Verhaltensökonomie

Frühe Selbstregulation fördert den Bildungserfolg von Kindern

Eine Studie der Universitäten Zürich und Mainz zeigt: Werden Erstklässlerinnen und Erstklässler bereits in der Primarschule gefördert, ihre Aufmerksamkeit und Impulse zu steuern, hat dies eine nachhaltige Wirkung auf den weiteren Bildungserfolg der Kinder.

Die steigende Selbstregulation bewirkt, dass die Kinder mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen, sich selbst Ziele setzen und daran arbeiten. (Bild: istock.com/skynesher)

Selbstregulation ist die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Emotionen und Impulse zu steuern sowie individuelle Ziele konsequent zu verfolgen – eine Kompetenz, die nicht auf Anhieb mit jungen Kindern in Verbindung gebracht wird. Spätestens die pandemiebedingten Schulschliessungen und die steigende Nutzung digitaler Medien haben jedoch gezeigt, wie wichtig diese Kompetenzen bereits im Kindesalter sind.

Bisherige Studien belegen, dass selbstregulierte Kinder als Erwachsene später im Durchschnitt über ein höheres Einkommen, eine bessere Gesundheit und eine höhere Lebenszufriedenheit verfügen. Zudem zeigt sich, dass die Selbstregulation bereits im Kindesalter gezielt gestärkt werden kann. Wie also kann eine solche Förderung auf Primarstufe integriert werden, ohne viel Unterrichtszeit zu beanspruchen? Wie vermittelt man jungen Schülerinnen und Schülern eine abstrakte Selbstregulationsstrategie? Hat ein solcher Unterricht das Potenzial, den langfristigen Bildungserfolg der Kinder zu verbessern?

Selbst kurze Unterrichtseinheiten verbessern die Selbstregulation

Diese Fragen hat sich ein internationales Team der Universität Zürich und der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität gestellt. Anhand einer randomisiert kontrollierten Studie mit insgesamt mehr als 500 Erstklässlerinnen und Erstklässlern im Primarschulalter kommen die Forschenden zum Schluss, dass bereits eine kurze Unterrichtseinheit signifikant die Selbstregulation verbessert. Ein Jahr nach der Förderung konnten die Kinder deutlich besser lesen und machten weniger Flüchtigkeitsfehler. Drei Jahre nach der Förderung liess sich eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch feststellen.

«In unserer Studie zeigen wir, wie die explizite Förderung der Selbstregulation schon früh in den Primarschulunterricht eingebettet werden kann. Die steigende Selbstregulation bewirkt, dass die Kinder mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen, sich selbst Ziele setzen und daran arbeiten», sagt Letztautor Ernst Fehr, Wirtschaftsprofessor am Institut of Economics der Universität Zürich. Dank der leichten Umsetzung des Konzepts im Unterricht konnten Schlüsselkompetenzen bereits in der Primarstufe verbessert werden, die fundamental für einen erfolgreichen Bildungsweg und für ein gelingendes Leben sind.

Einfach in den regulären Stundenplan integrierbar

Basierend auf Bedenken aus der Lehrerschaft haben die Forschenden die Unterrichtseinheit äusserst kosten- und zeiteffizient konzipiert: Die Unterrichtseinheit selbst dauert nur fünf Schulstunden und ist flächendeckend einsetzbar. Die Klassenlehrerinnen und -lehrer nehmen an einer dreistündigen Fortbildung teil, werden mit vollständig entwickelten Materialien ausgestattet und können die vorbereiteten Unterrichtsstunden schnell in den regulären Stundenplan integrieren.

Der Unterricht basiert auf der MCII-Strategie («Mental Contrasting with Implementation Intentions»), die für Erwachsene und ältere Schülerinnen und Schüler bereits gut erforscht ist. Die Lehrpersonen vermitteln den Lerninhalt spielerisch mithilfe eines Bilderbuchs und der Identifikationsfigur eines Hürdenüberspringers. Dabei stellen sich die Kinder die positiven Effekte eines erreichten Ziels vor und kontrastieren diese mit den Hindernissen, die ihnen auf dem Weg dorthin entgegenstehen («Mental Contrasting»). Danach identifizieren sie konkrete Verhaltensweisen, um den Hindernissen zu begegnen, und entwickeln daraus «Wenn-dann-Pläne» («Implementation Intention»).

Effekt auf die ganze Gesellschaft

«Das Besondere an unserer Studie ist der langfristige Transfereffekt einer kurzen Unterrichtseinheit. Dieser kommen zunächst dem Kind zugute, überträgt sich aber dann auf das ganze weitere Leben», so Erstautor Daniel Schunk, Professor für Public and Behavioral Economics an der Johannes Gutenberg-Universität. Diese frühen Investitionen in grundlegende Kompetenzen der Kinder sollten mehr bildungspolitische Beachtung finden – denn sie nützen letzten Endes der ganzen Gesellschaft, folgert der Erstautor.

Literatur:

Daniel Schunk, Eva M. Berger, Henning Hermes, Kirsten Winkel, Ernst Fehr: Teaching Self-Regulation. Nature Human Behaviour, 13 October 2022. DOI: 10.1038/s41562-022-01449-w