Ernährungswissenschaft.

Ein Pionier der Präventivmedizin

Das «Birchermüseli» ist wohl das bekannteste Produkt aus der Ideenschmiede des Dr. med. Maximilian O. Bircher-Benner, der Pionier in Sachen Ganzheitsmedizin gilt als einer der Begründer der modernen Ernährungswissenschaft. Am vergangenen Freitag wurde das hundertjährige Jubiläum gefeiert und Bircher-Benners Werk aus historischen Sicht interpretiert.

Christoph Schumacher

Eberhard Wolff vom Bircher-Benner-Archiv neben seinem �grossen Vorbild� (Bild: Christoph Schumacher)

Vor hundert Jahren eröffnete Bircher-Benner am Zürichberg eine Privatklinik mit dem Namen «Sanatorium Lebendige Kraft». Die dort praktizierten Methoden waren vielfältig: Rohkost, Sport, Bäder. Auch Methoden, die aus heutiger Sicht seltsam anmuten, waren an der Tagesordnung. So nennt Eberhard Wolff vom Bircher-Benner-Archiv am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich etwa die Ordnungstherapie, die den Patienten zu Disziplin und Ordnung aufforderte. Nicht nur körperliche, sondern auch psychische Leiden wurden in der Klinik behandelt. 1994 wurde die Klinik geschlossen. Heute dienen die Räumlichkeiten der «Zurich Financial Services» als «geistiges Zentrum», als Ausbildungszentrum für Führungskräfte und als Tagungsort. Und noch heute wird jeweils zum Frühstück Birchermüesli serviert.

Ernährung und Lebensweise beeinflussen die Gesundheit entscheidend

Chronisch-degenerative Krankheiten seien häufig durch falsche Ernährung verursacht, erklärt Felix Gutzwiller, Direktor des Institutes für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Bircher-Benner erachtete die gesunde Ernährung als zentral. Dies in einer Zeit, in der das Bewusstsein für die Rolle der Nahrung fehlte. Weissbrot und möglichst viel Fleisch galten als gesund. Die beiden häufigsten Erkrankungen der heutigen Zeit, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs, haben oft mit den Ernährungsgewohnheiten zu tun.

Viele der Vorschläge Bircher-Benners sind heute umgesetzt, einige sind sogar offizielle Politik geworden. Noch immer aber existiere eine Kluft zwischen dem Ernährungswissen und der Ernährungskultur, erklärt Gutzwiller.

Das �Ensemble Cham�leon� trug Kompositionen aus der Zeit Bircher-Benners vor. (Bild: cs)

Schulmedizin vs. Komplementärmedizin

Viele der Ansätze Bircher-Benners werden heute von der Komplementärmedizin vertreten. Hans-Heinrich Brunner, Präsident FMH, erläuterte mit kritischem Blick die Entwicklung der Schulmedizin und der Komplementär- oder Erfahrungsmedizin. Der bekennende Birchermüesli-Konsument hat die Bircher-Benner-Klinik in seinerJugend selbst erlebt, inklusive «Aufstehen um sechs Uhr morgens», wie er betont.

Brunner erinnert daran, dass jede Medizin auf einer Theorie aufbaue, die den Anspruch habe, komplett zu sein. Jede Theorie wiederum habe eine systemimmanente Beweisführung. Deshalb seien zwei verschiedene Medizinen nicht miteinander vergleichbar, man könne sie auch nicht gegen einander ausspielen.

Die Entwicklung der orthodoxen Medizin, der Schulmedizin, habe zu einem mechanistischen Modell geführt. Im Gegensatz dazu stellt die Erfahrensmedizin das Individuum mit seinen Erfahrungen ins Zentrum.

Die Schauspielerin Maria Becker berichtet von ihren Aufenthalten im �Sanatorium Lebendige Kraft� (Bild: cs)

Liebevolle Zuwendung und wirkliches Interesse

Diesen Ansatz bestätigt auch die Schauspielerin Maria Becker. Sie war zwei Mal in der Bircher-Benner-Klinik zur Kur: das erste Mal wegen eines Nervenzusammenbruches, das zweite Mal wegen einer rätselhaften und hartnäckigen Angina. Sie lobt die Qualität der Betreuung: jeder Patient habe eine Krankenschwester für sich gehabt. Das Essen habe hervorragend geschmeckt, es habe überhaupt nicht ausschliesslich Rohkost gegeben. Zentral scheine ihr die liebevolle Zuwendung, das wirkliche Interesse, das einem dort entgegengebracht worden sei. Dies habe sicher ganz entscheidend dazu beigetragen, dass sie beide Male vollständig genesen sei.

Christoph Schumacher ist freier Fotograf, Journalist und Mitarbeiter von unicom.