Partnerschschaft

«Hej machs gut, ich denk' an dich»

Paare, die gut mit Stress umgehen können, kommen gemeinsam besser durch Krisen wie der aktuellen Corona-Pandemie, sagt Paarpsychologe Guy Bodenmann. Wichtig ist, im Alltag respekt- und liebevoll miteinander zu kommunizieren.

Marita Fuchs

Paar auf dem Sofa
Plötzlich mehr Zeit füreinander: Die Pandemie hatte für einige Paare auch gute Seiten. (Bild: iStock, kupicoo)

 

Guy Bodenmann, wie haben Ihrer Erfahrung nach Paare die Corona-Pandemie überstanden?

Guy Bodenmann: Wir führen dazu ein Forschungsprojekt in 27 Ländern durch und konnten bisher drei Gruppen identifizieren. Paare, die vorher glücklich waren, blieben dies mehrheitlich. Bei den Paaren, die vor der Pandemie unzufrieden waren, finden wir zwei Verläufe: Die einen entdeckten sich wieder neu, bei den anderen verschlechterte sich die Situation weiter.

So höre ich auch in Beratungen von Paaren, die bereits kurz vor einer Trennung standen, und sich wieder neu verliebten, weil sie während der Pandemie mehr Zeit füreinander hatten. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass jene Paare Krisen besser bewältigen, die bereits vorher über gute Ressourcen verfügten. Diese Paare gehen im Alltag respekt- und liebevoll miteinander um, finden in Konflikten Lösungen und bewältigen Stress häufiger gemeinsam.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Auf meinem Arbeitsweg ins Büro fahre ich am Bahnhof Stadelhofen vorbei; für mich ein interessanter Ort, um Alltagsinteraktionen von Paaren zu beobachten. Da sehe ich immer wieder Schüsselszenen, beispielsweise beim Abschied. Es gibt eine Vielzahl von Abschieden: vom trockenen Kopfnicken bis zum Kuss und guten Wünschen im Sinne von «Hej machs gut, ich denk an dich». Partner, die wohlwollend, zugeneigt und affirmativ im Alltag sind, überstehen Krisen besser. Leider zeigen aber Studien, dass wir gerade in der Partnerschaft am stärksten verbal ausfallend werden und unseren Frust abladen. Mit anderen Menschen gehen wir in der Regel nie derart respektlos um.

Ihr neues Buch «Von ganzem Herzen lieben» hat einen sehr romantischen Titel. Sind Sie ein Romantiker?

Ich plädiere in dem Buch für die Liebe, das stimmt schon, aber ich bin auch Forscher, und Studien zeigen, dass es sich lohnt, sich für eine gute und dauerhafte Partnerschaft zu engagieren.

Sie betonen in Ihrem Buch das Commitment. Was genau verstehen Sie darunter?

Ich meine damit das Engagement für die Partnerschaft, das sich voll einlassen. Es gibt viele «laue» Beziehungen und Menschen in Beziehungen, die mehr auf die eigenen Bedürfnisse fokussiert sind als auf die Partnerschaft als Ganzes. In meinem Buch zeige ich Wege auf, wie man auf Dauer echte Nähe leben und die Beziehung pflegen und aufrechterhalten kann.

Wie sieht das konkret aus?

Es gibt drei Formen des Commitments. Kognitiv macht man sich bewusst, dass der Partner, die Partnerin einer der wichtigsten Menschen im Leben ist. Man ist sich im Klaren, dass auch schwierige Situationen in der Beziehung auf einen zukommen können. Trotzdem will man für diese einstehen und nicht gleich bei der ersten Krise die Flinte ins Korn werfen.

Beim emotionalen Commitment bemüht man sich, sich mit seiner ganzen Person auf die Partnerschaft einlassen. Viele tun das zu wenig. Emotionale Selbstöffnung ist eine Schlüsselkompetenz. Je mehr sich beide gegenseitig öffnen, desto höher ist die Qualität der Beziehung. Zu diesen zwei Commitmentformen kommt noch das sexuelle Engagement hinzu. Auch wenn man sich schon lange kennt, können Paare beim Sex neugierig bleiben und die Vertrautheit geniessen.

Kann das denn jeder so umsetzen? Die Fähigkeit zu tiefen emotionalen Bindungen ist ja nicht jeder/jedem gegeben.

Bindungsunsicherheit, die Sie ansprechen, kommt häufig vor. Nicht allen Menschen fällt Commitment daher gleich leicht. Unsicher-ängstlich- oder vermeidend-gebundene Menschen zeigen grössere Schwierigkeiten. Die einen sind klammernd und eifersüchtig, die anderen lassen sich nicht auf eine tiefe Bindung ein. Es gilt ihnen behutsam aufzuzeigen, welches Potenzial sie aus einer engen Beziehung schöpfen und wie sie ihre Unsicherheiten überwinden können.

Was passiert, wenn Partner sich auf Dauer verändern? Dann wackelt ja oft das Partnerschaftsgefüge.

Wir verändern uns alle ständig. Wenn der seelenverwandte Partner plötzlich fremd erscheint, dann hat man sich verloren. Partnerinnen bzw. Partner, denen es gelingt, sich nah zu bleiben, den anderen an seiner Entwicklung teilhaben zu lassen und persönlich zu kommunizieren, können auch besser mit Veränderungen umgehen. Sie sind eher in der Lage, die Veränderungen ihres Gegenübers nachzuvollziehen.

Das ist aber nicht immer möglich, ich denke zum Beispiel an Menschen, die durch äussere Umstände getrennt werden, durch Kriege, Vertreibung oder Krankheiten.

Das stimmt, Sie nennen einschneidende Erfahrungen, die sich auch beim Commitment als Prüfstein erweisen. Zum Beispiel nach längerer Haft treffen plötzlich Menschen aufeinander, die sich innerlich fremd geworden sind. Hier stellt sich oft die Frage, ob man wieder gut zueinanderfindet. Eine Partnerschaft um jeden Preis ist nicht das Ziel. Im Schlusskapitel meines Buches thematisiere ich diesen Punkt und gehe der Frage nach, wann es sinnvoll ist, das Commitment aufzulösen.

Es geht nicht darum, um jeden Preis zusammenbleiben, ich wende mich aber gegen voreilige Trennungen. Man sollte sorgfältig prüfen und kämpfen, bevor man sich definitiv für eine Trennung entscheidet. Denn Paare haben oft mehr Regenerationsressourcen, als ihnen selbst bewusst ist.

Vortrag

Online-Veranstaltung mit Guy Bodenmann zum Thema:

Covid-19 und seine Auswirkungen auf Paarbeziehungen

Freitag, 19. März 2021, 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr

 

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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