses der «Stiftung Forschung 3R» erläuterte. Die Stiftung will die Anzahl der Versuchstiere vermindern und Tierversuche wenn möglich vermeiden und verbessern (3R= Reduce, Refine, Replace). Durch Fortschritte in Wissenschaften wie Biochemie und Molekularbiologie sei es denn heute auch möglich, vermehrt «tierfreie Methoden» anzuwenden, so Schweizer.

Komplexität oder Unschärfe

Auch Aguzzi bezeichnete sich als «Fan des 3R-Prinzips». Die Forschung sollte ohnehin versuchen, mit Systemen mit möglichst geringer Komplexität zu arbeiten. Eine Maus sei aber ein komplexes System. Eine Möglichkeit, die Komplexität zu reduzieren, sei es, eine andere Versuchsanordnung als einen Tierversuch zu wählen. Es sei beispielsweise unglaublich, dass bis heute noch Tierversuche nötig seien, um Prionen im Blut nachzuweisen. Das müsse sich ändern.

Bestehen bleibt aber gemäss Aguzzi das Problem, dass Leben komplex sei und die Wissenschaft bei der Reduktion von Komplexität mit einer «Unschärfe» leben müsse. Auch für Schweizer sind die Fragestellungen der Wissenschaft «in vielen Fällen viel zu komplex, um auf Tierversuche zu verzichten.»

Für Aguzzi ist zudem die Suche nach Heilmitteln gegen Krankheiten nicht die einzige Legitimation für Tierversuche: «Ich finde Tierversuche auch um des Verstehens willen berechtigt. Es ist unser Recht, die Natur um uns herum zu verstehen.» Auch dabei müsseaber im Einzelfall eine Güterabwägung vorgenommen werden.

Adrian Ritter ist freischaffender Journalist in Zürich