Der Islam zwischen Demokratie und Terrorismus

Zurückhaltend im Gestus, pointiert in der Aussage: So hat der in Berlin lebende Schriftsteller und Journalist Bahman Nirumand an der Universität Zürich seine Sicht auf demokratische und terroristische Strömungen in der islamischen Welt dargelegt.

Brigitte Blöchlinger

Der Schriftsteller und Journalist Bahman Nirumand bei seinem Vortrag in der Aula. (Bild: Brigitte Bloechlinger)

Er freue sich auf die Diskussion mit dem Publikum, sagte der Schriftsteller und Journalist Dr. Bahman Nirumand letzten Mittwoch (14. Mai 2003) zu Beginn seines Vortrags «Islam - Terrorismus - Demokratie» in der Aula der Universität Zürich. Das Interesse schien gegenseitig, die Aula war voll. Leider wurde der Gast aus Berlin nicht richtig vorgestellt. Auch fehlte am Schluss die Zeit, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Schade um die verpasste Chance. Denn Stoff für eine kontroverse Auseinandersetzung hätte Bahman Nirumands Vortrag ausreichend geboten - vor allem für Amerika-freundliche Westler.

Gewalt erzeugt Gegengewalt

Besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, begann Bahman Nirumand seinen Vortrag, werde der Islam als gewalttätige, rachsüchtige Religion dargestellt. Eine solche Frontbildung gegen eine Religion, an die weltweit mehr als eine Milliarde Menschen glauben, diene dem Weltfrieden aber in keiner Weise. Die Verunglimpfung des Islams, wie sie insbesondere der US-amerikanische Präsident George W. Bush und sein italienischer Kollege Silvio Berlusconi (und dessen Kompatriotin Oriana Fallaci) betreiben, sei nicht nur arrogant, sondern übersehe in ihrer pauschalen Abwertung auch die Vielfalt innerhalb der islamischen Gemeinschaft. Die westlichen Hardliner sähen sich wie die mittelalterlichen Kreuzritter und die Kolonialisten des 19. Jahrhunderts als Mass aller Dinge und seien bereit, ihre Vorstellung von Gut und Böse mit Gewalt durchzusetzen. Aber auch eine verklärende Sicht des Westens auf den Islam sei eine unzulässige Reduktion. Beide Beurteilungen liessen kein wirkliches Verständnis und keine echte Toleranz aufkommen.

(Bild: bri)

Die wichtigsten Grundkonflikte

Als erstes müsse der Westen zur Kenntnis nehmen, dass im islamischen Raum schon immer eine Vielzahl von geistigen Strömungen, Verbänden und Organisationsformen existiert hätten, die zum Teil konträr zueinander stünden und sich auch bekämpften. Doch so unterschiedlich die Gruppierungen auch seien, sie gingen doch von bestimmtenGrundkonflikten aus, die sich dem Islam seit Alters her stellen: Was sind die Gründe für den Rückstand, den die islamischen Länder im Vergleich zum Westen zu verzeichnen haben? Liegt dieser Rückstand in der Geschichte des Islams begründet oder in der Religion selbst? Ist die ethische Entwicklung des Westens überhaupt nachahmenswert? Welches Ziel verfolgt der Islam? Wie kann er seine Identität bewahren und sich trotzdem erneuern? Die Antworten auf diese zentralen Fragen fallen in der islamischen Welt des 20. Jahrhunderts so unterschiedlich aus wie die verschiedenen Denkrichtungen.

Rückwärtsgewandtheit versus Reformwille

Drei Hauptrichtungen lassen sich unterscheiden. Die einen, die Laizisten, plädieren für die Trennung von Religion und Staat und damit für die Nachahmung des westlichen Wegs; die andern, die Geistlichen und religiösen Führer, können sich gewisse Reformen vorstellen, allerdings eingebettet in die religiöse Tradition; und als drittes fundamentalistische Positionen wie die Islamisten, die jede Säkularisierung des Islams strikt ablehnen.

Die Weltpolitik (Sechstagekrieg, Zusammenbruch westlicher Ideologien wie Nationalismus oder Kommunismus u. a.) hat den Modernisierungsbefürwortern in der islamischen Welt nicht gerade zugearbeitet. Im Gegenteil: Die Radikalen wurden populärer und konnten sich nach und nach als Gegenentwurf zur westlichen Welt etablieren. Die Rückbesinnung auf den Glauben und die fehlende Gewaltenteilung galt in deren Augen nicht als Grundfür den Rückstand der islamischen Welt gegenüber dem Westen, sondern als der einzige Weg zur Bewältigung der anstehenden Probleme. Der islamische Glauben wandelte sich in fundamentalistischen Kreisen zur Ideologie, mit der Politik gemacht wird.

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Historisierung als Voraussetzung für Fortschritt

Die wichtigsten Fehlüberlegungen der fundamentalistischen islamischen Strömungen, führte Bahman Nirumand weiter aus, bestehen darin, dass diese die drei Pfeiler des Islams nicht im jeweiligen historischen Kontext sehen, sondern für ewig gültig erklären. Den Koran verstehen sie als direktes Wort Gottes, statt als eine von Menschen gefertigte Niederschrift mit zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten. Die Worte und Handlungen des Propheten Mohammed werden ebenfalls nicht als Ausdruck ihrer Zeit verstanden, obwohl sie - wie die Bibel - gar nicht vom Propheten selbst, sondern erst lange nach dessen Tod aufgeschrieben worden sind.

Der dritte Baustein des Islams allerdings, die Scharia, könnte als Ansatz dazu dienen, wirkliche Reformen in Richtung Trennung von Religion und Staat zu entwickeln. Das islamische Recht hat sich nämlich über die Jahrhunderte hinweg den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst und erweist sich immer wieder als reformfähig. Es umfasst sowohl die Glaubenspraxis als auch das Familien-, Erbschafts-, Wirtschafts-, Verwaltungs-, Straf- und Prozessrecht. Jede Modernisierung des Islams muss deshalb nach Ansicht von Bahman Nirumand über eine Reform der Scharia gehen.

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Demokratisierung von innen

Heute teilen viele Moslems die Auffassung, dass die Trennung von Religion und Staat nötig sei für eine Weiterentwicklung der islamischen Welt. Viele sind diesbezüglich progressiver als ihre geistigen Führer. Der Westen macht gemäss Bahman Nirumand den Fehler, dass er diese innerislamischen progressiven Kräfte weitgehend ignoriert und stattdessen den extremen Gruppierungen zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Der Westen sollte auch zu seinem eigenen Nutzen (Bekämpfung des Terrorismus) sein Demokratieverständnis glaubwürdiger leben; Krieg und opportunistisches Taktieren fördern seine Glaubwürdigkeit nicht.

Beispiel Islamische Republik Iran

Doch so oder so muss die islamische Welt ihre eigenen Antworten auf die Herausforderung, die der Westen darstellt, finden. Die islamische Geschichte und Religion darf in diesem Demokratisierungsprozess nicht vernachlässigt werden und muss auf dem Weg in die Moderne berücksichtigt werden. Als wegweisendes Beispiel nannte Bahman Nirumand überraschenderweise die Islamische Republik Iran. Sie vereine alle Widersprüche in sich, in die sich heute ein moderner islamischer Staat verwickelt sehe: Er muss sowohl mit der Religion (Gottesstaat) als auch mit der für den Fortschritt nötigen Säkularisierung (Republik) zurecht kommen. Dieser Widerspruch habe sich im Iran stetig verschärft und lähme das Land heute weitgehend. Trotzdem kann sich Bahman Nirumand durchaus vorstellen, dass die Opposition im Iran von historischer Bedeutung für die ganze islamische Welt werden könnte.

(Bild: bri)

Der Wille zur Demokratie müsse - in welchem arabischen Land auch immer - von der Bevölkerung selbst kommen. Und in der Tat werde die Säkularisierung der Staatsformen in den islamischen Gesellschaften viel breiter diskutiert, als das der Westen wahrnehme.

Seinen Vortrag schloss Bahman Nirumand fast wie ein Friedensaktivist mit einem Appell für verstärkte Dialogbereitschaft, gegenseitiges Verständnis und Toleranz.

Brigitte Blöchlinger ist Journalistin BR und regelmässige Mitarbeiterin von unipublic.