Stressforschung

Warum ein halb volles Glas gesünder ist

SARS-COV-2 hat nicht nur körperliche Folgen für unsere Gesellschaft, sondern bringt auch viele psychologische Probleme mit sich. Warum einige mit dieser Belastung besser umgehen und wie wir dem Stress die Stirn bieten können, erklärte die Psychologin Ulrike Ehlert in einem Referat.

Stefanie Keiser

Positiv denken
Positiv denken
Eine positive Einstellung trägt zu einer besseren psychischen Gesundheit bei. (Bild: iStock / picture)


«Ist das Glas halb voll oder halb leer?», fragte Ulrike Ehlert, Leiterin der klinischen Psychologie und Psychotherapie am Psychologischen Institut der Universität Zürich, zu Beginn ihres Vortrags im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen» des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie. «Wenn es um die Pandemie geht, gibt es zwei Ansichten – eine optimistische und eine pessimistische», fügte sie an. Aus Sicht der Psychologin ist genau diese Ansicht entscheidend, wie wir durch die Pandemie kommen: Entweder wir sehen sie als eine bewältigbare Lebensphase mit besonderen Anforderungen, oder wir lassen uns von ihr in die Knie zwingen.

Positive Lebenseinstellung hilft

«Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Einstellung gegenüber dem Leben und der psychischen Gesundheit», erklärte Ehlert. Daten des Bundesamts für Gesundheit verweisen darauf, dass bei übergewichtigen Personen, die Männer seelisch gesündere Argumente für ihr Übergewicht haben als die weiblichen. Die Männer nannten als Grund für ihre überzähligen Kilos primär die Vorliebe für gutes Essen. Die Frauen hingegen nannten an erster Stelle, dass die relativ hohen Kosten für gesundes Essen sie an einer ausgewogenen Ernährung hinderten. Zusätzlich lässt sich vermuten, dass sich die Frauen einem höheren sozialen Druck aussetzen, einem Schönheitsideal zu genügen als die Männer.

Auch gilt, dass eine positive, hedonistische Einstellung zu einer besseren psychischen Gesundheit beiträgt, wenn man akutem Stress ausgesetzt ist. Das konnte Ulrike Ehlert zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe bei Männern mit Bluthochdruck zeigen. Ist also Stress die Ursache psychischer Erkrankungen?

Wie Bergretter mit Belastung umgehen

Um diese Frage zu überprüfen, haben sich Ulrike Ehlert und ihre Forscherkollegin Isabelle Sommer eine Personengruppe genauer angeschaut, die speziell grosser seelischer Belastung ausgesetzt ist: schweizerische Bergführer. Ihr Job ist von grossem Stress gekennzeichnet, es geht um Leben, aber oftmals auch um Tod und schwere Schicksalsschläge. 80% der Bergretter gaben an, bereits ein Trauma erlitten zu haben, jedoch nur ein ganz geringer Teil entwickelte im Anschluss eine posttraumatische Belastungsstörung.

Einen Sinn finden

Laut Ehlert gibt es eine ganze Reihe von Schutzfaktoren, die einen vor negativen Auswirkungen wie Stress oder Traumata schützen. Oftmals haben diese Personen einen ausgeprägten Kohärenzsinn, sie sehen also einen Sinn in dem, was passiert; sie können die eigenen Gefühle erkennen, die einen in schwierigen Situationen manchmal überrennen, reden darüber und glauben daran, dass sie etwas bewirken können. Weiter besitzen sie eine hedonistische Emotionsregelung, sie können negative Gefühle beiseiteschieben und behalten eine positive Grundhaltung bei, ausserdem zeigen sie einen ausgeprägten Optimismus.

Leute, welche diese Schutzfaktoren in sich vereinen, sind also besonders tolerant gegenüber Stress und Traumata. «Dies nennt man auch Resilienz», erklärte Ehlert, «ein Wort das heutzutage in aller Munde ist.» Auch wenn Resilienz zu einem grossen Teil angeboren sei, gebe es trotzdem einige Dinge, die man tun könne, um seine eigene Resilienz zu stärken, fügte Ehlert an. 

Unveränderbare Dinge akzeptieren

Resiliente Menschen sind oftmals gelassen, lernen aus ihren Fehlern, und arbeiten an ihren Problemen. Sie können Mitgefühl auch gegenüber sich selbst zeigen und trauen sich Stresssituationen zu. Diese Fähigkeiten kann jeder selbst erarbeiten. Man sollte lernen, unveränderbare Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind und sich zutrauen, veränderbare Dinge anzugehen und diese ins Positive zu drehen. «Allgemein hilft es, die Aufmerksamkeit auf die positiven Dinge zu lenken und mit einem optimistischen Blick in die Zukunft zu schauen», fasste Ehlert zusammen. Auch wenn Übung den Meister macht, wird es manchen, vielleicht gerade eben denen, die nicht mit einer natürlichen Resilienz gesegnet sind, schwerfallen, diese Punkte so umzusetzen.

Kontakte pflegen, aktiv bleiben

Doch gemäss der Expertin gibt es auch ganz praktische Tipps, um Krisen gestärkt gegenüberzutreten. «Pflegen Sie soziale Kontakte, versuchen Sie möglichst aktiv zu bleiben, nehmen Sie Ihre Gefühle ernst, reden Sie darüber und holen Sie sich bei Bedarf soziale oder professionelle Unterstützung.» So werden wir laut Ehlert mit vereinten Kräften diese Pandemie überstehen und gestärkt aus ihr herauskommen.

Literatur

Studie von Ulrike Ehlert und Isabelle Sommer über den Umgang mit Belastungen bei Bergführerinnen und -führern: «Adjustment to trauma exposure: prevalence and predictors of posttraumatic stress disorder symptoms in mountain guides», PubMed DOI: 10.1016/j.jpsychores.2004.01.010

Stefanie Keiser ist wissenschaftliche Koordinatorin des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP).

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