Studiengang Wirtschaftschemie

Fit für die Praxis

Naturwissenschaftliches Know-how und ökonomische Kompetenz: Dies soll ab kommendem Wintersemester der neu konzipierte Studiengang «Wirtschaftschemie» an der Universität Zürich vermitteln. Ein Novum für die Schweiz.

Roger Nickl

Prof. Stefan Seeger, Architekt des neuen Studiengangs Wirtschaftschemie. (Bild: Roger Nickl)

Simon Ammanns Skier stehen momentan in seinem Büro. Stefan Seeger soll die langen Latten untersuchen, damit die Materialeigenschaften künftig verbessert werden können – auf dass der Toggenburger Skispringer in Zukunft wieder weiter fliegen möge. Eine wissenschaftliche Untersuchung mit ganz praktischem Nutzen. Nähe zur Praxis bietet auch der neue Studiengang Wirtschaftschemie, den Stefan Seeger, Ordinarius für Physikalische Chemie, ander Universität Zürich aufgebaut hat. Ein Novum für die Schweiz: Ab kommendem Wintersemester können Studierende im neuen integrierten Bachelor/Masterstudium fundiertes chemisches und gleichzeitig betriebswirtschaftliches Know-how erwerben und nach acht oder neun Semestern mit dem Titel «Master of Science in Economic Chemistry» abschliessen.

Unternehmerisches Denken fördern

Mit dem neuen Studiengang reagieren die Zürcher Chemiker auf die Bedürfnisse aus der Wirtschaft. «Absolventen, die nach dem Studium in die Industrie gehen, müssen sich ein ganz neues Denken aneignen», sagt Stefan Seeger, «sie müssen mit knappen Zeitvorgaben und Budgetrestriktionen umgehen können und einen engen Kontakt zu Kunden und Partnerunternehmen pflegen.» Dieses ökonomische und unternehmerische Denken wird im klassischen Chemiestudium nur wenig gefördert. Mit dem neuen Studium «Wirtschaftschemie» soll sich das ändern. Der Studiengang will den Studierenden, die eine Karriere in der Privatwirtschaft anstreben, ein zeitraubendes und teures Nachdiplomstudium ersparen und sie optimal auf die künftige Tätigkeit etwa als Productmanager, im technischen Verkauf, im Controlling, im Bereich Forschung und Entwicklung oder im Topmanagement vorbereiten.

«Wir wollen junge Leute, die an den Naturwissenschaften interessiert sind, sich aber schlussendlich oft doch für die Wirtschaft entscheiden, für den neuen Studiengang gewinnen», erklärt Stefan Seeger. Mit dem Angebot reagieren die Verantwortlichen auch auf die rückläufigen Studierendenzahlen in den naturwissenschaftlichen Fächern. Hinzu kommt, dass Unternehmen immer mehr von Ökonomen und Juristen und immer weniger von Naturwissenschaftlern und Technikern geleitet werden. Der neue Studiengang will diesem Trend entgegensteuern und Absolventen eine solide Grundlage für einen Karriere im Management bieten. Davon würden auch die Unternehmen profitieren, ist Seeger überzeugt, «einige Fehlentscheide in technischer Hinsicht hätten da in letzter Zeit wohl verhindert werden können.»

Die beiden Fachbereiche – Chemie und Ökonomie – werden im Studium «Wirtschaftschemie» von Beginn weg miteinander verzahnt. Neben den klassischen chemischen Fächern, Biochemie, Mathematik und Physik stehen beispielsweise Lehrveranstaltungen in Marketing, Unternehmensführung, Human Resources Management oder Accounting und Controlling auf dem Ausbildungsplan. Gross geschrieben wird auch die Zusammenarbeit mit der Industrie. «In der zweiten Hälfte des Studiums sind Veranstaltungen mit Dozenten aus der Industrie geplant», erklärt Studienleiter Seeger, «zudem sollen die Abschlussarbeiten in Kooperation mit der Privatwirtschaft entstehen, beispielsweise in Form von Marktstudien oder Effizienzanalysen in der Produktion.»

Spinoffs im Blick

Bei der Realisierung des neuen Studiengangs hatte Stefan Seeger speziell die Spinoffs im Auge – Firmengründungen also, die aus einem akademischen Forschungsprojekt resultieren. Sie verlangen von den Firmenleitern den Spagat zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. «Oft sind da tolle wissenschaftliche Konzepte und Ideen vorhanden, auf der betriebswirtschaftlichen Seite hingegen existiert ein Vakuum», sagt Seeger. Die Wirtschaftschemie will diese Lücke schliessen. «Absolventen sollen das wissenschaftliche und wirtschaftliche Potenzial von Forschungsresultaten erkennen können und über das Know-how verfügen, um ein Produkt erfolgreich im Markt zu positionieren», meint der Chemieprofessor. Mit dem neuen Studiengang würde wohl auch die Gründung von neuen Spinoffs angekurbelt, ist er überzeugt.

Roger Nickl ist Redaktor des unimagazins.