Genialer Tüftler, visionärer Künstler

Er ist Architekt, Erfinder, Mathematiker, Bastler, Philosoph und Künstler. Es geht nicht ohne diese Aufzählung, will man Akio Hizume gerecht werden. Wie für Leonardo da Vinci gibt es für ihn keine Trennung von Kunst und Wissenschaft. «Beides sind menschliche Künste», so Hizume. Im Alten Botanischen Garten realisiert er zurzeit einen seiner legendären «Star Cages». Für seine geometrische Plastik verwendet der Japaner ausschliesslich Bambusstangen.

Sascha Renner

Der Star Cage in seiner - fast - endgültigen Form. (Bild: Sascha Renner)

Aufregung am Völkerkundemuseum. Eine Böe hatte das fünf Meter hohe Geflecht aus Bambusstangen, das je nach Blickrichtung an einen überdimensionierten Weihnachtsstern oder an eine Panzersperre erinnert, erfasst und zur Seite gekippt. Die vereinten Kräfte von Ethnologen, Museumsaufsichten und Bibliothekarinnen waren nötig, um das gigantische Gebilde unter der Anleitung des Künstlers wieder insLot zu hieven.

Akio Hizume ist der erste von drei japanischen Künstlern, der im Rahmen der grossen Bambus-Ausstellung des Völkerkundemuseums (s. Kasten) in Zürich gastiert. Angestrengt schaut er durch seine grosse Brille und kneift die Augen zusammen. «Siehst du das Fünfeck dort?», fragt er mich und zeigt ins Stangengewirr. Tatsächlich entdecke ich mittendrin ein winziges fünfeckiges Fenster, das den Blick durch die gesamte Tiefe des Körpers freigibt. Hizumes Ausdruck entspannt sich, ein zufriedenes Lächeln huscht über sein Gesicht. Der Kontrollblick sagt ihm, dass die Bambusstangen wieder in strenger Symmetrie zueinander stehen. Eine waghalsige Kletteraktion und ein paar kräftige Schläge auf die Enden der Stangen genügten offensichtlich, um die havarierte Plastik wieder herzurichten.

Symmetrie spielt eine wichtige Rolle in der Statik des Star Cages. (Bild: sr)

Die Entspannung weicht gedankenvoller Konzentration, als Hizume zur nächsten Stange greift. Auf einem unsichtbaren, aber exakt festgelegten Weg stösst er sie in das scheinbar undurchdringliche Gitterwerk hinein. Ein Mitarbeiter schiebt von hinten nach, während Hizume vorne wie mit einer riesigen Stricknadel nach der Masche sucht. Kurz darauf kommt das Bambusrohr am beabsichtigten Ort wieder zum Vorschein. Über 500 Stück hat der Künstler auf diese Weise in strenger geometrischer Ordnung ineinander getrieben, seit er seine Arbeit vor zwei Wochen aufgenommen hat. Täglich gewinnt die anfänglich lichte Struktur an wuchtiger Kraft, während sie sich von der Gestalt eines sechsachsigen Sterns an die eines Dodekaeders annähert - eines von zwölf gleichseitigen Fünfecken begrenzten Körpers. All dies erledigt der gelernte Architekt mit traumwandlerischer Sicherheit und ohne je eine Vorlage zur Hand zu nehmen. Er trägt den gesamten Bauplan als dreidimensionales Rasterin sich.

Ohne Respekt vor der akademischen Spezialforschung betreibt Hizume seine eigene, grundlegende Strukturanalyse. Angeregt vom anthroposophischen Baugedanken Rudolf Steiners und der dramatischen Raumwirkung kultischer Stätten wie dem Kölner Dom und Stonehenge, begann er selbst mit Formen aus dem Baukasten der Natur zu experimentieren. Wichtige Anknüpfungspunkte boten ihm die vegetabilen Gestaltungen des katalanischen Architekten Antoni Gaudí und die Gitterkonstruktionen Buckminster Fullers. Als er schliesslich auf das Penrose-Parkett stiess, ein 1974 entdecktes Muster, das über faszinierende mathematische Eigenschaften verfügt, begann er, dafür dreidimensionale Visualisierungen zu entwickeln. Der «Star Cage» war geboren.

Der Star Cage hält das Gewicht seines Architekten aus. (Bild: sr)

Wie seine Vorbilder ist auch Hizume um die praktische Nutzbarmachung seiner geometrischen Grundlagenforschung bedacht. Er entwickelt Treppen, die die Beine entlasten, Webmuster, die algebraische Gesetzmässigkeiten illustrieren, mehrstimmige Musik-Kompositionen, die sich erst nach 50 Billionen Jahren wiederholen und urbanistische Projekte, die er als zentrums- und hierarchielose, vielfältig miteinander vernetzte «Neuro-Architekturen» bezeichnet. Seine Vorliebe für Bambus kommt nicht von ungefähr. Wie seine architektonischen Entwürfe weist auch die Pflanze die Struktur eines dezentralen Netzwerks auf, das über Rhizome ständig neue Einheiten generiert. Der eigentliche Vorteil des Materials liegt jedoch in der einfachen Handhabe: «Architektur ist in der Regel gross und teuer, deshalb ist es schwierig, damit zuexperimentieren. Der Bambus löst dieses Problem.»

Wie vielfältig die Anwendungsmöglichkeiten dieser faszinierenden Pflanze sind, zeigt die Ausstellung in den Sälen des Völkerkundemuseums gleich nebenan. Dort breitet sicheine üppige Palette von Luxus-, Alltags- und Kunstgegenständen aus, die der Schweizer Handelsreisende Hans Spörry zwischen 1890 und 1896 im japanischen Yokohama zusammentrug.

Im Workshop kann der Aufbau einfacher Sternenkäfige erlernt werden. (Bild: sr)

Akio Hizumes «Star Cage» ist bis auf weiteres täglich im Alten Botanischen Garten (zwischen Kaufleuten und Neuer Börse) zu besichtigen, in dem sich auch das Völkerkundemuseum der Universität befindet. Am Sonntag, 13. Juli, wird der Künstler erstmals den Versuch unternehmen, zwei Drittel der 540 Bambusstangen aus dem Körper zu entfernen, so dass im Innern ein begehbarer Hohlraum entsteht. Die mehrstündige Aktion beginnt um 9 Uhr morgens. Gleichentags führt Hizume einen Workshop durch, in dem er die Herstellung einfacher «Star Cages» demonstriert. Kosten: CHF 10.-. Anmeldung und Infos: 01 634 90 11.

Sascha Renner ist Ethnologe und freier Mitarbeiter von unipublic.

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