Coronavirus

«Wir waren bereit und wollten helfen»

Die Pflegefachfrau Annmarie Haerry vom Impfzentrum der Universität Zürich am Hirschengraben berichtet über ihre persönlichen Erfahrungen, die sie während der Pandemie gewonnen hat.

Annmarie Haerry

Annmarie Haerry
Annmarie Haerry
Annmarie Haerry bei der Arbeit im Impfzentrum. (Bild: Fabio Schönholzer)


Es lässt sich nicht leugnen, dass die durch das SARS-CoV-2-Virus verursachte COVID-19-Pandemie unser privates und berufliches Leben in einer Weise beeinträchtigt hat, die wir uns vorher nicht hätten vorstellen können. Wer konnte schon ahnen, dass wir einmal in einer Welt leben würden, in der eine Umarmung von Familie und Freunden nicht ratsam wäre? Das war aber unsere Realität Anfang 2020!

Es wurde sehr schnell deutlich, dass mit COVID-19 nicht zu spassen war, da die Zahl der Infizierten und die Sterberate täglich zunahm. In China, wo das Virus zuerst auftrat, waren zwei Tatsachen offensichtlich: 1) Das Virus ist selbst für junge und gesunde Menschen tödlich, und 2) es waren drastische Massnahmen wie die Abriegelung und gründliche Desinfektion einer ganzen Stadt erforderlich, um das Virus auszurotten oder zumindest seine Ausbreitung einzudämmen. Der Rest der Welt verfolgte die Ereignisse in China mit angehaltenem Atem. Doch wie die Waren aus China, die in jeden Winkel der Welt transportiert werden, so war es auch mit dem SARS-CoV-2-Virus. Es breitete sich weltweit aus.

Für den Einsatz bereit

Die Ereignisse am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Präventivmedizin (EPBI) an dem ich als Pflegefachfrau arbeite, spiegeln die Vorgänge wider, die in vielen Bereichen des öffentlichen Gesundheitswesens zu sehen waren: Diese Einrichtungen waren gefordert, ihre täglichen Aufgaben zu erweitern und im Kampf gegen das Coronavirus eine führende Rolle zu übernehmen. Laut dem Leiter des EBPI, Prof. Dr. Jan Fehr, war das EBPI aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit Impf- und Beratungsdiensten der Reiseklinik und durch die epidemiologische und präventivmedizinische Forschung für den Einsatz bereit.

Einrichtung umstrukturieren

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen im EBPI haben sich dann auch schnell verändert. Zu den unmittelbaren Herausforderungen gehörte der Aufbau der Infrastruktur, um den Zustrom von Personen für den Corona-Test zu bewältigen und das zusätzliche Personal bereitzustellen. Das EBPI musste Tests für mindestens 300 Personen täglich anbieten. Die IT-Verantwortlichen bauten in kurzer Zeit ein Computernetzwerk auf, in dem die Testwilligen registriert wurden, und die jeweilige Krankengeschichte als auch die Labortestergebnisse eingegeben werden konnten. Die Berichte des Bundesamtes für Gesundheit BAG über die Zahl der COVID-19-Infektionen lieferten dem Planungsteam die Daten für die weitere Arbeit: Stieg die Zahl der Fälle im Kanton Zürich an, musste das Zentrum jeweils rasch reagieren und seine Infrastruktur anpassen, um der Nachfrage nach mehr COVID-19-Tests gerecht zu werden. Das EBPI-Testzentrum entlastete die Krankenhäuser, indem es diejenigen, die positiv getestet wurden, frühzeitig identifizierte und sie ermutigte, zu Hause zu bleiben, um die Ausbreitung einzudämmen.

Die Ängste beiseiteschieben

Natürlich hatten wir vom Personal vor allem zu Beginn Bedenken wegen des engen Kontakts mit Personen, die möglicherweise Träger des Coronavirus waren. Die Gruppe von Epidemiologen, Ärztinnen, Forscherinnen, Krankenschwestern, medizinischen Assistenten und Verwaltungsangestellten wurde durch Medizinstudierende und weiteres Gesundheitspersonal ergänzt. Alle waren bereit, ihre Ängste beiseite zu schieben und folgten ihrem Pflichtgefühl. Wir nutzten wissenschaftliche Daten über den Übertragungsweg des SARS-CoV-2-Virus, um die persönliche Schutzausrüstung (PSA) optimal anzuwenden. Die geeignete PSA und die BAG-Hygienemassnahmen waren unerlässlich, um sowohl das Personal als auch die zu Testenden zu schützen. 

Hauseigene Tiefkühltruhen

Im Laufe der Pandemie wurde das EBPI damit beauftragt, die zweite Phase der Corona-Pandemie zu leiten, d.h. die Einführung des COVID-19-Impfprogramms im Kanton Zürich. Die grosse Aufregung, die mit der Nachricht über einen Impfstoff gegen das SARS-CoV-2-Virus und ein mögliches Ende der Pandemie einherging, wurde von dem logistischen Alptraum überschattet, der mit dem Impfstoff COVID-19 von Pfizer/BioNTech, verbunden war. Der Impfstoff musste bei minus achtzig Grad Celsius in Tiefkühltruhen gelagert werden und erforderte eine spezielle Handhabung, um die Zerstörung des mRNA-Spike-Protein-Antigens zu verhindern. 

Glücklicherweise verfügte das EBPI über hauseigene Tiefkühltruhen, um die Impfstofflogistik mit der Kantonsapotheke in Zürich zu koordinieren. So etablierte sich das EBPI als Referenz-Impfzentrum des Kantons Zürich für die Planung und Durchführung der Massenimpfung der Zürcher Bevölkerung, die ab Januar 2021 stattfand.

Gute orchestrierte Teamarbeit

Der Höhepunkt der Ereignisse, die zur Abgabe der ersten Dosis des Impfstoffs COVID-19 von Pfizer-BioNTech an die ersten Zürcher führten, war eine gut orchestrierte Teamarbeit.  Einmal mehr wurde die Infrastruktur der neuen Herausforderung angepasst, diesmal zunächst, um den Zustrom von Personen der Gruppe 1 (80 Jahre und älter) zu bewältigen, aber auch, um zusätzlichen Arbeitsraum für Fachkräfte des Gesundheitswesens zur Durchführung von Impfungen zu schaffen. In dieser Phase war es wichtig, die Standardarbeitsbelastung der Mitarbeiter festzulegen, um Chaos zu vermeiden.

Ehre und Backwaren

Wir Mitarbeitende sind ein multikulturelles und multidisziplinäres Team. Dazu gehören Ärzte und Ärztinnen und Krankenschwestern-und pfleger im Ruhestand, Medizinstudierende, Beamte und Verwaltungsangestellte. Dr. Tom Walker, pensionierter Arzt und aktuell Leiter des Notfalldienstes im Impfzentrum, sagte: «Es ist mir eine Ehre, den Zürchern wieder in dieser Funktion zu dienen. Ich habe viele Jahre lang in der Notaufnahme eines Krankenhauses gearbeitet, daher ist dies mein Lebenswerk.» Die Dankbarkeit und Erleichterung der Impfwilligen liess die mühsame Aufgabe der unzähligen Impfungen und die Schwere der COVID-19-Pandemie für einen Moment surreal erscheinen. Die aufrichtige Wertschätzung war deutlich spürbar: Die Mitarbeitenden freuten sich nicht nur über freundliche Worte, sondern auch über zahlreiche Geschenke in Form von Backwaren und Schokolade.

Bereit für die Auffrischungsimpfung

Im Wesentlichen hat die COVID-19-Pandemie in den letzten Jahren im Gesundheitswesen viele traurige Folgen gehabt. Aber die Geschichte der Ereignisse am EBPI ist eine Geschichte des menschlichen Mitgefühls und des Zusammenhalts im Kampf gegen die Verbreitung von COVID-19. Obwohl viele der Mitarbeitende nur vorübergehend im Zentrum tätig waren, hat jeder einzelne zu den Erfahrungen beigetragen, die mir immer in der Erinnerung bleiben werden. Die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende, denn der Schwerpunkt liegt auf der raschen Identifizierung neuer Varianten, der Fortsetzung der Impfkampagne, dem Bedarf an Auffrischungsimpfungen für Immunsupprimierte und der Bedrohung durch eine vierte Welle der Pandemie.

Annmarie Haerry ist Pflegefachfrau am Impfzentrum der Universität Zürich. Sie ist für die Impflogistik zuständig.

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