Hirnforschung

Rache ist süss

Ein Team um die Forscher der Universität Zürich Ernst Fehr, Urs Fischbacher und Dominique de Quervain hat die neuronale Basis altruistischen Verhaltens nachgewiesen. Die bahnbrechende Studie wird in der heutigen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsjournals «Science» als Titelgeschichte veröffentlicht. Die Zusammenarbeit zwischen Verhaltensökonomen und Hirnforschern ist wegweisend: Die so genannte «Neuroökonomie» eröffnet beiden Disziplinen vielversprechende wissenschaftliche Perspektiven.

Thomas Gull

Personen, deren Belohnungszentrum im Gehirn stark aktiviert ist, wenn sie unfaires Verhalten gratis bestrafen können, sind eher bereit, auch Geld in die Bestrafung zu investieren. (Bild: zvg)

Weshalb sind viele Menschen bereit, hohe Kosten in Kauf zu nehmen, um die Verletzung sozialer Normen zu bestrafen? Diese Frage beschäftigt den Zürcher Verhaltensökonomen Ernst Fehr seit Jahren. Mit ausgeklügelten Versuchsanordnungen ist es ihm gelungen, solch «altruistisches» Verhalten empirisch nachzuweisen. Aufgrund ihrer Befunde entwickelten Fehr und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Urs Fischbacher vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich die These, dass die Bestrafung von Normverletzungen Befriedigung auslöst. «Ganz nach dem Motto Rache ist süss», erzählt Fehr.

Prof. Ernst Fehr vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung: Bestrafung von Normverletzungen löst beim Bestrafenden Befriedigung aus. (Bild: zvg)

Altruismus versus Egoismus

Mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden kann diese These jedoch nicht verifiziert werden. Diesen Schritt hat die Zusammenarbeit mit dem Hirnforscher Dominique de Quervain von der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich möglich gemacht.

Der Hirnforscher Dr. Dominique de Quervain von der Abteilung für Psychiatrische Forschung: Mit Hilfe des Positronenemissionstomografen konnten die Gehirnaktivitäten der Versuchsteilnehmer beobachtet werden, als diese sich entschieden, zu bestrafen beziehungsweise eben nicht. (Bild: zvg)

Zusammen mit de Quervain führten Fehr und Fischbacher ihr Experiment im Positronenemissionstomografen (PET) durch. Mit Hilfe des PET konnte die Aktivierung des Gehirns beobachtet werden, als die Versuchsteilnehmer die Entscheidung trafen, die Verletzung einer sozialen Norm zu bestrafen. Die Versuchsanordnung basiert auf der Interaktion von zwei Individuen, diesich weder kennen noch sehen. Jeder der beiden Mitspieler A und B erhält 10 Geldeinheiten. Beide können ihr Vermögen beträchtlich erhöhen, wenn A Spieler B vertraut und dieser sich A gegenüber fair verhält. A muss die erste Entscheidung treffen. Er kann sein Kapital von 10 Geldeinheiten B überweisen oder für sich behalten. Wenn er es an B überweist, vervierfacht sich der Betrag, und B erhält 40 Einheiten. B hat somit 50 Einheiten, A hat nichts mehr. B kann sich nun entweder für das entgegengebrachte Vertrauen revanchieren und A 25 Einheiten zurückgeben, oder B kann die 50 Einheiten für sich behalten.

Dr. Urs Fischbacher: der Dritte im Bunde, der die «Rache-ist-süss-Hypothese» neurobiologisch abstützen konnte. (Bild: zvg)

Die Lust zu bestrafen

Wenn B sich dazu entscheidet, A leer ausgehen zu lassen, beginnt die spannende Phase des Experiments, denn A bekommt die Gelegenheit, B zu bestrafen. In der Versuchsanordnung von Fehr, Fischbacher und de Quervain werden vier verschiedene Bestrafungsmodelle durchgespielt. Diese unterscheiden sich in erster Linie dadurch, dass bei den einen der Bestrafende für die Bestrafung bezahlen muss, während er bei den anderen gratis strafen kann.

Für die Entscheidung, ob und in welcher Form er bestrafen will, wird dem Bestrafenden eine Minute Zeit eingeräumt, von dem Moment an, in dem er erfährt, dass sich sein Gegenüber unfair verhalten hat. Während dieser Minute wird das Gehirn gescannt. Die Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass die Bestrafung von unfairem Verhalten mit einer Aktivierung des Nucleus Caudatus einher geht: «Frühere Studien haben gezeigt, dass es sich beim Nucleus Caudatus um ein Belohnungszentrum im Gehirn handelt. Diese Befunde stützen unsere Hypothese, dass Menschen durch das Bestrafen von sozialen Regelbrüchen Genugtuung erfahren und damit für ihr Handeln belohnt werden», kommentiert de Quervain das Ergebnis. Zudem investierten Personen, deren Belohnungszentrum stärker aktiviert wurde, wenn sie unfaires Verhalten gratis bestrafen konnten, mehr Geld in die Bestrafung, wenn Bestrafen kostspielig war. De Quervain: «Die Aktivierung des Belohnungszentrums und die damit verbundene Bereitschaft, Geld für die Bestrafung von unfairem Verhalten aufzuwenden, waren bei den verschiedenen Versuchspersonen sehr unterschiedlich. Dieser Befund widerspiegelt die alltägliche Erfahrung, dass einige Leute bereit sind, viel mehr für die Bestrafung von sozialen Regelbrüchen zu investieren als andere.»

Goldgräberstimmung

Fehr und Fischbacher konnten somit ihre «Rache-ist-süss-Hypothese» neurobiologisch abstützen. Ein grosser Erfolg, der mit einer «Science»-Titelgeschichte belohnt wird. Für Fehr ist die Publikation der Altruismus-Studie jedoch nur der erst Schritt: «Mit Hilfe der bildgebenden Verfahren können wir die neuronalen Grundlagen sozialer Interaktion erforschen.» Da tut sich das weite und noch weitgehend unbestellte Feld der Neuroökonomie auf, die weltweit in ihren Anfängen steckt. «Es herrscht Goldgräberstimmung», bringt Fehr die Befindlichkeit der Forscher auf den Punkt. Der Verhaltensökonom hat bereits ein neues Projekt lanciert, das die neuronalen Grundlagen der Ehrlichkeit ergründen soll. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

Thomas Gull ist Redaktor des unimagazins.

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