Modellfall Musik

Das Thema «Gehirn und Musik» steht im Zentrum eines Podiumgesprächs zur Eröffnung der BrainFair am kommenden Samstag. An der Diskussion an der Universität Zürich wird auch Lutz Jäncke teilnehmen. Der Neuropsychologe hat sich in seiner Forschung bereits intensiv mit dem Gegenstand auseinandergesetzt.

Roger Nickl1 Kommentar

Lutz Jaencke (Bild: Roger Nickl)

Pink Floyd mag er, die Rolling Stones auch - am liebsten hört sich Lutz Jäncke aber Werke von Mozart an. «Mozart ist für mich in jeder Hinsicht faszinierend, musikalisch genauso wie biografisch», sagt der Ordinarius für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Der Komponist fasziniert den Forscher auch in beruflicher Hinsicht: «Mozart zeigt für mich exemplarisch auf, wie man Musik lernt», erklärt Jäncke.

Für den Neurowissenschaftler hat die Kunst des Musizierens und Komponierens wenig mit Genie zu tun. Im Gegenteil: Motiviertes Üben macht den Meister, meint er. Mozart hat bereits in frühester Kindheit intensiv trainiert. Zudem war das familiäre Umfeld ganz auf Musik fokussiert. Dadurch habe er seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten entwickeln können, sagt Jäncke, anderes - etwa die soziale Kompetenz - ist dagegen etwas auf der Strecke geblieben. Der «Fall Mozart» unterstützt seine These, wonach frühe und intensive Musikstimulation das Gehirn formt.

«Was mich letztlich interessiert ist die neuronale Plastizität des Gehirns», erklärt Lutz Jäncke. Die Frage also, wie intensives Training sich auf die neuronale Vernetzung unseres Denkorgans auswirkt. Berufsmusiker dienen im als Modell zur Bearbeitung der neurowissenschaftlichen Fragestellungen. Am Anfang dieses Forschungsinteresses stand der Fall eines berühmten Pianisten, der 1993 während eines Konzertes einen Schlaganfall erlitt. Jäncke arbeitete damals in der Neurologischen Klinik Düsseldorf, in die der Künstler eingeliefert wurde. «Ich bekam damals die Gelegenheit den Patienten zu untersuchen, dabei merkte ich bald, dass seine Hirnorganisation im Vergleich zu Nicht-Musikern anders ist.» Dieser Differenz wollte der Wissenschaftler weiter auf den Grund gehen.

Das Gehirn eines Profi-Musikers beim zweihändigen Klavierspielen. Die weissen Flaächen im Motorikareal deuten im Vergleich zu Nicht-Profi-Musikern auf eine geringere Durchblutung hin. Was viel geübt wird, stellt für das Gehirn eine kleinere Anstrengung dar. (Bild: Zentrum fuer Neurowissenschaften)

Jäncke stellt sich in der Folge Fragen wie: In welcher Hirnregion werden Klänge verarbeitet? Und: Verarbeiten Musiker mit absolutem Gehör Töne im selben Hirnareal wie andere? Er interessierte sich für die Leistungen von Pianisten und Streichernund ging der Frage nach, wie die Musiker es schaffen, motorisch hochkomplexe Aufgaben zu meistern. 250 bis 260 Gehirne von Profi-Musikern hat der Neuropsychologe auf dem Hintergrund solcher Fragestellungen mittlerweile untersucht und vermessen.

Bei einem Besuch in Jänckes Labor müssen die Musiker jeweils spezifische Aufgaben lösen - etwa bestimmte Tastenfolgen auf einem Keyboard spielen oder Töne identifizieren und benennen. Dabei zeichnet der Wissenschaftler mittels Kernspintomograf die gut durchbluteten, das heisst aktiven Hirnregionen auf. Aufgrund der Daten des Messgeräts können Jäncke und sein Team auch dreidimensionale Rekonstruktionen der Gehirne erstellen. Diese erlauben es, die funktional verschiedenen Hirnregionen - etwa das Arbeitsgedächtnis oder das auditorische und motorische Areal - auszumessen und mit den Daten von Nicht-Musikern zu vergleichen.

Menschen mit absolutem Gehör (links) im Vergleich mit «normal» hörenden Menschen. Das Planum temporale, ein Teil des Sprachzentrums, ist vergrössert. Hören und Benennen bedingen einander. (Bild: Zentrum fuer Neurowissenschaften)

Welche Beobachtungen konnten die Wissenschaftler bislang machen? «Durch intensives Training erbringen Musiker beispielsweise im Bereich des Arbeitsgedächtnisses aussergewöhnliche Leistungen», erklärt Lutz Jäncke. Entsprechend ist die dafür zuständige Hirnregion auffällig «aufgeblasen» - der Anteil an grauer Substanz ist erheblich grösser als im Normalfall. Bewerkenswert ist auch ein Befund das absolute Gehör betreffend. Die Neuropsychologen konnten die Fähigkeit, einen Ton referenzlos zu bestimmen, im Sprachzentrum der rechten Hirnhälfte lokalisieren. Das absolute Gehör scheint demnach stark mit Sprachlichem verbunden zu sein. «Durch das regelmässige Üben bilden sich bereits früh bestimmte neuronale Netzwerke aus, die Töne und Sprachsignale assoziieren», erklärt Jäncke. Für ihn ist deshalb klar, das das absolute Gehör vor allem durch Training im frühen Kindesalter erworben ist.

Mit seiner Forschung wirft Lutz Jäncke auch Schlaglichter auf die Lernpraxis. «Ein früher Lernbeginn beeinflusst die spätere Leistungsfähigkeit positiv», weiss der Hirnforscher. Deshalb verstehe er nicht, weshalb etwa der Fremdsprachenunterricht in vielen Schulen erst relativ spät beginnt. Die Neuropsychologie kann auch zeigen, dass das Musikmachen dem Abbau der kognitiven Fähigkeiten im Alter entgegen wirkt. «Musizieren macht Spass und trainiert das Gedächtnis», sagt der 46-Jährige, der sich selbst mit dem Gedanken trägt, das Klavierspielen zu lernen. Gründe dafür gäbe es genug - auch wenn Mozarts Meisterschaft unerreicht bleiben wird.

Roger Nickl ist Redaktor des
unimagazinsund freier Journalist.

1 Leserkommentar

Kay Tokner schrieb am Absolutes Gehör Dies ist aus meiner Sicht mal wieder ein sehr interessanter Beitrag zum Thema Musik /Gehirn/ Absolutes Gehör, auch wenn er schon einige Jahre auf dem Buckel hat.

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