Medienforschung

Krise und Kritik

Als das heutige Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) vor 25 Jahren gegründet wurde, befand sich der Schweizer Journalismus in einer Hochblüte und die Schweiz in einer Identitätskrise. Eine Geschichte des Medienwandels – erzählt anhand von vier einschneidenden Krisen.

Melanie Keim

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Über die Ereignisse von 9/11 wurde im Sekundentakt berichtet, Klickraten erhielten eine zentrale Bedeutung – diese Medienlogik begleitet uns seither. (Bild: keystone)

 

Wer sich heute eine Schweizer Tageszeitung kauft, merkt schnell, wie es um die Schweizer Medien steht. Nur noch zwei, drei dünne Bünde hält man in Händen und findet darin bestimmt einige Druckfehler. Dies sind nur die augenfälligsten Zeichen für den massiven Abbau redaktioneller Ressourcen. Die Medien befinden sich in der Krise.

Das gewohnte Geschäftsmodell der Verlagshäuser funktioniert nicht mehr, seit internationale Webplattformen die Gewinne aus dem Werbemarkt abschöpfen. Wie man Qualitätsjournalismus künftig finanzieren soll, ist heute unklar. Und damit ist auch die Zukunft der Demokratie ungewiss. Denn demokratische Gesellschaften sind von jeher auf eine vielfältige, funktionierende Medienlandschaft als Schauplatz öffentlicher Debatten angewiesen.

Dieses Verhältnis zwischen medialer Öffentlichkeit und Gesellschaft untersucht das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) seit 25 Jahren. Als die Medienbeobachtungsstelle 1997 von Kurt Imhof gegründet wird, befindet sich der Schweizer Journalismus in seiner Hochblüte, die Schweiz dagegen steckt angesichts der Auseinandersetzungen rund um nachrichtenlose Vermögen bei Schweizer Banken in einer schweren Identitätskrise.

Es ist die erste einer ganzen Kette von Krisen, an deren Beispiel sich die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Medien und Gesellschaft in den letzten 25 Jahren veranschaulichen lässt. Denn wie Mark Eisenegger, der heutige Leiter des fög, erklärt, wird in Krisenzeiten besonders deutlich, wie sich gesellschaftlicher und medialer Wandel zueinander verhalten.

Köpfe statt Parteilinien

Von den Auseinandersetzungen um die nachrichtenlosen Vermögen bei Schweizer Banken sind vor allem Namen und Gesichter, weniger Fakten in Erinnerung geblieben. Man erinnert sich beispielsweise an den Wachmann und Whistleblower Christoph Meili, der die Geschichte richtig ins Rollen brachte, oder an Staranwalt Ed Faghan, der Meili und die Klägerinnen und Kläger aus den USA vertrat.

Denn bereits die damalige Berichterstattung stellte die Personen hinter den Ereignissen ins Zentrum, und dies ganz nach dem Schema «good guy, bad guy». Diese Personalisierung und Moralisierung in Verbindung mit einer ausgeprägten Skandalisierung prägte die damalige Berichterstattung und ist, so Mark Eisenegger, Ausdruck eines medialen Wandels. «Mitte der 90er Jahre geht in der Schweiz die Ära der Parteipresse zu Ende», sagt der Medienforscher.

Vormalige Parteiblätter schliessen sich zu unparteiischen Forumsmedien zusammen, private Rundfunkmedien und Sonntagszeitungen werden stark. Diese Entkoppelung von Medien und politischen Parteien ermöglichte einerseits Diskussionen jenseits ideologischer Parteilinien. Andererseits lechzten die neuen kommerziellen Medien auch nach kontroversen Debatten.

«Der Forumsjournalismus hat auch einen Boden für skandalisierende Bewegungen gelegt», sagt Eisenegger. So verschaffte die intensive Debatte um die Rolle der Schweiz im zweiten Weltkrieg auch rechtspopulistischen Strömungen Auftrieb. Mit ihrer Gegendarstellung zum kritischen Blick auf die Schweizer Vergangenheit stiessen sie auf grosse Resonanz. Es ist der Beginn einer Geschichte des überproportionalen Gewichts rechtspopulistischer Themen in den Schweizer Medien.

Bilder, Klicks und ein neues Feindbild

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Mark Eisenegger, Leiter des fög.

Als die Welt am 11. September 2001 den Atem anhält und live zuschaut, wie das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Centers einschlägt, ist die Medienlandschaft bereits eine andere. «9/11 war das erste grosse Schlüsselereignis, über das als Live-Event berichtet wurde», sagt Mark Eisenegger. Nicht nur die Fernsehstationen übertragen das Geschehen live, auch die neu lancierten Online-Newssites berichten im Sekundentakt über den Anschlag in New York. Über die Klickraten kann laufend gemessen werden, was die spektakulären Live-Bilder beim Publikum auslösen.

«Damals wurde der Grundstein gelegt für eine Medienlogik, die uns bis heute begleitet», sagt Eisenegger. Tempo, audiovisuelle Bilder und Klicks erhalten eine zentrale Bedeutung. Zudem setzte 9/11 auch den Startschuss für eine undifferenzierte, pauschalisierende Berichterstattung über Muslime und islamische Gruppen. Gerade in der Startphase folgte eine Vielzahl der Medien der offiziellen Haltung westlicher Regierungen, die den Islam zum neuen Feindbild hochstilisierten. Diese pauschalisierende Berichterstattung war allerdings nicht Ausdruck eines strukturellen Problems, sondern vielen Journalistinnen und Journalisten fehlte der Mut zu einer differenzierten Darstellung, sagt Eisenegger. 

Vorzeichen der Finanzkrise ignoriert

Sieben Jahre später gehen die Bilder von Bankern um die Welt, die mit einer Karton-Kiste ein New Yorker Bürogebäude verlassen. Der Kollaps von Lehman Brothers läutet die Finanzkrise ein, die auch eine Krise der Wirtschaftsberichterstattung offenbart. Denn von einigen Ausnahmen abgesehen, ignorierten die Medien vor der Krise die Anzeichen für eine Überhitzung des Immobilienmarkts und nahmen damit ihre Frühwarnfunktion nicht wahr. Zu stark fokussierten die Wirtschaftsressorts auf die Performanceberichterstattung: Statt über konjunkturelle Phänomene und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen berichteten sie über spektakuläre Aktienkursentwicklung von Schweizer Banken und Unternehmen.

Die Medienbranche selbst erholt sich nicht mehr von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise. Denn neben den Einbrüchen auf dem Werbemarkt wird für die Medienhäuser auch das Erstarken der digitalen Plattformwirtschaft zum Problem: Werbegelder fliessen an internationale Technologiegiganten ab und Soziale Medien nehmen immer stärker den Platz klassischer Medien ein. Die öffentliche Kommunikation wird zunehmend durch Algorithmen gesteuert, wobei journalistische Qualitätsstandards in den Hintergrund rücken. «Bis heute ist es nicht gelungen, Normen und Mechanismen des Qualitätsjournalismus auf diese Plattformen zu übertragen», sagt Eisenegger.

Mit der Plattformisierung des Medienwesens öffnet sich das fög für neue Fragestellungen. Es untersucht heute nicht mehr nur die Angebotsseite, sondern es misst auch in zunehmendem Mass, was bei den Nutzenden überhaupt ankommt. So stehen inzwischen nicht mehr primär journalistische Medien im Fokus, sondern die digitale Öffentlichkeit mit allen Akteuren, die die verschiedenen digitalen Plattformen bespielen.

Die Wissenschaft springt ein

Der Spardruck auf die Redaktionen zeigt sich auch, als SARS-CoV-2 die Welt in eine weitere tiefe Krise stürzt. Dass in den Medien die Stimmen einzelner Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft dominierten, hat gemäss Eisenegger auch mit einer Entspezialisierung im Journalismus und dem Abbau der Wissenschaftspublizistik zu tun. Viele Redaktionen mussten sich wichtige Kompetenzen wie den Umgang mit Zahlen und Statistiken erst wieder aneignen.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie wird die Arbeit der Medien von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Der Vorwurf: Mangelnde Distanz zur Politik. Untersuchungen des fög bestätigen den Vorwurf einer unkritischen Hofberichterstattung aber nicht und stellen den Medien insgesamt ein relativ gutes Zeugnis im Umgang mit der Corona-Thematik aus. Die kritische Debatte über die Rolle der Medien in der Pandemie hat die Sensibilität der Medien für ihre eigene Rolle vermutlich erhöht, sagt Eisenegger. So zeigt sich zumindest in der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg eine stärkere Selbstreflexion der Medien.

Abnehmende Vielfalt, mangelnde Selbstreflexion

Generell steht es heute aber schlecht um die kritische Selbstbeobachtung der Medien. Eigentliche Medienressorts fehlen weitgehend, zudem bedroht die Medienkonzentration, die in der Schweiz in den letzten Jahren durch die Zusammenlegung von Redaktionen noch verstärkt wurde, die Medienpublizistik zusätzlich: Wenn Journalistinnen und Journalisten nur noch wenige Verlagshäuser als potenzielle Arbeitgeber zur Auswahl haben, zögern sie womöglich, kritisch über andere Medien zu schreiben.

Die abnehmende mediale Vielfalt gehört denn auch zu jenen Aspekten, die gemäss den Untersuchungen des fög die Qualität der Medien am stärksten beeinträchtigen. Eisenegger sieht in der Förderung von journalistischen Startups einen möglichen Hebel, um die Medienvielfalt zu fördern und damit in die Qualität des Journalismus zu investieren. «Die Gesellschaft sollte Wege finden, damit der Journalismus seine wichtige Rolle für die Demokratie weiterhin ausüben kann, dafür muss die Ressourcenfrage geklärt werden», sagt Eisenegger. Wie, bleibt insbesondere nach dem Nein zum Mediengesetz im vergangenen Jahr eine offene Frage.

 

Forschen und Debatten anstossen

Am 8. Januar 1997 wird an der Universität Zürich der «Forschungsbereich Öffentlichkeitssoziologie und -geschichte» geschaffen und damit eine fachübergreifende wissenschaftliche Institution neuen Typs, die sich der langfristigen Erforschung der öffentlichen Kommunikation widmet. 2020 erfolgt die Umbenennung zum «Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft» (fög).

Bekanntheit in der breiten Öffentlichkeit erlangt das fög unter anderem durch das seit 2010 erscheinende Jahrbuch «Qualität der Medien», welches die Veränderungen in der Schweizer Medienlandschaft untersucht. Ein Anliegen des fög ist es, seine Forschung in die Gesellschaft zu tragen und mit empirischen Befunden öffentliche Debatten anzustossen. Unter dem Motto «Öffentliche Wissenschaft für die Gesellschaft » thematisiert das Forschungszentrum anlässlich seines Jubiläums den rasanten Wandel der (Medien-) Öffentlichkeit in den letzten 25 Jahren und die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft.

Melanie Keim, freie Mitarbeiterin UZH Kommunikation