Kunst und Medizin verbinden
Tanzsessions für Menschen mit neurologischen Erkrankungen, Kunstbetrachtungen für Jugendliche mit psychischen Problemen: Zürcher Kulturinstitutionen beteiligen sich zunehmend an gesundheitsfördernden und therapeutischen Angeboten.
Unter dem Titel «Arts+Health» hat die Universitäre Medizin Zürich (UMZH) nun eine Plattform initiiert, die den Austausch zwischen Medizin und Kunst dauerhaft fördern soll. «Fortschritte erwachsen besonders dort, wo unterschiedliche Perspektiven, Denkweisen und Erfahrungen zusammentreffen», sagte Beatrice Beck Schimmer, Direktorin der UMZH, an der Auftaktveranstaltung zu «Arts+Health» im Kunsthaus Zürich.
Teil der medizinischen Ausbildung
Vorgestellt wurden Projekte aus Medizin, Psychiatrie, Tanz, Architektur und Kultur – verbunden durch die Frage, wie Kunst Gesundheit, Wahrnehmung und zwischenmenschliche Erfahrung beeinflussen kann.
Konkret werden soll die Zusammenarbeit unter anderem in der medizinischen Ausbildung. Geplant ist ein Lehrmodul im sogenannten Mantelstudium, das unter der Leitung der UZH-Psychiatrieprofessorin Susanne Walitza derzeit entwickelt wird. Beck Schimmer würdigte auch jene, die das Projekt massgeblich vorangetrieben haben, darunter Johann Steurer, emeritierter Professor für Innere Medizin der Universität Zürich, und Ann Demeester, Direktorin des Kunsthauses Zürich.
Gesundheit weiterdenken
Regierungsrätin Jacqueline Fehr verwies auf Erfahrungen mit Kunsttherapie im Strafvollzug. Besonders Musik könne Empathie und Selbstwahrnehmung fördern. Zugleich warnte sie davor, Kultur auf ihren gesellschaftlichen Nutzen zu reduzieren. Ihre Stärke liege gerade in ihrer Freiheit.
Ähnlich argumentierte Andreas Hauri. Der Zürcher Gesundheitsvorsteher plädierte dafür, Gesundheit nicht allein medizinisch zu verstehen, sondern auch sozial und kulturell. Kunst sei keine dekorative Ergänzung, sondern Teil menschlicher Fürsorge.
Internationale Beispiele
Wie eng Kunst und Medizin bereits zusammenarbeiten, zeigte Ann Demeester anhand internationaler Beispiele. An der Radboud University in den Niederlanden fliessen künstlerische Methoden inzwischen in die Ausbildung von Medizinerinnen und Medizinern ein, um Wahrnehmung, Empathie und Kommunikation zu schärfen. Kunst wirke dabei «wie ein Katalysator», sagte Demeester.
Wenn Kunst Teil der Therapie wird
Dass solche Ansätze längst praktisch erprobt werden, zeigte sich auch in mehreren Zürcher Projekten. Clare Guss-West und Nadine Schwarz vom Opernhaus Zürich stellten ein Tanzprogramm für Menschen mit Parkinson oder Multipler Sklerose vor. Susanne Walitza berichtete vom Kriseninterventionszentrum «Life», wo suizidgefährdete Jugendliche Kunst- und Tanzworkshops besuchen. Die Teilnehmenden gaben dem Projekt selbst den Namen «art.in».
art.in
Das Projekt «art.in» bietet Jugendlichen Raum für künstlerische und kulturelle Entdeckungen. In regelmässigen Besuchen im Kunsthaus können suizidgefährdete Jugendliche ihre Emotionen und ihre eigene Wahrnehmung durch verschiedene visuelle Ausdrucksformen erforschen. In einem anderen Modul in Zusammenarbeit mit dem Opernhaus erhalten die Jugendlichen unter der Leitung qualifizierter Künstler*innen die Möglichkeit, Tanz, Performance und andere körperorientierte Praktiken auszudrücken.
Die Angebote wurden von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus und dem Opernhaus Zürich sowie der Children Action Foundation entwickelt.
Bernard Sabrier, Gründer der Stiftung Children Action und Unterstützer des Genfer Präventionsprojekts «Malatavie», sprach über die Kraft ästhetischer Erfahrungen in psychischen Krisen. Kunst eröffne Zugänge, die klassische Therapien oft nicht erreichten. Besonders eindrücklich schilderte er die Begegnung einer Jugendlichen mit einem Kunstwerk. «Genau so fühle ich mich», habe sie gesagt. In solchen Momenten werde innerer Schmerz überhaupt erst greifbar.
Die Wirkung von Räumen
Zum Schluss weitete sich der Blick noch einmal. Anna Lisa Martin-Niedecken stellte Forschungsprojekte der Zürcher Hochschule der Künste vor. Anschliessend diskutierten die ETH-Professorinnen Rosa Barba, An Fonteyne und Anna Puigjaner darüber, wie Architektur und Räume auf Menschen wirken – und wie sie Heilung, Konzentration oder Wohlbefinden beeinflussen können.