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Immunsystem

Das Immunsystem auf Abwegen

Multiple Sklerose ist eine Krankheit, bei der symptomfreie Zeiten mit Schüben abwechseln. Die Forschung sieht die Ursache beim Immunsystem. Vorträge und ein Podium im Rahmen der Brainfair brachten Forschende und Betroffene an einen Tisch.
Adrian Ritter

Prof. Jürg Kesselring, Chefarzt Rehabilitationsklinik Valens: «Aus ungeklärten Gründen vermindert eine Schwangerschaft das Auftreten von MS-Schüben.»

Rund 8000 Menschen leiden in der Schweiz an Multipler Sklerose (MS), schätzt Prof. Jürg Kesselring, Chefarzt der Rehabilitationsklinik Valens. MS ist eine Entzündungskrankheit, die gleichzeitig an mehreren Stellen des zentralen Nervensystems auftritt. Betroffen sein können sowohl das Gehirn wie auch das Rückenmark. Die Krankheit greift die Isolationsschicht der Nervenzellen an und öffnet dabei aus bisher unbekannten Gründen auch die Blut-Hirn-Schranke.

Schub und Reparatur

Die Krankheit tritt typischerweise in Schüben auf, wobei sich die Krankheitsanzeichen nach einem solchen Schub zurückbilden können. Diese Fähigkeit zur Selbstreparatur nehme allerdings im späteren Verlauf der Krankheit ab, so Kesselring.

Besonders häufig tritt MS bei jungen Erwachsenen auf und bildet in dieser Altersgruppe sogar die häufigste neurologische Erkrankung. Typisch sei weiter, dass Frauen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Ungeklärt ist auch, warum die Krankheit epidemiologisch betrachtet in Äquatornähe kaum auftritt. Klar sei heute aber, dass Multiple Sklerose nicht allein genetisch erklärt werden kann.

Vom Blut ins Hirn

Gemäss Prof. Burkhard Becher vom Universitätsspital Zürich geht die Forschung heute davon aus, dass das Immunsystem für diese Vorgänge verantwortlich und MS eine Autoimmunerkrankung ist: «Autoreaktive Zellen führen Krieg gegen das Gehirn.»

Als Therapie werde daher versucht, die Aktivität dieser Zellen zu verhindern. Das Problem sei aber, dass dadurch auch das restliche Immunsystem gehemmt werde, was anfälliger mache für andere Krankheiten: «Wir sind heute noch nicht in der Lage, das Immunsystem ganz spezifisch zu unterdrücken.» Im Bereich der Blut-Hirn-Schranke sei allerdings kürzlich ein neuer Zelltyp entdeckt worden, der für das verhängnisvolle Öffnen der Schranke verantwortlich sein könnte.

Bei der Beantwortung von Fragen aus dem Publikum wurde auch die Rolle der Hormone angesprochen. Man weiss zwar gemäss Becher nicht, welche Hormone welche Auswirkungen auf die Krankheit haben, sie seien aber wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass Frauen häufiger von MS betroffen sind als Männer. Interessant auch die Aussage von Prof. Kesselring dazu: «Aus bisher unbekannten Gründen stellt eine Schwangerschaft den besten Schutz vor einem MS-Schub dar, eine Schwangerschaft ist dreimal so wirksam wie die heute verfügbaren Medikamente.»

Tabletten statt Spritzen?

Prof. Norbert Goebels vom MS Zentrum am Universitätsspital Zürich erläuterte die bisherigen Therapiemöglichkeiten. MS an sich sei keine tödlich verlaufende Krankheit, die Gefahr bestehe allerdings, dass Begleitkrankheiten auftreten, die zum Tode führen. Die Lebenserwartung sei allerdings nicht sehr stark reduziert, sie betrage nach der MS-Diagnose 25-35 Jahre. Was die Symptome anbelangt, so lasse sich mit den heutigen Medikamenten die Häufigkeit von Schüben um etwa einen Drittel verringern. Die Medikamente müssen meist gespritzt werden, das Ziel sei es aber, diese auch in Tablettenform anbieten zu können.

Claudia Köpfli, MS-Betroffene: «Als ich vor vier Jahren die Diagnose MS erhielt, war das ein Schock.»

«Damoklesschwert über mir»

Welche Belastung Multiple Sklerose für die Betroffenen darstellen kann, davon berichteten Claudia Köpfli als Betroffene und Dr. Regine Strittmatter, Leiterin Dienstleistungen bei der Schweizerischen MS Gesellschaft. Die heute 27-jährige Köpfli hat vor vier Jahren die Diagnose MS erhalten: «Seither hängt sie wie ein Damoklesschwert über mir». Zwei Schübe hatte sie bisher, von denen sie sich aber gut erholt habe und dankbar sei dafür, wie gut es ihr im Moment gehe.

Fragezeichen mitten im Leben

Regine Strittmatter wies darauf hin, wie schwer für die Betroffenen der Umgang mit MS oft sei: «Es ist eine eigenartige Krankheit. Körper wie auch Psyche können betroffen sein, es gibt sichtbare wie auch für die Mitmenschen unsichtbare Symptome und all dies tritt als chronische Krankheit mitten im Leben auf.»

MS stelle die Betroffenen wie auch ihr Umfeld dadurch vor vielfältige Bewältigungsaufgaben: «Diese lassen sich unter vier Aspekten zusammenfassen: Die Symptome bekämpfen, die Alltagsprobleme bewältigen, die eigenen Einstellungen ändern und seine Ressourcen aktivieren.»

MS - Mehr Selbstvertrauen

Kein Wunder, so Prof. Kesselring, könnten die Buchstaben MS daher auch für «Mehr Selbstvertrauen» oder «Mehr Support» (aus der Gesellschaft) stehen. Claudia Köpfli plädierte abschliessend vor allem dafür, dass Betroffene und Nicht-Betroffene das Gespräch suchen - «ich habe dabei bisher nur gute Reaktionen erlebt.»

Adrian Ritter ist freischaffender Journalist.

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