Ideen für eine gerechtere Welt
Gute Forschung kann das Leben vieler Menschen weltweit verbessern. Dies belegt die wissenschaftliche Arbeit von Esther Duflo und Abhijit Banerjee. Die Entwicklungsökonomin und der Entwicklungsökonom bekämpfen seit Jahren erfolgreich die Armut. Grundlage dafür sind präzise Feldexperimente auf der ganzen Welt, die zuweilen zu überraschenden Erkenntnisse führen. So zeigte sich etwa, dass Entwurmungskuren Kindern in Kenia ermöglichen, regelmässiger die Schule zu besuchen. Dies erhöht ihre Chancen auf mehr Einkommen und gute Gesundheit im Erwachsenenalter.
Mittlerweile sind am Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab am MIT in Boston, dass die beiden Forschenden mitbegründet haben, eine Vielzahl solcher Studien entstanden – immer mit dem Ziel, konkrete Massnahmen zu entwickeln, die Menschen das Leben erleichtern und zu etwas mehr Gerechtigkeit führen. Für ihre bahnbrechende Forschung erhielten Esther Duflo und Abhijit Banerjee 2019 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Ab dem Sommer 2026 werden die beiden Nobelpreisträger vom Massachusetts Institute of Technology an die UZH wechseln, wo sie ihre Arbeit fortsetzen werden. Ein Interview mit Duflo und Banerjee ist Teil des Dossiers im neuen UZH Magazin «Arm/Reich. Ideen für eine gerechtere Welt».
Menschenrechte und der amerikanische Traum
An der UZH beschäftigen sich Forschende aus verschiedenen Disziplinen im weitesten Sinne mit der Frage, wie die Gesellschaft gerechter gestaltet werden könnte. Antworten zu finden, ist nicht immer einfach, weil die Zusammenhänge oft komplex sind.
Die Rechtswissenschaftlerin Christine Kaufmann beschäftigt sich mit Menschenrechten und erforscht, wie Unternehmen ihre Verantwortung besser wahrnehmen können. Und sie hat für die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Leitlinien für verantwortungsvolle Unternehmensführung aktualisiert, die von 52 Staaten übernommen wurden. Die Schweiz hat in dieser Sache noch Aufholbedarf: «Die Unternehmensverantwortung in der Schweiz muss einheitlicher, klarer und besser geregelt werden», sagt Kaufmann.
Die Erzählung vom amerikanischen Traum verspricht, dass wer hart arbeitet, reich und vielleicht auch glücklich werden kann. Der Glaube an dieses meritokratische Prinzip ist die Basis unserer westlichen Leistungsgesellschaft. Doch die grosse Frage ist, ob das Narrativ zutrifft. Haben tatsächlich alle eine Chance, es zu etwas zu bringen? Der UZH-Ökonom Ernst Fehr sagt dazu: «Chancengleichheit bedeutet gleiche Startbedingungen für alle, doch das ist kaum erreichbar, weil die Voraussetzungen in Bezug auf Familie, Finanzen und Bildung sehr verschieden sind.» Deshalb seien gute und erschwingliche Bildungsmöglichkeiten und ein faires Steuersystem wichtig.
Steuerschlupflöcher schliessen
Der UZH-Ökonom Florian Scheuer untersucht, was Steuersysteme gerecht macht. Da liegt heute einiges im Argen, wie er feststellt: «Gerade Superreiche tragen oft eine überraschend niedrige effektive Steuerlast.» Um Steuern gerechter zu machen, braucht es ein Bündel pragmatischer Massnahmen, so Scheuer: Steuerschlupflöcher schliessen, Fehlanreize minimieren und angemessen Steuersätze auf Arbeit und Kapital. Wichtig ist, dass Gerechtigkeit sich nicht nur ökonomisch quantifizieren lässt, es geht auch um ideelle Werte wie Anerkennung und Wertschätzung. Darauf verweist die Forschung der Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann.