Joseph E. Stiglitz an der Universität Zürich

Ökonomie - Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz plädiert für nachhaltige Globalisierung

Der amerikanische Nobelpreisträger für Ökonomie hat an seiner gestrigen Rede an der Universität Zürich die Rolle der internationalen Organisationen, insbesondere des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Globalisierung der Weltwirtschaft kritisiert. Die Organisationen wie Währungsfonds, Weltbank und WTO dienten in erster Linie dazu, die Interessen der reichen Industrieländer, insbesondere der USA durchzusetzen. Wenn die Globalisierung nachhaltig sein sollte, müssten vor allem auch die Interessen der Entwicklungsländer berücksichtigt werden. Zudem müssten die internationalen Organisationen transparenter und demokratischer werden.

Thomas Gull

Joseph E. Stiglitz setzte sich kritisch mit dem IWF und der WTO auseinander. (Bild: CCRS)

Auf dem Weg vom Weltsozialgipfel in Bombay ans Weltwirtschaftsforum in Davos machte Joseph E. Stiglitz gestern Mittwoch an der Universität Zürich einen Zwischenhalt, um in der vollbesetzten Aula darüber zu sprechen, wie Weltorganisationen ausgestaltet und geführt werden müssten, um eine nachhaltige und faire Globalisierung zu ermöglichen.

Der amerikanische Starökonom wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Er lehrt heute an der Columbia University in New York. Stiglitz war sechs Jahre lang Wirtschaftsberater von U.S. Präsident Bill Clinton und von 1997 bis 2001 Chefökonom bei der Weltbank. Er kennt damit die Weltwirtschaft und die Entscheidungsmechanismen in Regierungen und grossen internationalen Organisationen aus erster Hand. Mittlerweile gehört der Amerikaner zu den prominentesten Kritikern der amerikanischen Wirtschaftspolitik und der Globalisierung.

Der Vortrag von Stiglitz war der erste in der neuen Veranstaltungsreihe «Sustainability Dialogue with Leaders and Pioneers», die gemeinsam vom CCRS (Center for Corporate Responsibility and Sustainability) der Universität Zürich, der ETH ags, novatlantis sowie des TSF (The Sustainability Forum) durchgeführt wird.

Die Aula der Universität war gefüllt. (Bild: CCRS)

Die Probleme im Süden, die Macht im Norden

Unter dem Titel «Governance for a Sustainable Word» nahm Stiglitz vor allem die Organisation und die Entscheidungsprozesse des Internationalen Währungsfonds IWF und der Welthandelsorganisation WTO ins Visier. Der Währungsfonds diene vor allem dazu, die Interessen der USA durchzusetzen, die als einziges Mitgliedsland ein Vetorecht hätten, kritisierte Stiglitz. Besonders stossend sei, dass die Krisen und Probleme, die der IWF zu lösen habe, in der Regel jene der Entwicklungsländer seien. Die Macht liege jedoch bei den reichen Industrieländern. Dies führe dazu, dass vielfach Entscheidungen getroffen würden, die den Entwicklungsländern schadeten. Als Beispiel nannte Stiglitz die Forderung des IWF, die Kapitalmärkte der Entwicklungsländer zu liberalisieren und für ausländisches Kapital zu öffnen. Der IWF habe dies seinerzeit verlangt, weil man sich davon mehr Stabilität und höhere Wachstumsraten versprach, was Stiglitz als widersinnig kritisierte. «Wenn internationales Kapital über Nacht in die Wirtschaft eines Landes fliessen, aber ebenso schnell wieder abgezogen werden kann, bringt das vor allem grössere Instabilität und trägt nichts zu einem nachhaltigen Wachstum bei.» Das habe der IWF im Nachhinein auch festgestellt, als die ideologisch geprägte Prämisse, eine Liberalisierung der Märkte bringe automatisch mehr Wirtschaftswachstum, überprüft wurde. «Uns hat das nicht überrascht. Die Überraschung war, dass der IWF überrascht war», kommentierte Stiglitz. Im Lichte solcher Erfahrungen plädierte Stiglitz anstelle von ideologisch geprägten für pragmatische, den Verhältnissen in den jeweiligen Ländern angepasste Lösungen.

Mehr Transparenz und Demokratie

Zu den grössten Hindernissen auf dem Weg zu einer gerechteren und nachhaltigeren Globalisierung gehört für Stiglitz die Bürokratisierung der Entscheidungsgremien. «Die grossen internationalen Organisationen werden von Bürokraten geführt.» Dabei handle es sich oft um Ökonomen, die an einer Handvoll Eliteuniversitäten studiert hätten und damit eine einseitige, ideologisch geprägte und technokratischeSicht auf die Probleme hätten. «Die Technokraten glauben, es gebe für jedes Problem genau eine Lösung. Dem ist nicht so. Alle diese Entscheide haben weitreichende Konsequenzen, und es gibt immer Gewinner und Verlierer.» Die Tatsache, dass eine relativ kleine elitäre Gruppe Entscheide trifft, die für ganze Gesellschaften Konsequenzen haben, führt dazu, dass diese unausgewogen sind. Stiglitz fordert deshalb, dass die Entscheidungen breiter abgestützt werden, was bedeutet, dass die Organisationen sich öffnen, demokratischer und transparenter werden müssen.

Der Aufstand der Entwicklungsländer

Dass sich die Underdogs gelegentlich mit Erfolg zu Wehr setzen, zeigt das Beispiel der Welthandelsrunden. Diese verliefen früher zugunsten der reichen Industriestaaten, die etwa die Öffnung der Märkte in den Entwicklungsländern forderten. Gleichzeit verschafften sie jedoch Teilen ihrer eigenen Volkswirtschaften wie der Landwirtschaft mit Subventionen Wettbewerbsvorteile. Bei der letzten Welthandelsrunde 2003 in Cancun hätten die Entwicklungsländer das Spiel nicht mehr mitgespielt und die Konferenz scheitern lassen. «Besser kein Abkommen, als ein schlechtes», habe man sich gesagt.

Stiglitzs Fazit: Die Globalisierung könne nur dann nachhaltig sein, wenn die Bedürfnisse der Menschen in den Entscheidungsprozessen berücksichtigt würden.

(Anmerkung der Redaktion: Aus technischen Gründen konnte dieser für gestern geplante Artikel erst heute publiziert werden.)

Thomas Gull ist Redaktor des unimagazins und freier Journalist.