«Für die Macht der Sprache sensibilisieren»
Giorgio Iemmolo, KI-Modelle produzieren Texte auf Knopfdruck. Wozu braucht es noch sprachliche Kompetenz?
Giorgio Iemmolo: Sprachkompetenz ist nicht nur die Fähigkeit, korrekte Texte zu produzieren. Es ist die Fähigkeit, die eigenen Gedanken zu strukturieren und Argumente zu entwickeln. Wenn eine Maschine den fertigen Output liefert, fällt dieser Denkprozess weg. Das finde ich gerade im Umfeld einer Hochschule problematisch. Es reicht auch nicht aus, einen korrekten Vortrag zu halten oder einen korrekten Text zu schreiben. Ein Satz kann korrekt sein, aber die Bedeutung ist vielleicht eine andere, als ich beabsichtigt hatte – je nach Situation.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Giorgio Iemmolo: Eine Anekdote aus meiner eigenen Erfahrung: Meine Erstsprache ist Italienisch. Deutsch habe ich in Deutschland gelernt. Als ich in die Schweiz kam, war ich irritiert darüber, wie die Leute hier das Wort «dürfen» verwenden. Im Sinne von: «Darf ich etwas sagen?». Dann ging mir auf, dass das in der Schweiz völlig normaler Umgang ist, auch im professionellen Kontext. In Deutschland hingegen würde ein solcher Satz – auch wenn er korrekt ist – manchmal unpassend klingen. Es kommt also auf die Situation an. Wenn ich nun mit einem KI-Modell arbeite, das ausschliesslich mit Daten aus Deutschland trainiert ist, werden zum Beispiel schweizerische Eigenheiten nicht wiedergegeben.
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Sprachkompetenz ist nicht nur die Fähigkeit, korrekte Texte zu produzieren. Es ist die Fähigkeit, die eigenen Gedanken zu strukturieren und Argumente zu entwickeln.
Es ist nun mal ein Fakt, dass die KI-Modelle existieren und auch an der UZH verwendet werden (siehe Kasten), wir können davor nicht die Augen verschliessen.
Giorgio Iemmolo: Nein, natürlich nicht. Ich finde es einerseits wichtig, den Menschen aufzuzeigen, wie generative KI funktioniert: Sie berechnet aufgrund von Wahrscheinlichkeiten, welches Wort in einem Text als nächstes folgt. Und andererseits sollten wir uns überlegen, wann ihr Einsatz sinnvoll ist. Meiner Meinung nach kann man Large Language Models wie ChatGPT gut verwenden, um sich Stichworte zu einem Thema geben zu lassen oder einen Text zu überprüfen. Aber die KI sollte nicht den eigenen kognitiven Prozess ersetzen.
UZH-Studierende und ChatGPT
Sie leiten das Sprachenzentrum. Es hat vor Kurzem ein Academic Communication Center (ACC) gegründet. Inwiefern ist akademische Kommunikation besonders?
Giorgio Iemmolo: In der akademischen Kommunikation bestehen punkto Argumentation und Rhetorik spezifische Konventionen, die sich von der Alltagskommunikation unterscheiden. Ein Beispiel: In naturwissenschaftlichen Texten dominiert in der Beschreibung von Methoden und Ergebnissen das Passiv. Im Vordergrund steht, was getan wurde, nicht, wer es getan hat. Wer das versteht, kommuniziert nicht nur korrekt, sondern auch situationsgerecht. Akademische Kommunikation ist oft komplex, und diese Komplexität des Inhalts muss erhalten bleiben. Die Frage ist, wie man die Komplexität so kommuniziert, dass sie verstanden wird.
Welche Tipps für eine gute Kommunikation geben Sie Hochschulangehörigen regelmässig?
Giorgio Iemmolo: Mein wichtigster Tipp: bewusst üben, schriftlich wie mündlich. Sprachkompetenz entwickelt sich nicht von selbst, sondern durch die regelmässige Auseinandersetzung mit Texten, Konventionen und Kommunikationssituationen. Gerade deshalb lohnt es sich, solche Kompetenzen gezielt zu trainieren. Wer ein Gespür dafür entwickelt, wer das Gegenüber ist und welches Register passt, kommuniziert nicht nur in der Wissenschaft überzeugender, sondern auch im Berufs- und Alltagsleben.
Was bietet das Academic Communication Center an?
Giorgio Iemmolo: Das ACC stärkt Studierende und Forschende in der Kommunikation. Zum Angebot gehören Semesterkurse, Workshops und individuelle Beratungen, etwa zu Academic Writing, Präsentationstechniken oder wissenschaftlichem Publizieren. Neben Schreibberatungen für Studierende bietet das ACC auch Coachings sowie Tailor-made-Angebote für Doktorierende und Forschungsgruppen an. Denn egal, ob es sich um eine Bachelor-Arbeit handelt, einen Konferenzbeitrag, ein Drittmittelgesuch oder einen Managementbericht: Alles dreht sich darum, sich präzise auszudrücken und zu argumentieren. Das ist der Kern akademischer Bildung. Wir wollen deshalb die Studierenden und Mitarbeitenden für die Macht der Sprache sensibilisieren.