Identität

Einmal ohne Akne

Duckface und Sixpack: Die Selfies von Jugendlichen verraten weniger über sie selbst, als über die Normen, denen sie unterworfen sind.

Thomas Gull

Selfie mit Maske
Selfie mit Maske
«Das neoliberale Diktat der Selbstoptimierung hat uns fest im Griff», sagt die Erziehungswissenschaftlerin Clarissa Schär (Bild: iStock/ Marcos Homem)

Sehe ich aus wie Kylie Jenner? Habe ich den Style von Toni Mahfud? Die Namen sagen Ihnen nichts? Halb so schlimm. Doch für viele Jugendliche sind solche Influencer das Mass der Dinge, der Goldstandard, an dem sie ihr eigenes Aussehen und ihr Outfit orientieren und beurteilen. Diese Social-­Media-Stars prägen, was eine bestimmte Gruppe schön und gut findet.

Das gilt besonders für Jugendliche, die noch auf der Suche nach ihrer Identität sind. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Selfie. Es ist der Spiegel, in dem wir uns selbst – unser Selbst – zu erkennen hoffen und in dem uns andere erkennen sollen.

Sololäufe sind selten

Nur, das mit dem Selbst ist so eine Sache. Denn was die meisten Jugendlichen mit ihren Selfies zeigen, sind nicht sie «selbst» als «unverkennbare Individuen» – das wären wir alle gerne. Nein, was sie zeigen, und was sich in den Selbst­porträts manifestiert, ist vielmehr, was als akzeptiert gilt – in der Gesellschaft oder in einer bestimmten Gruppe. Das hat Clarissa Schär festgestellt. Die Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaften der UZH erforscht, wie sich Jugendliche in den sozialen Medien darstellen: «Die meisten Selfies orientieren sich an ­gängigen Körperidealen», sagt Schär. Diese würden ­«reproduziert und bedient». Das gilt auch für die Geschlechter­­bilder- und rollen. Das heisst: die meisten Jugend­liche bemühen sich, bestimmten Normen zu entsprechen. Originelle individuelle Sololäufe sind seltener. Wer sich auf den sozialen Medien inszeniert, tut dies in der Regel konform. Nur die Wenigsten hinterfragen und bespielen bewusst gesellschaftliche Normen und Ideale.

Akt der Anpassung

Das Selfie ist in den meisten Fällen ein Akt der Anpassung an vorgegebene Normen, denen wir mehr oder weniger freiwillig unterworfen sind. Wissen­schaftlich kann das als «Subjektivierung» bezeichnet werden. Diese ist, so Schär, unser aller Schicksal: «Niemand kann sich der Subjektivierung entziehen. Wir alle begeben uns in gesellschaftlich vorgegebene Formen.» Das müssten wir tun, um erkennbar zu sein. Mit anderen Worten: Wir müssen uns bestimmten gesell­schaftlichen Formen unterwerfen, wir müssen uns selber einpassen, um von den anderen anerkannt und akzeptiert zu werden.

Gerade für Jugendliche sei das eine grosse Heraus­forderung, erklärt Clarissa Schär: «Sie müssen mit den körperlichen Veränderungen klarkommen, eine Lehr­stelle finden, einen Platz in ihrer Peergroup und in der Gesell­schaft.» Dabei spielt auch wegen den Sozialen Medien das Äussere eine viel grössere Rolle als früher: «Das neoliberale Diktat der Selbstoptimierung hat uns fest im Griff.» Erwünscht ist der leistungsfähige, normierte Körper, beispielsweise mit Sixpack und ­Schmollmund.

Das kann allerdings auch schiefgehen, etwa im Fall des Duckface, einem Selbstporträt mit geschürzten Lippen, die sexy und sinnlich wirken sollen. Doch mittler­weile gelte das «Entengesicht» als gescheiterte Inszenierung als erotische Frau, sagt Schär.

Gesellschaftliche Zwangsjacke

Sich an Idealen zu orientieren, denen die meisten nicht entsprechen – das klingt eng und beengend. Unsere Ichs in der Zwangsjacke der gesellschaftlichen Normen – nicht nur im realen Leben, sondern auch in den vermeint­lich grenzenlosen Weiten des World Wide Web. Doch, so Schär, Selfies sind auch ein «imaginärer Akt». Da horcht man natürlich auf: Gibt es doch noch Hoffnung auf so etwas wie den Ausdruck von «Individualität» via Selbstporträt?

Der imaginäre Akt besteht gemäss Schär darin, dass uns das Selfie Gelegenheit gibt, etwas von uns zu erkennen zu geben, das wir verkörpern können, aber nicht müssen. «Wir schaffen uns damit einen Möglich­keits­raum, konstru­ieren eine biografische Erzählung über uns selbst.»

Was hat es auf sich mit diesem «Möglichkeits­raum»? Schär nennt das Beispiel einer Jugendlichen mit unreiner Haut, die für einmal weniger Stress hatte und deshalb auch keine Akne mehr. So hat sie sich fotografiert, ohne Filter, und so diesen glücklichen Moment für sich gebannt. Sieh an, so kann ich sein, war ihre Botschaft – an sich selbst und alle, die sie kennen. Oder die Jugend­liche mit Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, für die jenes Fotos besonders wichtig ist, dass sie in gerader, aufrechter Haltung zeigt. Seht, so kann ich sein! Selfies können uns also durchaus helfen, uns selbst auf positive Weise zu imaginieren. Das stärkt das Selbstwertgefühl.

Bilder löschen

Das publizierte Selbstporträt dient dazu, sich seiner selbst zu vergewissern im Resonanzraum der Sozialen Medien. Kommt mein neues Profilbild gut an? Je mehr Likes, umso besser. Diese dienen vor allem der «Freund­schafts­validierung», so Schär. Gibt es keine Reaktionen, ist die Kommunikation gescheitert. Das entsprechende Bild wird in der Regel schnell wieder gelöscht. Umgekehrt erzählt Clarissa Schär von einer Jugend­li­chen, die eines ihrer Selfies nicht mehr mag – es aber nicht löscht, weil es so viele Likes bekommen hat. Die Reaktionen der anderen entscheiden darüber, was gut ist, und wir passen unser Verhalten und unser Outfit an.

Vieles von dem, was einmal schön und gut war, wird wieder verworfen. Das gilt für die Frisuren und Kleider der Influencerinnen und Influencer; das gilt für die Fotos von uns selbst, gerade bei Jugendlichen. «Viele löschen ältere Fotos, weil sie nicht mehr dem Bild entsprechen, das sie selber von sich haben», sagt Clarissa Schär.

Wie wir an unseren Lebensentwürfen arbeiten, die sich bei Jugendlichen schnell verändern können, basteln wir am Bild von uns selbst, das wir der Welt zeigen. Doch spiegelt das, was da in den Sozialen Medien als Selfie erscheint, wirklich unser Selbst?

Thomas Gull, Redaktor UZH Magazin

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