Gesellschaft

Die demographische Herausforderung

Am Dienstag dieser Woche fand im Swiss Re Centre in Rüschlikon bei Zürich der dritte Dialogabend der Serie «Das Ende der Gemütlichkeit» statt. Das zentrale Thema der Diskussion unter hochrangigen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik war die Entwicklung der Alterszusammensetzung in der Schweizer Bevölkerung. Die Diskusson kreiste vor allem um die wirtschaftlichen und politischen Folgen der immer höher werdenden Lebenserwartung.

Klaus Wassermann

Walter Anderau, Vorstandsmitglied bei der Swiss Re, eröffnete die Veranstaltung. (Bild: Klaus Wassermann)

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in der Schweiz steigt stetig an, gleichzeitig werden aber immer weniger Kinder geboren. Dieses Phänomen, genannt «demographischer Wandel», stellt eine der bedeutenden Herausforderungen für die Zukunft der Gesellschaft dar. «Über die demographische Herausforderung» war der Titel des Dialogabends, zu demsich zum dritten Mal Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik im Swiss Re Centre for Global Dialogue nach Rüschlikon einfanden (ein Bericht über die Eröffnungsveranstaltung der Reihe erschien in unipublic am 20. April 2004).

In seiner Eröffnungsrede machte Walter Anderau, Vorstandsmitglied bei der Swiss Re, darauf aufmerksam, dass es darum gehen müsse, die strukturellen Ursachen von Problemen zu finden, um Lösungen effektiv ausarbeiten zu können. Auch gelte es bei der Formulierung von Lösungsvorschlägen immer die Möglichkeiten der Umsetzung im demokratischen Prozess mitzudenken, damit letztlich auch das Stimmvolk überzeugt werden könne.

Edmond Ermertz (links), Senior Consultant bei z-link und Mitinitiator der Veranstaltung und Moderator Erwin Koller. (Bild: Klaus Wassermann)

Arbeiten im Alter

Eine der Lösungen des Problems der zunehmend alternden Gesellschaft liege in einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit, so der Tenor einer Reihe von Wortmeldungen. Ein grosses Problem dabei liege jedoch in der Tatsache, dass viele Arbeitnehmer von ihren Firmen schon ab 55 Jahren gekündigt würden. Peter Zweifel vom sozialökonomischen Institut der Universität Zürich meinte, dass die Einstellung eines Arbeitnehmers immer auch eine Investition in die Firmenzukunft darstelle. Je älter ein Angestellter werde, desto kürzer sei die verbleibende Zeit der Investitionsrückzahlung. Ältere Leute würden selten eingestellt, da sich dies für Firmen wegen der kurzen verbleibenden Arbeitszeitspannenicht rechnen würde. Aber auch bei älteren Angestellten, die schon seit einiger Zeit in einer Firma beschäftigt sind, gebe es Probleme. Durch die rigide Ruhestandsgrenze von 65Jahren würden sich viele langgediente Arbeitnehmer auf den bevorstehenden Lebensabend mental vorbereiten. Die Folge davon sei eine Abnahme der Arbeitsmotivation, meinte Andreas Steiner, Universitätsrat und CEO der Belimo Holding. Eine Lösung dieses Problems könne in der Flexibilisierung des Pensionsalters liegen. Laut Gerhard Steiner vom Institut für Psychologie der Universität Basel würden ehemalige Angestellte über 65 von ihren ehemaligen Firmen jedoch selten dazu eingeladen, in einem Vollzeit- oder Teilzeitverhälnis weiterzuarbeiten.

Ganz anders sehe es dagegen in den USA aus. Die über Videokonferenz zugeschaltete Journalistin Lotta Suter berichtete von Menschen in weit fortgeschrittenem Alter, die notgedrungen auch noch mit über achtzig Jahren arbeiten würden, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Polarisierung zwischen Arm und Reich sei dort bei älteren und alten Menschen besonders auffällig. In den USA herrsche eine Art Altersblindheit, so Suter. In Stellenanzeigen oder bei Vorstellungsgesprächen dürfe nicht nach dem Alter gefragt werden. Bernd Widdig, MIT International Science and Technology Initiatives, führte an, dass die Bürger in den USA sich schon früh selbständig um ihre Altersversorgung kümmern müssten. Vor allem die amerikanische Mittelschicht sei über die Gesamtlage der Wirtschaft sehr gut informiert, da ihre Renten durch den Aktienmarkt finanziert seien.

Francois Höpflinger (links), Soziologisches Institut der Universität Zürich und Franziska Frey-Wettstein, Päsidentin von Pro Senectute Zürich. (Bild: Klaus Wassermann)

Leistungsabbau im Alter – ein Mythos

Der Psychologe Gerhard Steiner stelltefest, dass laut Untersuchungen die Leistungsfähigkeit und die Belastbarkeit mit dem Alter kaum abnehmen, einzig die Reaktionszeiten bei Tests seien etwas länger. Viel grösser seien hingegen die individuellen Unterschiede zwischen Menschen gleichen Alters. Steiner beklagte, dass das Potential der älteren Mitarbeiter bei weitem nicht ausgeschöpft würde und forderte neue Brückenschläge zwischen den Generationen. Georg Bauer vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich meinte, dass entgegen der gängigen Meinung vom gebrechlichen älteren Menschen die Frühinvalidität in allen Berufsgruppen ständig zunehme. Er regte an, durch Änderung von Einstellungen auf der Management-Ebene falsche Klischees gegenüber älteren Arbeitnehmern abzubauen. Die Päsidentin von Pro Senectute Zürich, Franziska Frey-Wettstein, merkte an, dass die Wirtschaft die wachsende Zielgruppe der reichen und gesunden Alten zum Teil noch nicht erkannt habe. So sei beispielsweise die Bekleidungsindustrie sich dieses wachsenden Marktes noch nicht bewusst.

Die Politik ist gefordert

Die sozialen Ungleichheiten hätten sich verschärft, meinte Francois Höpflinger vom Soziologischen Institut der Universität Zürich. Durch die höhere Lebenserwartung entstehe eine multikulturelle Gesellschaft, bedingt durch die altersgemäss unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Menschen. In Zukunft bräuchte man mehr Toleranz zwischen den Generationen. Die Älteren müssten lernen, von den Jungen zu lernen, so Höpflinger. Kurt Lüscher, emeritierter Professor für Soziologie, stellte die verstärkte Entwicklung von altersgruppenbezogenen Politiken fest, die einer immer stärkeren Akzentuierung einzelner Lebensphasen folgten. Um den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben frei gestaltenzu können, müsse man jedoch neuen Ideen finden, wie man die Lebensinteressen der verschiedenen Generationen zusammenführen könnte. In der Fachdiskussion müsse bei der Analyse das Allgemeine besser von der Ebene persönlicher Erfahrungen getrennt werden, um bessere Theorien mit längeren Perspektiven entwickeln zu können, meinte Lüscher.

Gegen Ende des Abends wurde von manchen Teilnehmern bedauert, dass Fragen bezüglich des Umgangs mit Familien und Jugendlichen, Fragen nach der Entwicklung der Geschlechterrollen, sowie allgemeine Fragen zu Gesellschafts- und Menschenbildern in der Diskussion nicht behandelt wurden. Erwin Koller schloss den abwechslungsreichen und engagiert geführten Dialog um acht Uhr abends, nachdem man bereits um eine halbe Stunde überzogen hatte.

Klaus Wassermann ist freier Journalist.