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Kunstgeschichte Ostasiens

Bereit für die Museen der Zukunft

Virtuelle Rundgänge, Augmented Reality, georeferenzierte Kunst: Studierende der Kunstgeschichte haben sich praxisorientiert mit den digitalen Möglichkeiten des Kuratierens auseinandergesetzt und eine virtuelle Ausstellung mit Werken zeitgenössischer chinesischer Kunst aus der Sammlung Sigg gestaltet.
Autor: Theo von Däniken, UZH News
  • Für ihre Ausstellung «Unframed» wählten die Studierneden unterschiedliche Werke aus der Sammlung Sigg und erkundeten damit Fragestellungen wie den gesellschaftlichen Druck auf Frauen, das Verhältnis von Ost und West, oder die Präsenz von Kunstwerken im realen und digitalen Raum: Cao Yu, The Thing in the Chest, 2020, Sigg Collection, Mauensee. © Cao Yu
    Für ihre Ausstellung «Unframed» wählten die Studierneden unterschiedliche Werke aus der Sammlung Sigg und erkundeten damit Fragestellungen wie den gesellschaftlichen Druck auf Frauen, das Verhältnis von Ost und West, oder die Präsenz von Kunstwerken im realen und digitalen Raum: Cao Yu, The Thing in the Chest, 2020, Sigg Collection, Mauensee. © Cao Yu
  • Ai Weiwei, Safety Jackets Zipped the Other Way, 2020, Sigg Collection, Mauensee. © Ai Weiwei
    Ai Weiwei, Safety Jackets Zipped the Other Way, 2020, Sigg Collection, Mauensee. © Ai Weiwei
  • Ni Youyu, Forest I, 2011, Sigg Collection, Mauensee.
    Ni Youyu, Forest I, 2011, Sigg Collection, Mauensee.
  • Ansicht der virtuellen Ausstellung mit Werken von Cao Yu und Chen Zhe.
    Ansicht der virtuellen Ausstellung mit Werken von Cao Yu und Chen Zhe.

«Sie stehen vor dem Werk The Thing in the Chest von Cao Yu», sagt die freundliche Stimme aus meiner Augmented-Reality-Brille. Die KI, mit der sie verbunden ist, hat das Bild über die integrierte Kamera erkannt. Nun beginnt die Stimme, mir Erklärungen zum Kunstwerk zu geben. Der Text wird mit Hilfe eines eigenen Large Language Models (LLM) erzeugt, das mit kunsthistorischen Informationen und Quellen zum Werk trainiert wurde.

Was ein wenig wie Science Fiction klingt, konnten Besucherinnen am vergangenen Montag an der Vernissage zur Ausstellung «Unframed» in der Aula der UZH Zürich erleben. Entwickelt wurde die AR-Brille von der Studentin Xue Bai zusammen mit dem Programmierer Dominique Vionnet im Rahmen der Lehrveranstaltung ‹Methods in Digital (Art) Curation: The Sigg Collection› des Lehrstuhls für Kunstgeschichte Ostasiens.

Rundgang mit der Kuratorin

«Die KI ist mit denselben Informationen gefüttert, die auch Kurator:innen oder Kunsthistoriker:innen nutzen, wenn sie sich mit diesen Werken befassen», erklärt Xue Bai, die im Rahmen des Moduls die Idee für einen solchen KI-gestützten Museumsführer hatte. «Es ist, als würden Sie mit der Kuratorin gemeinsam durch die Ausstellung gehen, und könnten direkt von ihrem Wissen über die Werke profitieren», so Xue.

Denn die Stimme im Ohr kann auch zuhören. «Frage», sage ich – das ist das Stichwort, dass ich etwas wissen will. Der Redefluss wird unterbrochen und die Stimme zeigt an, dass sie bereit ist, meine Frage zu hören. «Weshalb trägt die Frau ein Ochsenherz vor ihrer Brust? Und weshalb ist ein Tigerkopf darauf gezeichnet?» Die Stimme erläutert mir die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen in China. Sie sollen sich vollends für die Erziehung ihrer Kinder aufopfern und dabei so stark sein wie Ochsen und so kampfbereit wie ein Tiger.

Eine junge Frau, Xue Bai, steht in der Eingangshalle des Kunstmuseums Zürich und zeigt gestikulierend auf ein Kunstwerk.
Xue Bai im Kunsthaus Zürich. Mit ihrer AR-Brille will sie Museumsbesuchenden das Wissen von Kurator:innen niederschwellig zugänglich machen. (Bild: Theo von Däniken)

«Wenn ich durch ein Museum gehe, dann fehlt mir oft der Hintergrund zu den Kunstwerken», erzählt Xue Bai. «Weiss ich mehr über das Werk, die Künstlerin und den gesellschaftlichen Bezug, kann ich das Werk besser verstehen und es berührt mich mehr.»

Kompetent trainierte KI

Mit ihrer App, für die sie auch einen Prototyp mit Werken der Sammlung Merzbacher im Kunsthaus Zürich erstellt hat, möchte Xue Bai allen Besuchenden die Möglichkeit geben, im Austausch mit einer speziell geschulten KI, kompetente Informationen zum Werk zu erfahren.

Wichtig ist dabei, dass die KI nur Informationen auswertet, die Fachpersonen ausgewählt und geprüft haben. So wird vermieden, dass die KI halluziniert und Daten, Werke oder Ereignisse erfindet. «Nach wir vor braucht es kunsthistorisch geschulte Menschen, die die KI trainieren und die Qualität überwachen», betont Xue Bai. Doch dank der App kann dieses Wissen von Spezialist:innen für alle Interessierten auf eine niederschwellige Art zugänglich gemacht werden.

Digitale Tools …

Augmented-Reality war einer von drei Zugängen zum Kuratieren im digitalen Raum, welche die Dozentin Stephanie Santschi im Rahmen ihrer Lehrveranstaltung mit den Studierenden im Frühjahrssemester erarbeitete. Die Brille mit KI-generierten Informationen war eine der AR-Umsetzungen, welche die Studierenden ausloteten. Andere ergänzten die digitale Repräsentation der Kunstwerke mit sensorischen Erlebnissen, etwa einer Tast-Box oder Klangräumen, die über Kopfhörer vermittelt wurden.

Das Modul hat den Studierenden ganz praktisch gezeigt, was es heisst, Kuratorin oder Kurator in unserer digitalen Zeit zu sein.

Stephanie Santschi
Dozentin

Santschi selbst hat über zehn Jahre Erfahrung mit digitalen Ausstellungsinstrumenten, die sie den Studierenden praxisbezogen vermittelte. Von Anfang an war das Ziel der Lehrveranstaltung klar: Die Studierenden sollten einen Ausstellungsbeitrag erarbeiten, der am 8. Juni in der Aula öffentlich gezeigt wurde.

Dazu lernten die Studierenden in den ersten Lektionen die digitalen Tools kennen, mit denen sie ihren Beitrag zu Werken aus der Sammlung Sigg gestalten sollten: ‹Kunstmatrix› ermöglicht es, virtuelle dreidimensionale Galerieräume zu erstellen, in welche die Bilder «gehängt» werden können. Mit dem Tool ‹Storymaps› konnten die Studierenden die Werke geografisch verorten und mit weiteren Informationen versehen.

… und kuratorische Reflexion

Für Santschi stand dabei nicht im Vordergrund, dass die Studierenden den Umgang mit den Tools lernten: «Sie sollten sich vor allem mit dem Prozess des Kuratierens auseinandersetzen und gleichzeitig die zeitgenössische chinesische Kunst kennen lernen», so Santschi.

Zudem war ihr wichtig, dass die Studierenden reflektierten, welche Implikationen die Art der digitalen Präsentation auf die kuratorischen Entscheidungen und inhaltlichen Aussagen hat. So zeigte sich etwa, dass sich mit dem Tool ‹Kunstmatrix› Skulpturen und immersive Installationen nicht ausstellen lassen. Die Darstellung von Werken im geografischen Kontext hingegen birgt die Gefahr, dass die Künstler:innen und Werke auf ihre nationale Herkunft reduziert werden.

  • Grosses Interesse an der digitalen Ausstellung, die in der Aula präsentiert wurde. Bilder: Gabriel Bienz
    Grosses Interesse an der digitalen Ausstellung, die in der Aula präsentiert wurde. Bilder: Gabriel Bienz

Praktische Fragen

«Das Modul hat den Studierenden ganz praktisch gezeigt, was es heisst, Kuratorin oder Kurator in unserer digitalen Zeit zu sein», erklärt Santschi. Anhand einer eigenen Umsetzung lernten sie, dass sich Kurator:innen nicht nur mit kunsthistorischen Fragen zu den Werken auseinandersetzen müssen, sondern sich etwa auch Gedanken darüber machen, wie sie ihre Arbeit einem Publikum ohne Vorwissen vermitteln.

Dies gilt insbesondre für Kunstwerke aus einem anderen Kulturkreis. Mit den kulturellen Unterschieden gleichzeitig kritisch und respektvoll umzugehen, ist ein wichtiges Anliegen, das der Lehrstuhl für Kunstgeschichte Ostasiens den Studierenden mitgeben möchte, wie Santschi betont. Auch das eine Kompetenz, die in der aktuellen globalen Museumslandschaft an Bedeutung gewinnt.

Wir wollen vermehrt solche Ansätze in der Lehre fördern, welche die Kompetenzen der Studierenden, etwa im Bereich der digitalen Transformation, erweitern.

Ewa Machotka
Professorin für Kunstgeschichte Ostasiens

Zum Kuratieren gehört auch die Umsetzung der Idee in eine Ausstellung. Alle Studierenden mussten sich damit befassen, wie die Werke am 8. Juni in der Aula präsentiert werden sollen. Dabei zeigte sich: Nicht alles, was kuratorisch als guter Gedanke erscheint, lässt sich auch umsetzen. Eine Studentin wollte in der Aula einen gänzlich verdunkelten Raum einrichten und nur Geräusche und Töne wirken lassen. Für die Veranstaltung war dies aber nicht möglich und die Umsetzung wurde auf eine Hörstation mit Augenbinden herunterskaliert.

«Die Studierenden haben gerade diesen anwendungsbezogenen Ansatz an der Lehrveranstaltung besonders geschätzt», erklärt Santschi. Das Ziel der Veranstaltung war es, sie auf ihre mögliche berufliche Zukunft als Kurator:innen vorzubereiten, in der digitale Instrumente zunehmend wichtiger werden.

Zukunftsgerichtete Kompetenzen

Die neuartige Lehrveranstaltung verbindet einerseits kuratorische, wie auch digitale Zugänge – dies über die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Chinesischer Kunst, welche die globale Kunstwelt bedeutend mitprägt.

Ewa Machotka, Professorin für Kunstgeschichte Ostasiens, betont die einzigartige Gelegenheit für die Studierenden, in der Lehrveranstaltung mit Werken aus der weltweit bedeutendsten Sammlung für chinesische Gegenwartskunt arbeiten zu können. «Es ist sehr grosszügig dass Uli und Rita Sigg ihre Privatsammlung für dieses Projekt zur Verfügung stellen», sagt Machotka.

Sie wünscht sich, dass diese Arbeit in Zukunft weiter geführt werden kann, denn die Lehrveranstaltung spiegelt eine bewusste strategische Ausrichtung des Studienprogramms zur Kunstgeschichte Ostasiens: «Wir wollen vermehrt solche Ansätze in der Lehre fördern, welche die Kompetenzen der Studierenden, etwa im Bereich der digitalen Transformation, erweitern und die sie später in unterschiedlichen beruflichen Situationen einsetzen können.»

Zudem ist Machotka wichtig, auch die Öffentlichkeit zu erreichen und mit ihr in einen Austausch zu treten. Mit der öffentlichen Vernissage zum Ausklang der Lehrveranstaltung ist ihr dies gelungen.