Eugenik

Rückschau auf eine dunkle Seite der Wissenschaftsgeschichte

Zürich war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der Eugenik. Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen sind heute damit beschäftigt, Klarheit in dieses bedrückende Kapitel Wissenschaftsgeschichte zu bringen. Gestern Abend referierte PD Dr. Hans-Konrad Schmutz über rassenhygienische Forschungsprojekte am Anthropologischen Institut der Universität Zürich in den Zwanziger- und Dreissigerjahren. Eine zentrale Rolle spielten dabei Fördergelder der Julius Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene.

Sascha Renner

Die Anthropologie war eine wichtige, aber nicht die einzige Disziplin, aus der sich die Eugenik spies. (Bild: zVg.)

Naturwissenschaftliche Anthropologie und Rassenhygiene sind auch in Zürich eine enge Verbindung eingegangen, so das Fazit von Dr. Hans-Konrad Schmutz, Privatdozent für Geschichte der Anthropologie an der Universität Zürich und Konservator derNaturwissenschaftlichen Sammlungen Winterthur. Die Anthropologie, so Schmutz, habe sich als der eigentliche Motor der neuen, um die Wende zum 20. Jahrhundert aufkommenden Forschungsrichtung erwiesen. Ziel der Eugenik war es, unerwünschte Eigenschaften - als Beispiele nennt Schmutz Trinksucht, «Schwachsinn» und Diabetes - in einer Gesellschaft auszumerzen und damit eine Verbesserung des Volkskörpers zu erreichen. Da man damals davon ausging, dass psychische wie physische Eigenschaften eines Menschen erblich seien, beschäftigte sich die Eugenik insbesondere mit der Erforschung der erbbiologischen Gesetze. Die Beherrschung dieser Gesetze sollte die Ausmerzung minderwertiger Elemente ermöglichen und schliesslich zu einer Höherentwicklung der Gesellschaft führen.

Die Zürcher Anthropologie war ein Pionierinstitut im deutschsprachigen Wissenschaftsraum. (Bild: zVg.)

Dass am Anthropologischen Institut eugenisch motivierte Spitzenforschung möglich war, ist wesentlich auf die Unterstützung eines externen Geldgebers zurückzuführen: der Julius Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene. Vater der 1922 gegründeten Stiftung war Julius Klaus (1849-1920) aus Uster. Der vielgereiste Maschineningenieur beschäftigte sich ausgiebig mit dem Darwinschen Selektionsprinzip. Er vertrat die Haltung, dass negative Eugenik - die Sterilisierung genetisch Minderwertiger - sinnvoll sei: «Wir wollen auch in Zukunft Mitleid mit den Schwachen haben», so Klaus, «aber wir wollen die Schwachheit nicht züchten.»

Förderung rassenhygienischen Gedankenguts bereits in der Schule: Die Tafeln sollen die Gefahren veranschaulichen, die von «Schwachsinnigen» und «Geisteskranken» für den Volkskörper ausgehen. (Bild: zVg.)

Erklärtes Ziel der Stiftung war «die Vorbereitung und Durchführung praktischer Reformen zur Verbesserung der weissen Rasse». Neben der Popularisierung rassenhygienischen Gedankenguts in der Bevölkerung schloss dies die Finanzierung von Forschungsprojekten am Anthropologischen Institut ein. Die Zürcher Anthropologie, so Schmutz, habe sich nicht zuletzt dank dieser Förderung zu einem Pionierinstitut im deutschsprachigen Wissenschaftsraum entwickelt. Das beträchtliche Stiftungskapital in der Höhe von 1,27 Millionen Franken - mehr als alle anderen Fonds zur Unterstützung der Universität zusammen - erlaubte es dem Institut, Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Rassenkunde im grossen Stil zu betreiben.

Als Beispiel nennt Schmutz die Reihenuntersuchung an Schweizer Soldaten: Der damalige Leiter des Anthropologischen Instituts, Otto Schlaginhaufen (1879-1973), führte zwischen 1927 und 1932 anthropometrische Vermessungen an nicht weniger als 35'513 Soldaten durch. Ziel war der Entwurf einer Rassentypologie für die Schweizer Bevölkerung.

PD Dr. Hans-Konrad Schmutz. (Bild: Sascha Renner)

Aber nicht nur die Förderpraxis der Julius Klaus-Stiftung belegt, dass in den Zwanziger- und Dreissigerjahren unterschiedliche Forschungsgruppen Beiträge zur theoretischen Rassenhygiene erarbeiteten. Auch die Forschungsbibliothek der Stiftung, bestehend aus rund 5000 Bänden, dokumentiert das damalige breite Interesse an der Eugenik. Schmutz' Auswertungzeigt, dass beinahe die Hälfte der Bände den Fachbereich der Eugenik und die Genetik betreffen. Darunter befinden sich auch zahlreiche Titel zum Thema der politischen Anthropologie und zur Bevölkerungslehre, wie sie Nazideutschland propagierte.

Innerhalb der Zürcher Rassenhygiene, schliesst Schmutz, verschoben sich die Gewichte um 1940 zwar merklich. Das Interesse an Eugenik erlosch aber nicht mit dem Kriegsende. Vielmehr fand ein tiefgehender Umbruch erst in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren statt. Dieser beruhte allerdings nicht auf einem theoretisch induzierten Paradigmenwechsel, sondern auf dem natürlichen Generationswechsel.

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals und freier Journalist.

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