Rassismus

Stimmzettel für die Zivilgesellschaft

Soziologieprofessorin Katja Rost, Präsidentin der Gleichstellungskommission, äussert sich im Interview mit UZH News über die aktuelle Rassismus-Debatte und die Rolle der Universitäten in dieser Zeit.

Marita Fuchs9 Kommentare

Demonstration
Demonstration
Nach dem Tod von George Floyd demonstrieren viele Menschen gegen Rassismus. (Bild: Julian Wan, Unsplash)

 

Frau Rost, das Video des sterbenden George Floyd hat viele Menschen mobilisiert – auch in der Schweiz demonstrierten am Wochenende Tausende gegen Rassismus. Warum kam es gerade jetzt weltweit zu Protesten?

Katja Rost: Das hat sich schon im Vorfeld abgezeichnet. In den USA ist Rassismus gegen schwarze Menschen Alltag, in besonders krasser Form zeigte sich das in der Corona-Pandemie. Die Sterberate an Covid19 war bei den Schwarzen um ein Vielfaches höher, weil sie sich aufgrund ihrer Lebenssituation nicht so gut schützen konnten wie die weisse Bevölkerung.

Die Benachteiligung zieht sich jedoch durch alle Bereiche der US-amerikanischen Gesellschaft, in der Bildung, im Gesundheitswesen, in der Arbeitswelt. Viele Schwarze stecken in einer Armutsspirale, leben in Quartieren mit hoher Kriminalität und wenn man so aufwächst, kann von Chancengleichheit keine Rede sein. Hinzu kommt: Die soziale Ungleichheit in den USA hat in den letzten Jahren extrem zugenommen. Das Video von George Floyd zeigte die Gewalt, die schwarze Menschen zusätzlich erfahren. Floyds Tod löste so weltweit eine Diskussion über Polizeigewalt in den USA und Rassismus aus.

Welche Rolle spielten die sozialen Medien bei der Mobilisierung so vieler Menschen?

Das mehr als achtminütige Video des sterbenden George Floyd, das Knie eines weissen Polizisten im Nacken, ging in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer um die Welt. Es bekam eine Schlüsselbedeutung und wurde zum Symbol für Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Neu ist, dass die folgenden Proteste massenmedial vermittelt wurden. Schnell ist auf Twitter ein Like gesetzt, das kostet nicht viel und ist nicht mit Sanktionen verbunden. Man muss auch wissen, dass der marginale Teil der Bewegung auf die Strasse gegangen ist, der grösste Teil fand in den sozialen und traditionellen Medien statt. Fazit: Die breite Zivilgesellschaft bekommt durch die Proteste einen Stimmzettel. Die Politik wird zu Handlungen bewegt.

Gibt es einen Zusammenhang zu anderen Bewegungen, wie zum Beispiel die Fridays for Future?

Ja, ich sehe da einen Zusammenhang. Die Black-Lives-Matter-Proteste, die Fridays for Future-Bewegung, der Frauenstreik, sie haben Analogien und sie sind in ihrer Wirksamkeit vergleichbar mit der #Metoo-Debatte. Diese zivilgesellschaftlichen Initiativen haben heute eine grosse Macht, sie gestalten Politik mit. Thematisch geht es um gelebte Diversität, es geht aber auch um Chancengleichheit. Ungleichheit ist vor allem bei den Jungen in unserer Gesellschaft ein wesentliches Thema.

Wenn Sie von den Jungen sprechen, welche Generation meinen Sie?

Hier in der Schweiz ist es die Generation, die in grosser sozialer Sicherheit aufgewachsen ist. Für sie ist Chancengleichheit und Gerechtigkeit ein wichtiges Leitmotiv. Das merke ich auch an der UZH, bei meinen Studierenden.

Was kann die Wissenschaft zur Debatte über Rassismus beitragen?

Forschung zu Rassismus ist wichtig und notwendig. Sie hat eine ganz lange Tradition in der Soziologie, aber auch in den Kulturwissenschaften oder anderen Fachgebieten. Die Mechanismen, wie Rassismus zustande kommt, sind gut erforscht. Gründe für den Rassismus sind Kategorisierungsprozesse und Stereotypisierungen.

Es ist aber auch belegt, dass nicht alles Diskriminierung ist. Ein Beispiel: Die Kriminalitätsraten in bestimmten Gegenden der USA sind hoch und dort ist es auch gefährlich. Hier kommt es zu einem unglücklichen Zusammenwirken verschiedener Kreisläufe. Sprich, wenn man in ein armes und kriminelles Quartier hineingeboren wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selber kriminell wird recht hoch. Ein grosses Problem – auch bei uns – ist die mangelnde Durchmischung der gesellschaftlichen Schichten, dadurch entsteht Ungleichheit. Auch zu diesem Thema gibt es aussagekräftige Forschung, die weit über das hinausgeht, was wir gerade in dieser moralisch aufgeladenen Diskussion erleben. 

Was tut die UZH gegen Rassismus?

An Universitäten kommt Diskriminierung weitaus weniger vor als in anderen Teilen der Bevölkerung. Doch muss man achtsam sein: Besonders Alltagsrassismus führt zu Diskriminierung, denn er wird oft subtil vorgebracht und ist schwer verfolgbar.

Mit der Diversity Policy der UZH haben wir aber ein Instrument, auf das wir uns abstützen können und das wirksam ist. Mit dieser Policy hat die UZH gelebte Vielfalt und Chancengleichheit zur Chefsache gemacht. Wir zeigen ganz deutlich, dass Diskriminierung, sexuelle Belästigung oder Mobbing an der UZH nicht akzeptiert wird.

Dass eine Policy wirksam ist, bestätigt die Organisationforschung. Um wichtige Veränderungsprozesse anzustossen, sind Regeln, und zwar möglichst allgemeingültige Regeln notwendig. Sie kennen vielleicht den Begriff der Benediktinerregel, das ist ein Klosterregularium. Aufgrund dieser Regeln sind die Benediktiner eine der ältesten Organisationen, die bis heute überlebten. Im Umsetzungsplan zur Diversity Policy hat die UZH zentrale Massnahmen gegen Diskriminierung erarbeitet. Sehr hilfreich für diese Koordination und Umsetzung ist auch, dass das Querschnittsthema Diversität direkt bei Gabriele Siegert angesiedelt ist.

Müsste man noch mehr tun?

Obwohl an der UZH Diversität gelebt wird – viele Dozierende und Studierende kommen aus aller Welt, aus ganz verschiedenen Kulturen und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen – gibt es doch einen Punkt, der selten erwähnt wird. Es sind die unterschiedlich verteilten Bildungschancen. Viele Studierende kommen aus gut gebildeten, wohlhabenden Elternhäusern, und bei den Doktorierenden oder in der Professorenschaft kommt kaum jemand aus der unteren Mittelschicht. Das ist aber ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Was kann jeder Einzelne tun, um rassistisches und vorurteilsbezogenes Denken zu unterbinden?

Zunächst einmal: Vorurteile und Stereotype sind überlebenswichtig, ohne sie wären wir in unserem Alltag gnadenlos überfordert. Vorurteile kommen aber nicht aus dem Nichts. Es ist wichtig, verinnerlichte Denkmuster zu überdenken. Dazu gehört auch die Frage, in welchen sozialen Bubbles man sich bewegt und vor welchen Meinungen man sich abschottet. Wir wissen ja, dass diese Filterblasen durch soziale Medien eher zu- und nicht abgenommen haben. Auch Forschende stecken manchmal in solchen Bubbles fest. An den Hochschulen ist es wichtig, den konstruktiver Diskurs ohne Kategorisierung zu suchen. Das bedeutet eben auch unbequeme Gegenmeinungen zuzulassen und nicht in dasselbe intolerante Muster, wie die Angreifer zu verfallen.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

9 Leserkommentare

Peter Fuchs schrieb am Sehr geehrter Herr Gamma Die Informationen, die Sie ansprechen sind auch weit verfügbar, gerade für Studenten mit Zugriff zu vielen empirischen Datenbanken. Oder sind verfügen Sie über besonderes Insiderwissen? Aber egal - schade, dass Sie auf den Kontext der Diskussion lenken, obwohl ich Ihnen eine inhaltliche Argumentation aufs Silbertablett gelegt hatte, als ich nach Handlungen fragte... Oder ist Ihre Antwort, die weissprivilegierte Aussage, dass wir Weissen diskriminiert werden? A-A-Programs benachteiligen nur jene Weissen, welche von strukturellem Rassismus profitiert hätten. Ich bin auch kein Fan, da Sie strukturelle Probleme auf indiv. Ebenen verschieben, wodurch es eben Verlierer gibt. Jedoch führen eben auch die strukturellen Probleme zur grundsätzlich indiv. Benachteiligung, welche wiederum den strukturellen Rassismus bekräftigt. Wenngleich A-A-Programme keine Lösung sind, so durchschlagen Sie wenigstens diese Negativspirale.Vorteile von überbevorteilten Menschen wegzunehmen ist keine Diskriminierung
Alex Gamma schrieb am Lie by omission Lieber Herr Fuchs - das Problem im öffentlichen Diskurs heute ist nicht so sehr, dass Unwahrheiten gesagt werden, sondern dass immer grössere Teile der Wahrheit ausgeblendet werden, die für ein umfassendes Lagebild unabdingbar sind. Gelogen, wenn Sie so wollen, wird durch Auslassung, durch die Auswahl dessen, was gesagt wird und was nicht. Wenn Fr. Rost von alltäglichem Rassismus gegen US-Schwarze spricht, darf das als Pauschalaussage schon mal angezweifelt werden. Auffälliger ist jedoch, was unerwähnt bleibt: dass z.B. Floyds Totschlag nicht einem allg. Trend entspricht, dass es nachfolgend nicht einfach nur "Proteste", sondern Zerstörung und Plünderungen gab, dass schlechtere Lebensbedingungen Schwarzer kein Beweis für weissen Rassismus sind, dass sich die Lage der US-Schwarzen immer weiter verbessert, dass es durch weitverbreitete Affirmative Action-Programme u.ä. zur Diskriminierung Weisser kommt und dass in den Medien ein starker Anti-Weisser Furor (Rassismus?) zu spüren ist.
Fridolin Opin schrieb am Re: Black lives matter - weiterführende Antworten... Guten Tag Frau Bah Danke für Ihre Antwort. Die Einseitigkeit ist meines Erachtens genau das problematische an Ihrem Aufruf. Sie ignorieren in Ihrem Text die Existenz von Rassismus ausserhalb der der weissen Rasse. Ja - Rassismus ist schlecht, Ja - Rassismus ist existent und Ja - es ist eine Schande, dass Menschen, egal welcher Ethnie Rassismus erfahren müssen. ABER: Nein - Rassismus ist nicht weiss, Nein - Sklaverei ist nicht weiss Die Insertion einer solchen Aussage (diese machen Sie durch die Ansprache: Liebe Weisse) führt dazu, dass man genau das wichtigste im Kampf gegen Rassismus verliert -- die gemeinsame Ebene des Dialoges Ich finde es sehr wichtig, Dialoge über Rassismus und Diskriminierung anzuregen -- diese sollten mit Redefreiheit und im allseitigen Respekt weiterhin geführt werden und nicht durch "Rasseneinteilung" verhindert werden. Es gibt biologisch nur eine Rasse. Freunliche Grüsse
Susann Bah schrieb am Black lives matter - weiterführende Antworten... Lieber Herr Opin, ich kann nachvollziehen, dass Sie meinen Text als einseitig empfinden – allerdings gibt es ja auch keine Anleitung über welche Thematik wir uns hier im Detail zu äussern haben. Sie haben mir viele Fragen gestellt und ich kann Ihnen versichern, dass ich all Ihre Fragen mit ‘ja’ beantworten kann. Gerne äussere ich mich nochmals zu meinem eigenen Text vom 19.6.2020 betreffend BLM. Ich bin persönlich sehr von diesem Thema betroffen, auch intern an der UZH. Es war mir ein grosses Anliegen, genau diesen Text, auch wenn er Ihnen nicht gefällt, zu veröffentlich.
Peter Fuchs schrieb am Meinungspluralität Lieber Herr Gamma – Erstens, verwechseln Sie bitte nicht fehlende Meinungspluralität mit Meinungsunterdrückung. Die Kommentarspalte steht nämlich sicherlich allen Meinungen offen, die nicht problematisch radikal sind. Zweitens, war dieses Interview offensichtlich auch fernab von linkem Gedankengut. Dass es soziale Kategorisierung, Vorurteile und gesellschaftliche Benachteiligung gibt ist empirisch belegt und somit unabhängig von einer politischen Gesinnung. Das macht m.E. Ihre Argumentation nicht haltbar. Wenn Sie der Meinung sind die Aussagen, dass und wie Rassismus vorkommt falsch sind, sind Sie nicht konservativ, rechts oder sonst etwas, sondern vor Allem ignorant. Das beste Beispiel übrigens ist der Satz "Die Politik wird zu Handlungen bewegt.": Welche Handlungen das sein sollen wird nicht angesprochen. Ich würde mich auf einen Diskurs verschiedener Ansichten und Gesinnungen freuen, um eben solche Handlungen für soziale Ungerechtigkeiten zu finden.
Fridolin Opin schrieb am Ein paar weiterführende Fragen Liebe Frau Bah – Danke für Ihren Text. Sie interpretieren den Rassismusbegriff aufbauend auf der Critical Race Theory. Das sollten Sie vielleicht nochmals lesen. Denn der systemische Rassismus, den Sie ansprechen, wird in dem "weissen" Menschen niemals enden. Dementsprechend hat man dieser Theorie folgend keine andere Möglichkeit als den systemischen Rassismus an die eigenen Kinder weiterzugeben (System). Die ganze Theorie (CRT) bewegt sich in einem argumenatorischen Vakuum und ist deshalb nicht ausgereift. Befolgung dieser Theorie führt zu mehr Hass gegen sich selbst und andere. Beispiel: Haben Sie sich mit Ihrem subtilen Rassismus in Ihrem eigenen Text befasst? Werden neben Schwarzen und Braunen, nicht auch Asiaten und weitere Ethnien diskriminiert? Sie beziehen sich auf Sklaverei und Apartheid. Aktive Sklaverei existiert auch heute. Befassen Sie sich mit der aktiven Sklaverei? Ja, es ist Zeit gegen Hass und Polarisation aufzustehen – für alle Kinder dieser Welt.
Graziella Pulver schrieb am Ungerechtigkeiten und Rassismus unterscheiden Ich habe den Eindruck, dass man generell Ungerechtigkeiten (echte und vermeintliche) und Rassismus ungenügend unterscheidet. Die Gesellschaft (mal USA ausgeschlossen und Südafrika, die speziell sind) wird immer und ewig Unterschiede produzieren. Die zu grossen Unterschiede zwischen reich und arm unterwandern Gleichberechtigung auf allen Ebenen im Moment extrem.
Alex Gamma schrieb am Wo bleibt die Meinungsvielfalt an der Uni? So, und ich möchte jetzt einmal eine konservative Sichtweise auf die Geschehnisse hören. Von jemandem aus der Uni. Im Sinne von Diversität und Vielfalt von *Meinungen*, nicht nur Hautfarben und Geschlechtern und Herkunftsländern. "An den Hochschulen ist es wichtig, den konstruktiver Diskurs ohne Kategorisierung zu suchen. Das bedeutet eben auch unbequeme Gegenmeinungen zuzulassen..." Genau. Also, wo ist die Gegenmeinung? Wo ist der oder die Soziologieprofessor/in, der/die den Teil des Spektrums füllt, den man von den universitären PR kaum jemals zu hören bekommt? Schaffen Sie das? Ich möchte es wirklich sehen. Ansonsten würde ich von einer Universität erwarten, dass sie ihre mangelnde Meinungsvielfalt offen diskutiert, den Überhang von links-progressiven Standpunkten kritisch reflektiert, oder vielleicht sogar die potentielle Tatsache, dass Andersdenkende sich nicht zu Wort wagen? Ich weiss es nicht, aber geben Sie sich doch endlich mal Mühe.
Susann Bah schrieb am Black lives matter - mehr Gerechtigkeit, auch in der Schweiz Liebe Weisse – Ausdrücke wie 'Mohr' etc. sind in der heutigen Zeit nicht mehr angebracht. Sie stammen aus der Sklavenzeit, sind abwertend und diskriminierend. Oncle Ben's Logo wird ersetzt, es ist eine groteske Abbildung, die die Schwarzen zu Recht so nicht mehr dulden wollen. Solche Abbildungen stammen ebenfalls noch aus der Sklavenzeit und aus der Apartheid, im Sinne von ''Wir sind weiss und ihr halt nur schwarz''. Liebe Weisse, schaut zukünftig genauer hin, denn ihr müsst mit eurer Hautfarbe keine alltäglichen Diskriminierungen wie Schwarze oder Braune erleiden. Hinterfragt euch erst, ob da nicht doch ein subtiler, alltäglicher Rassismus in euch schlummert, den ihr nicht zu erkennen wagt - gebt euch Mühe, den Rassismus abzubauen, damit ihr ihn nicht an eure Kinder weitergebt. Ich appelliere an eure Menschlichkeit hier endlich aktiv was zu ändern!

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