«Sie, wie viele Zellen hat das Gehirn?»

An der vergangenen Brainfair 2003 liess sich das Zentrum für Neurowissenschaften ins Nähkästchen gucken. Neben dem Tag der offenen Tür, an dem Interessierten Labortüren und Vorlesungssäle offenstanden, konnten Schulen auch Forscherinnen und Forscher in ihre Klassen einladen. Ein Erlebnisbericht.

Andrea Strässle & Gudrun Möller

Gudrun Moeller vom Institut für Neuroinformatik stand Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort. (Bild: zVg.)

Als Walter Frasnacht aus Uster seiner 1. Sekundarklasse vom Angebot erzählte, eine Wissenschaftlerin einzuladen, waren die Schüler und Schülerinnen Feuer und Flamme. Eine Hirnforscherin im Klassenzimmer? Cool. Schnell kamen die ersten Ideen und Fragen zusammen, bald hatten sich alle geeinigt: «Denken und Träumen» sollte das Thema sein.

Eingeladen wurde Gudrun Möller vom Institut für Neuroinformatik. In ihrer Forschung beschäftigt sie sichmit der Kombination von Verhalten und Gehirn und untersucht dazu den Einfluss von Augenbewegungen auf die Gehirnaktivität. «Die Klasse hat sich eines der schwierigsten Gebiete der Neurowissenschaften ausgesucht, aber gleichzeitig eines der spannendsten», sagt sie. Zur Vorbereitung habe sie von den Schülern eine Liste mit den zehn wichtigsten Fragen erhalten. Fragen, die es in sich haben: Ist die Seele im Kopf? Ist das Gehirn wie ein Computer? Warum passieren Dinge, die ich vorher geträumt habe?

Anhand der Liste frischte Gudrun Möller ihre Kenntnisse auf, las nach, suchte Beispiele aus dem Alltag und aus der Tierwelt zusammen. Sie sah sich mit zwei Problemen konfrontiert. Erstens war sie gezwungen, auch komplizierte, wissenschaftliche Erkenntnisse in einfache Worte zu fassen. Und zweitens liefert die Wissenschaft auf einige der Fragen keine ausreichende Erklärung. «Ich war gezwungen, mich immer wieder zu fragen: Was wissen wir eigentlich? Was weiss ich eigentlich? Diese Erfahrung wünsche ich all meinen Kollegen und Kolleginnen.»

Dann ist es so weit. Neugierig und noch etwas skeptisch mustern die Schüler und Schülerinnen den Gast, der ins Klassenzimmer geführt wird. So sieht also eine Wissenschafterin aus? Die ist ja noch ganz jung, trägt Turnschuhe. Mit einer Entschuldigung wegen ihres mangelhaften «Schwyzerdütsch» erntet Gudrun Möller die ersten Lacher. Das Eis ist gebrochen. Schon während der Einführung zum Thema Schlaf und Schlafstadien schnellen die Finger in die Höhe: «Stimmt es, dass man Schlafwandelnde nicht wecken soll?» Gudrun Möller fragt zurück: «Wenn du als Schlafwandler mitten in einem schönen Traum wärst, möchtest du dann lieber geweckt oder aber zurück ins Bett begleitet werden?» Die Diskussion ist im Gange.

Bei Delfinen schläft immer nur eine Hirnhälfte. Ein Wissen aus der Neurowissenschaft. (Bild: zVg.)

Fragenzu eigenen Träumen sprudeln aus den Schülern hervor. Nach einem Exkurs in die Traumdeutung versucht Gudrun Möller mit einem Beispiel aus der Tierwelt, das Blickfeld der Schüler wieder auszuweiten. Erstaunlich, wie schnell die Schüler begreifen, warum beim Delfin immer nur eine Gehirnhälfte schlafen darf. Die Jugendlichen folgen den Erklärungen, wollen es hier und dort noch genauer wissen, erzählen von ihren persönlichen Erlebnissen.

Gudrun Möller kommt auf die Frageliste zurück. Was für ein Kompliment, als die Wissenschafterin sagt: «Da habt ihr euch wirklich ein paar von den schwierigsten Fragen überhaupt ausgedacht.» Als die Schüler erfahren, dass noch immer nicht klar ist, wozu Lebewesen schlafen, tun sie es den Wissenschaftern gleich und spekulieren frisch drauf los.

«Die Schüler stellen instinktiv die selben Fragen wie die Hirnforscher an Uni und ETH», stellt Gudrun Möller fest. Diese Erfahrung sei für beide Seiten bereichernd. Sie als Wissenschafterin habe aus erster Hand erfahren, welche Fragen die Jugendlichen beschäftigen und wo die Wissenschaft gefordert ist, weiter nach Antworten zu suchen. Die Jugendlichen ihrerseits hätten gemerkt, dass Forscherinnen und Forscher zum Teil an den gleichen Fragen zu knabbern haben wie sie selbst.

Nicht zuletzt sind sich Wissenschaft und Schule ganz persönlich näher gekommen. Und das tönt so: «Frau Möller, spielen Sie Fussball?»

Andrea Straessle hat Biologie und Neurobiologie an der ETH studiert und besucht momentan das MAZ in Luzern. Gudrun Möller ist Doktorandin am Institut für Neuroinformatik.