Header

Suche
UZH Alumnus Jürg Lauber

«Diplomatie ist auch ein Handwerk»

Botschafter Jürg Lauber zählt zu den erfahrensten Schweizer Diplomaten. Seit Jahrzehnten vertritt er das Land auf der internationalen Bühne – von Beijing bis New York. An der Ständigen Mission bei den Vereinten Nationen in Genf spricht der UZH-Alumnus über seine Laufbahn, die Herausforderungen moderner Aussenpolitik und was es braucht, um Interessen erfolgreich zu vertreten.
Philippe D. Monnier
Jürg Lauber vor dem Palais des Nations in Genf.
«Die UNO hat in vielen Bereichen konkrete Fortschritte ermöglicht.» Jürg Lauber vor dem Palais des Nations in Genf. (Bild EDA-DFAE)

UZH Alumni: Sie haben unter anderem als Präsident des UNO-Menschenrechtsrats sowie als Ständiger Vertreter der Schweiz bei den Vereinten Nationen eine Reihe wichtiger diplomatischer Funktionen ausgeübt. Welche Kernkompetenzen sind dafür entscheidend?

Jürg Lauber: Zentral sind Offenheit und ein echtes Interesse an anderen Kulturen, Lebensrealitäten und internationalen Zusammenhängen. Eine der wichtigsten Kompetenzen ist die Fähigkeit zuzuhören und neugierig zu bleiben. Diplomaten wird oft nachgesagt, sie redeten viel und kompliziert. In der Praxis ist Zuhören jedoch mindestens genauso wichtig wie sich gut ausdrücken zu können.

Inwieweit sind diese Kompetenzen erlernbar?

Lauber: Es gibt sicherlich eine gewisse Grundkonstitution. In der Schweizer Diplomatie verfügen wir nicht über eine eigene diplomatische Akademie, wie es sie in anderen Ländern gibt. Dennoch bin ich überzeugt, dass Diplomatie auch ein Handwerk ist – mit Instrumenten und Methoden, die man lernen kann. Vieles eignet man sich durch praktische Erfahrung an, aber es gibt auch didaktisch vermittelbare Kompetenzen: etwa der Umgang mit fremden Kulturen oder die Strukturierung von Verhandlungsprozessen.

Was hat Sie zu einem Jurastudium an der UZH motiviert – und nicht zu einem Studium der internationalen Beziehungen? War die Diplomatie damals bereits Ihr Berufsziel?

Lauber: Als ich mein Studium an der UZH begann, wusste ich noch nicht, welchen beruflichen Weg ich einschlagen würde. Mir wurde jedoch vermittelt, und diesen Eindruck hatte ich selbst auch, dass ein Jurastudium eine sehr solide Grundlage bietet und viele spätere Möglichkeiten eröffnet. Diese Einschätzung hat sich für mich bestätigt. Unabhängig vom späteren Tätigkeitsfeld habe ich an der Universität Zürich grundlegende Fähigkeiten erworben: Wie stellt man die richtigen Fragen? Wie beteiligt man sich an Debatten? Wie reagiert man auf andere Argumente? Und wie nutzt man die akademische Freiheit in solchen Auseinandersetzungen?

Mein Lieblingsort an der Universität Zürich ist die Aula. Sie erinnert mich daran, dass Winston Churchill in Zürich zu einer grossen Zukunft Europas aufrief – diese Botschaft erscheint mir heute aktueller denn je.

Jürg Lauber
Diplomat

Gibt es einen Ort an der Universität Zürich oder eine Erfahrung aus der Studienzeit, die Sie besonders geprägt oder inspiriert haben

Lauber: Mein Lieblingsort an der Universität Zürich ist bis heute die Aula. Sie vermittelt den Eindruck einer klassischen Universität und erinnert mich daran, dass Winston Churchill in Zürich zu einer grossen Zukunft Europas aufrief – diese Botschaft erscheint mir heute aktueller denn je. Prägend war für mich vor allem der Austausch mit Studierenden aus allen Teilen der Schweiz. Die Vielfalt der Kantone, Hintergründe und auch Generationen hat meinen Blick geöffnet.

Wo sehen Sie Potenzial, die akademische oder praktische Vorbereitung auf internationale diplomatische Karrieren an Schweizer Universitäten weiter zu verbessern?

Lauber: Zu meiner Studienzeit war das Studium stark theoretisch geprägt: Man kam, studierte, absolvierte Prüfungen und ging wieder. Heute gibt es deutlich mehr internationale Austauschprogramme und einen stärkeren Fokus auf praktische Erfahrungen. Diese Entwicklung ist sehr positiv und sollte konsequent weitergeführt werden.

Inwiefern ist Networking für diplomatischen Erfolg entscheidend.

Lauber:Networking ist eine zentrale Kompetenz – generell, aber ganz besonders in der Diplomatie. Persönliche Kontakte tragen wesentlich zum Erfolg diplomatischer Arbeit bei.

Wie hat sich die Schweizer Diplomatie in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Lauber: Diplomatie ist das zentrale Instrument der Aussenpolitik. Diese hat sich in den letzten zwanzig Jahren insbesondere durch ein stärkeres multilaterales Engagement verändert – global wie regional. Die Schweiz verfolgt heute auch Diskussionen in Organisationen, in denen sie kein Mitglied ist, etwa in der Afrikanischen Union, und engagiert sich in Foren wie dem Arktischen Rat. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zur Europäischen Union von zentraler Bedeutung. Methodisch haben zudem neue Technologien in Kommunikation, Informationsbeschaffung und Analyse stark an Bedeutung gewonnen.

Wie vermittelt die Schweiz heute in internationalen Konflikten – und was bedeutet das für ihre Neutralität?

Lauber: Neutralität darf nicht mit Indifferenz verwechselt werden. Wenn – wie im Fall der Ukraine – das Völkerrecht massiv verletzt wird, muss dies klar benannt werden. Die Schweiz hat von Beginn an deutlich gemacht, dass es sich um eine Verletzung des Völkerrechts durch den russischen Aggressor handelt. Neutralität bedeutet, keine Konfliktpartei zu unterstützen, aber durchaus bereit zu sein, Friedensgespräche zu beherbergen oder zu erleichtern. Diese Rolle nehmen wir weiterhin wahr.

Die Schweiz verfolgt eine konstruktive Aussenpolitik: Wir fördern Sicherheit und Frieden, die Menschenrechte sowie eine nachhaltige Entwicklung. Das sind Ziele, mit denen ich mich persönlich sehr gut identifizieren kann.

Jürg Lauber
UZH Alumnus

Als Botschafter vertreten Sie die offizielle Position der Schweiz. Wie gelingt es Ihnen, diese glaubwürdig zu vertreten, auch wenn Sie persönlich anders denken würden?

Lauber: Ich hatte stets den Eindruck, dass Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten in einer privilegierten Situation sind. Die Schweiz verfolgt eine konstruktive Aussenpolitik: Gemäss unserer Bundesverfassung fördern wir Sicherheit und Frieden, die Menschenrechte sowie eine nachhaltige Entwicklung. Das sind Ziele, mit denen ich mich persönlich sehr gut identifizieren kann.

Wie wichtig sind für die Schweiz die UNO in Genf und das WEF-Jahrestreffen in Davos?

Lauber: Beide sind sehr wichtig und ergänzen sich. Genf ist der weltweit bedeutendste Standort multilateraler Diplomatie – mit mehr Themen, mehr Konferenzen und mehr direktem Einfluss auf das Leben der Menschen als jede andere Stadt, selbst New York. Das WEF wiederum hat ein einzigartiges internationales Netzwerk aufgebaut und stösst zentrale Debatten an. Während des Jahrestreffens in Davos organisieren wir jeweils einen «Geneva Day» im House of Switzerland, um zu zeigen, dass viele der dort diskutierten Themen auch im internationalen Genf bearbeitet werden.

Die Vereinten Nationen bestehen seit über 80 Jahren. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Was sind die wichtigsten Erfolge und die grössten Schwächen?

Lauber: Für mich ist die Gründungsakte der UNO zentral. Menschen, die die schlimmsten Kriege und Wirtschaftskrisen erlebt hatten, kamen zusammen und beschlossen, es künftig besser zu machen. «Besser» bedeutete in diesem Zusammenhang: Zusammenarbeit zu institutionalisieren, jedem Staat eine Stimme zu geben und die Macht einzelner Länder zu begrenzen. Ziel war es, Frieden zu sichern, Entwicklung zu fördern und Menschenrechte zu schützen.

Wie steht es um die Umsetzung dieser Visionen?

Lauber: Diese Vision ist bis heute eher eine Ambition geblieben als gelebte Realität. Die zahlreichen Spannungen, Differenzen und Konflikte zwischen Staaten stellen ihre Umsetzung immer wieder infrage. Dennoch ist allein die Existenz der UNO ein grosser Erfolg. Sie hat in vielen Bereichen konkrete Fortschritte ermöglicht: etwa während der Dekolonialisierung, als sie neu entstandene Staaten unterstützte und Konflikte eindämmte. Auch das internationale Menschenrechtssystem ist im Rahmen der UNO entstanden, ebenso bedeutende Fortschritte in Bereichen wie Gesundheit oder internationaler Handel durch spezialisierte Organisationen.

Welche Zukunft sehen Sie für die UNO?

Lauber: Ich bin überzeugt, dass es auch künftig eine Form internationaler Zusammenarbeit im Sinne der UNO geben wird. Viele Staaten erkennen deren Wert. Die Schweiz etwa ist ein mittelgrosses Land, stark abhängig von internationaler Stabilität und sehr daran interessiert, souverän an globalen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Solche Staaten gibt es viele. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass diese Ordnung bestehen bleibt.

Und das trotz der aktuellen Finanzierungskrise bei der UNO und ähnlichen Organisationen?

Lauber: Möglicherweise wird die Rolle dieser Organisationen vorübergehend kleiner oder eingeschränkt. Dass sich einzelne Mitgliedstaaten weniger engagieren und andere mehr Einfluss nehmen, ist nichts Neues. Davon ist auch Genf betroffen. Wichtig ist jedoch, dass viele Organisationen in Genf eine klar technische Funktion haben. Es ist unbestritten, dass wir sie brauchen: etwa die Internationale Fernmeldeunion (ITU) zur Regelung von Funkfrequenzen, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die internationale Gesundheitszusammenarbeit oder die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) für Wetterprognosen, die zum Beispiel für Landwirtschaft und Luftverkehr essenziell sind. Dies sind nur einige Beispiele. Es gibt noch viele weitere. Solche internationale Zusammenarbeit bleibt notwendig.

Jürg Lauber (rechts) leitet eine Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf mit Nada Al-Nashif, stellvertretende Hochkommissarin (links), und Volker Türk, Hochkommissar (Mitte). Bild: ©UN photos
Jürg Lauber (rechts) leitet eine Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf mit Nada Al-Nashif, stellvertretende Hochkommissarin (links), und Volker Türk, Hochkommissar (Mitte). (Bild: UN photos)

Sie haben 2025 den UNO-Menschenrechtsrat präsidiert. Was sind für Sie dessen grösste Erfolge?

Lauber: Der Menschenrechtsrat ist heute eine unverzichtbare Plattform, die daran erinnert, wie zentral Menschenrechte für Stabilität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Wohlstand sind – innerhalb von Staaten wie auch in den internationalen Beziehungen. Er macht problematische Situationen sichtbar, in denen Menschenrechte massiv verletzt werden, und erzeugt dadurch politischen Druck. Zudem bietet er Raum für die Diskussion, ob bestehende Menschenrechtsnormen angesichts neuer Herausforderungen – etwa technologischer oder demografischer Entwicklungen – angepasst werden müssen.

Der Menschenrechtsrat wird regelmässig wegen Politisierung kritisiert.

Lauber: Das ist grundsätzlich nicht problematisch. Der Rat ist ein politisches Gremium, und seine Debatten sind entsprechend politisch geprägt. Zwar haben alle Staaten dieselben Menschenrechtsverträge unterzeichnet, doch bei der Umsetzung bestehen grosse Unterschiede. Diese teils sehr lebhaften Debatten können letztlich produktiv sein. Eine grössere Herausforderung ist derzeit der finanzielle Druck: Die verfügbaren Mittel reichen nicht aus, um alles Notwendige zu leisten. Deshalb muss der Menschenrechtsrat seine Prioritäten schärfen und mit begrenzten Ressourcen möglichst viel Wirkung erzielen.

Ihr Mandat als Ständiger Vertreter der Schweiz bei den Vereinten Nationen in Genf endet im März 2026. Welche Aufgaben würden Sie in den kommenden Jahren besonders reizen?

Lauber: Ab April 2026 übernehme ich das Amt des Vizepräsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Weitere feste Pläne habe ich derzeit nicht.