Gesellschaft

Das Ende der Gemütlichkeit

Letzten Donnerstag trafen sich führende Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu einem Dialog über Themen im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Flexibilität. Fragen zur Zukunft von Zivilgesellschaft und Arbeitswelt standen im Mittelpunkt des hochkarätig und interdisziplinär besetzten Brainstorming-Abends in gediegener Atmosphäre.

Klaus Wassermann

Werner Arber, Nobelpreisträger 1978, während seiner Einführungsrede ... (Bild: Klaus Wassermann)

«Flexibilität von Mensch und Arbeit» hiess die erste Veranstaltung am 15. April 2004 der Gesprächsreihe «Ende der Gemütlichkeit», die die Zukunft der Zivilgesellschaft breit thematisieren will. Geladen hatte der Verein z-link – ein Spin-off an der Universität Zürich, der sich als Katalysator für Fragen rund um Prozesse in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft versteht.

Gut fünfzig führende Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik fanden sich imSwiss Re Center for Global Dialogue in Rüschlikon ein. Per Videokonferenz waren fünf weitere Diskussionsteilnehmer aus San Francisco (USA) zugeschaltet. Das Gespräch wurde vom bekannten Fernsehmoderator Erwin Koller geleitet. Es kreiste um die verschiedenen Aspekte des Flexibilitätsbegriffs und dessen Einfluss auf Lebens- und Arbeitswelt in Gegenwart und Zukunft. Die Einführungsrede hielt Werner Arber, der Nobelpreisträger für Medizin des Jahres 1978. In der Diskussion kamen positive Aspekte von Flexibilität zur Sprache wie Freiheit in der Lebensgestaltung durch Mut zum Risiko, aber auch problematische Punkte wie Verlust an Sicherheit, Loyalität und Solidarität.

... und im Gespräch mit Moderator Erwin Koller. (Bild: Klaus Wassermann)

Flexibilität: ein schillernder Begriff

Wichtig sei die Unterscheidung zwischen selbstgewählter und eingeforderter Flexibilität, so ein Fazit aus der Diskussion. Menschen, die aus eigener Entscheidung in mehreren Berufsfeldern erfolgreich sind, empfänden Flexibilität durchwegs als positiv. Andererseits könne die Forderung nach mehr Flexibilität für Leute mit engerem Handlungsspielraum eine starke Belastung darstellen. Auch in den Führungsetagen grösserer Firmen sei Flexibilität kein unumstrittenes Thema. So sei es beispielsweise für traditionell hierarchisch strukturierte Unternehmen problematisch, die Selbstsicherheit ihrer Mitarbeiter durch Weiterbildungsmassnahmen zu stärken und dadurch deren Loyalität sowie das firmeninterne Hierarchiegefüge zu destabilisieren. Am Beispiel der ehemaligen Fernsehmoderatorin, Ex-Migros-Managerin und Neo-Gastronomin Jana Caniga wurde die Ambivalenz des Flexibilitätsbegriffs besonders deutlich:So drückte sie in ihrem Diskussionsbeitrag einerseits begeisterte Freude und Dankbarkeit darüber aus, in verschiedenen Berufslaufbahnen erfolgreich gewesen zu sein, zeigte sich aber andererseits leidenschaftlich verärgert über einen jungen Ex-Mitarbeiter, der kürzlich wegen eines attraktiveren Stellenangebots bei ihr gekündigt hatte.

Fünfzig Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik unterhielten sich mit fünf per Videokonferenz zugeschalteteten Diskussionsteilnehmern aus San Francisco. (Bild: Klaus Wassermann)

Sicherheit und Flexibilität

Eine Reihe von Rednern war sich darin einig, dass man beides brauche, sowohl Sicherheit als auch Flexibilität. Hans Geser vom soziologischen Institut der Universität Zürich sagte, man könne nur in angstfreien Situationen flexibel sein. Laut Ulrich Bremi, bis 2000 Verwaltungsratspräsident der Swiss Re, seien viele Probleme mit Flexibilität auf der Managerebene zu suchen. Man müsse die Manager oft zur Fortbildung zwingen, meinte der Vorsitzende der Geschäftsleitung von IBM Schweiz, Peter Quadri, kritisch. Peter Hasler, Direktor des Schweizer Arbeitgeberverbands, bedauerte, dass es zu wenig Frauen in Managerpositionen gebe, da diese die heute gesuchte soziale Kompetenz vermehrt mitbrächten. Regula Rytz vom Schweizer Gewerkschaftsbund erneuerte daraufhin die Forderung nach mehr Kinderbetreuungseinrichtungen, um es Frauen zu erleichtern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Die Beiträge aus San Francisco thematisierten den kulturellen Unterschied zwischen den USAund der Schweiz. In den USA sei Flexibilität und Selbstverantwortung kulturell stark verankert, und ohne die «hire&fire»-Mentalität der dortigen Unternehmen sei beispielsweise der Technologieboom der Neunziger Jahre im Silicon Valley kaum denkbar gewesen.

Edmond Ermertz, Senior Consultant bei z-link und Mitinitiator der Veranstaltung. (Bild: Klaus Wassermann)

Die Träger der Veranstaltungsreihe

Die Trägerorganisationen der Dialogreihe «Ende der Gemütlichkeit“ sind die Schweizer Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss), die Stiftung Science et Cité, das Swiss Re Center for Global Dialogue, DRS II sowie z-link (Catalyst for Innovation in Science, Economy and Society).

Edmond Ermertz, Senior Consultant bei z-link und Mitinitiator der Veranstaltung, war mit dem Verlauf des Abends zufrieden. «Die Atmosphäre war gut und sachlich, die Infrastruktur am Swiss Re Center war ebenfalls gut. Einzig die Einbindung der über Videokonferenz präsenten Teilnehmer in San Francisco muss man noch verbessern», sagte Ermertz. Ziel der Organisatoren sei die Schaffung einer für solche Veranstaltungen neuartigen Form des Dialogs. Im Unterschied zu herkömmlichen Podiumsdiskussionen sollen die fünf geladenen Gäste ihre Beiträge kurz halten, um möglichst vielen weiteren Teilnehmern die Gelegenheit zu geben, sich zu Wort zu melden.

Die nächste Veranstaltung findet am 5. Mai 2004 statt, Thema ist die Entsolidarisierung im Sozialstaat beziehungsweise die Zukunft der Sozialversicherung.

KlausWassermann ist freier Journalist.