Leukämie

Sturm in der Blutbahn

Der 16-jährige Patrick Simonis hatte den Tod vor Augen. Dann besiegte er am Kinderspital Zürich dank genetisch veränderter Blutzellen den Krebs. Der Fall zeigt: Die Behandlung von Leukämie erfährt gerade eine Revolution.

Andres Eberhard

Patrick Simonis
«Im Moment tut es einfach gut, einen Plan zu haben für die nächsten vier Jahre», sagt Patrick Simonis (16), Leukämiepatient. (Bild: Ursula Meisser)


Es ist die letzte Hoffnung. Als er an diesem Frühlingstag vor einem Jahr ins Kinderspital Zürich fährt, sagt Patrick Simonis zu seiner Mutter: «Wenn das nicht klappt, nimmst du mich nach Hause, um zu sterben.» Simonis, 16 Jahre alt, leidet an akuter lymphoblastischer Leukämie. Drei Jahre lang hat er starke Medikamente und Spritzen bekommen, die Nebenwirkungen ertragen: Tagsüber war er immer wieder manisch-depressiv, nachts ohne Schlaf. Einmal kollabierte er mitten in der Nacht, man reanimierte ihn, die Rega flog ihn ins Spital. Und später, nach einer Stammzell­transplantation, verbrachte er sechs Wochen in einer wenige Quadratmeter grossen Plexiglaskabine. «Als er herauskam, war er so schwach wie nie zuvor», erinnert sich seine Mutter.

Bösartige Blutkörperchen

Und nun also der letzte Versuch, eine neuartige Immuntherapie namens CAR-T: Zellen seines ­Körpers sollen entnommen, gentechnisch verändert und wieder eingeführt werden. Simonis ist erst der zweite Patient, der in der Schweiz auf diese Weise be­handelt wird. Entsprechend wenig ist über die Langzeitfolgen der Therapie bekannt. Die Ärzte schätzen die Erfolgschancen auf rund 50 Prozent. Ausserdem erwarten sie unmittelbare und heftige Nebenwirkungen: Der Sturm, den die Behandlung im Immunsystem auslöst, kann lebensbedrohlich sein. 

220 Kinder erkranken jedes Jahr an Krebs. Dabei unterscheidet sich Krebs bei Kindern massgeblich von Krebs bei Erwachsenen (siehe Kasten). Die akute lymphoblastische Leukämie ist mit jährlich rund sechzig neuen Fällen die häufigste Krebsart bei Minderjährigen. Dabei verändern sich weisse Blutkörperchen – die Lymphozyten – bösartig und vermehren sich im ganzen Körper. Damit wird die Bildung von gesundem Blut behindert.

Rasante Krebsforschung erweckt Hoffnung 

Früher war die Diagnose fast immer ein Todesurteil. Doch die Therapie von Leukämie hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. In den 1960er-Jahren wurden einige der heute noch gängigen Medikamente entdeckt, die Krebszellen bremsen und abtöten können. Dank solcher sogenannter Zytostatika stehen die Heilungschancen heute vor allem für betroffene Kinder gut. Gegen 90 Prozent von ihnen können durch eine intensive Chemotherapie – die Kombination verschiedener Medikamente – geheilt werden. Manchmal ist dafür zusätzlich eine Bestrahlung oder eine Stammzelltransplantation nötig. Falls diese Standardtherapie nicht greift und es zu weiteren Rückfällen kommt, waren die Überlebens­chancen bis anhin klein.

Doch das ändert sich gerade. Grund ist vor allem die rasante Entwicklung in der Krebsforschung und in der Gentechnologie. So können heute einzelne Zellen und Gene im Labor viel einfacher verändert werden als früher. Auf diese Art und Weise werden derzeit rund um den Globus neue Behandlungen gegen verschiedene Krebs­arten gesucht. Bis diese allerdings von der Forschung in den klinischen Alltag gelangen, dauert es in der Regel viele Jahre.

Genveränderte Blutkörperchen

Eine der wenigen bereits zugelassenen Therapien ist CAR-T. Sie wurde vor einigen Jahren in den USA speziell für Kinder mit lymphoblastischer Leukämie entwickelt und ist seit 2018 auch in Europa erlaubt. Es handelt sich um eine Krebsimmuntherapie. Das bedeutet, dass das körpereigene Abwehrsystem dazu gebracht werden soll, die schädlichen Blutzellen zu zerstören. Konkret werden bestimmte weisse Blutkörperchen, die T-Lymphozyten, im Labor genetisch verändert und auf die Krebszellen abgerichtet. Dabei docken Antigenrezeptoren wie Schlüssel an der Oberfläche der Krebszellen an, worauf diese zerstört werden.

«Für Leukämiepatienten ist die neue Therapie eine Revolution», sagt Jean-Pierre Bourquin, Professor für Kinderonkologie an der UZH und Chefarzt am Kinderspital Zürich. Neben Simonis behandelte er im vergangenen Jahr eine Handvoll weiterer Patienten mit der CAR-T-Therapie. Bourquin räumt ein, dass nicht alle Hochrisikopatienten auf die Therapie ansprechen. «Krebszellen finden verschiedene Wege, den umprogrammierten Abwehrzellen zu entweichen, und wir wissen noch nicht, wie lange die Leukämie mit dieser Immuntherapie unter Kontrolle bleiben kann.» Gerade darum sei weitere Forschung auf dem Gebiet ­
zentral.

Fehlgesteuertes Genprogramm

Dass die Forschung zur Kinderleukämie für die Krebsforschung generell relevant ist, zeigt ein Durchbruch, der dem Team rund um Bourquin kürzlich gelungen ist. Dank neuer Entwicklungen in der Gentechnologie konnten die Forscher systematisch die Mechanismen bei der Entstehung und Ausweitung der akuten lymphoblastischen Leukämie untersuchen. Im Zellkern entdeckten sie Proteine, die das genetische Programm fundamental fehlsteuern und so zum treibenden Motor der Leukämie werden.


Von einem dieser Proteine wussten die Forscher, dass es sich mit einem spezifischen Wirkstoff angreifen lässt. Also testeten sie diesen an Mäusen, die menschliche Leukämiezellen in sich trugen. Das Resultat: Die bösartigen Krebszellen starben nach der Gabe des Wirkstoffs ab. Dieser Erfolg könnte die Basis sein, um neue Medi­kamente gegen Blutkrebs zu entwickeln, die die Krankheit an ihren Wurzeln bekämpfen. «Andere Leukämien entstehen wohl durch ähnliche Mechanismen», sagt Bourquin. 

Bibliothek für neue Wirkstoffe

Aber auch Patienten mit anderen Krebsleiden könnten von Forschung wie derjenigen am Kinderspital profitieren. Gelingt es, zu verstehen, wie Krebs entsteht, kann er gezielt behandelt werden. Um die Grundlage für neue Krebsmedikamente zu legen, verfolgt das Kinderspital einen weiteren Ansatz. Gemeinsam mit anderen Forschern der UZH und der ETH Zürich bauen sie eine Art Bibliothek auf, in der Hunderte neuer Wirkstoffe ­gesammelt werden. Diese werden auf isolierte Leuk­ämiezellen von betrof­fenen Patienten losgelassen. «So können wir auch unerwartete Behand­lungsmöglichkeiten erfassen», sagt Bourquin. 


Das Verfahren nach dem Prinzip Versuch und Irrtum hat den Vorteil, dass es sehr effizient ist: Weil es sich um bereits existierende Substanzen handelt, liegt die Basis für die Behandlung bereits auf dem Tisch. Schon heute wird am Kinderspital die Therapie von Kindern mit unheilbaren Leuk­ämien mit diesem neuartigen funktionellen Ansatz gesteuert. Die personalisierten Behandlungen erfolgen im Rahmen von internationalen klinischen Studien.

Monate des Wartens

Bei Patrick Simonis glückt die Behandlung mittels CAR-T. Zunächst vergehen aber einige Monate des Wartens und Leidens. Ärzte nehmen ihm Blut ab und schicken es in einem Beutel verpackt und tiefgefroren per Flugzeug in die USA. Dort werden die Blutzellen in einem Labor genetisch umprogrammiert. Nach vier Monaten kommt der Beutel schliesslich zurück. Ein Bett auf der Intensivsta­tion ist wegen der zu erwart­enden Nebenwirkungen reserviert: Der massive Zerfall der Krebszellen setzt Proteine (sogenannte Zytokine) frei, die einen für das Immunsystem gefährlichen Sturm auslösen. Dieser ist derart heftig, dass viele Erwachsene ihn kaum überleben würden. Kinder jedoch ertragen die Nebenwirkungen besser. Bei Simonis vergehen nach der Gabe der veränderten Blutzellen neun Tage, ehe der Sturm eintritt. Drei Tage leidet er, lebensbedrohlich wird es aber nicht. Dann sitzt er morgens auf dem Spitalbett und will nach Hause.

Der Krebs ist weg 

Bis heute, acht Monate später, wird sich der Krebs nicht mehr im Blut von Patrick Simonis zeigen. Als er wieder zu Hause ist, geht für den Jugendlichen das nächste Abenteuer los: die Rückkehr in die Normalität. Simonis ist zu diesem Zeitpunkt 
16 Jahre alt und befindet sich an der Schwelle zum Berufsleben. Weil er schulisch begabt ist, hat er keine grösseren Probleme, das Verpasste nachzuholen. Es gelingt ihm mit Hilfe seiner Mutter und von Bekannten sogar, in sehr kurzer Zeit eine Lehr­stelle auf seinem Traumberuf zu finden: als Zeichner in einem Architekturbüro.
Heute führt Simonis ein relativ gewöhnliches Leben. Jeden Morgen steht er um 5 Uhr auf, kocht Reis und bereitet sich damit sein Mittagessen vor. Dann macht er sich bereit, packt den luftdicht verschlossenen Chromstahlbehälter in seinen Rucksack und fährt mit dem Velo die sechs Kilometer über Land nach Aarau. Nur einmal im Monat muss er ins Spital – für eine Infusion mit einem Medikament, das sein Immunsystem stärkt. Denn die Zelltherapie hat nicht nur den Krebs zerstört, sondern auch gutartige Blutzellen.

Simonis gilt zwar aus medizinischer Sicht nicht als geheilt, dafür weiss man noch zu wenig über die Langzeitwirkungen der noch sehr jungen Therapie. Niemand kann sagen, ob der Krebs nicht doch ­zurückkehrt – morgen, in ein paar Wochen, in zwanzig Jahren. Doch mit dieser Unsicherheit hat ­Simonis gelernt zu leben. «Im Moment tut es einfach gut, einen Plan zu haben für die nächsten vier Jahre», sagt er.

Leukämie – Häufigster Krebs bei Kindern

Auch Kinder können an Krebs erkranken. Dies ist zwar seltener der Fall als bei Erwachsenen, dennoch ist Krebs die häufigste tödliche Krank­heit im Kindes- und Jugend­alter. Das Leiden zeigt sich aber in anderen Formen als bei Er­wachsenen. Die häufigste Krebsart bei Minder­jährigen ist die Leukämie: Jedes dritte krebskranke Kind leidet an Blutkrebs. Auch Tumore im Hirn- und Rücken­mark sowie im Lymphsystem sind vergleichsweise häufig. Die häufigs­ten Krebsformen bei Erwachsenen hingegen – Krebs in Brust, Prostata, Darm, Lunge oder auf der Haut – kommen im Kindesalter praktisch gar nicht vor. 


Auch die Behandlung von krebskranken Kindern unterscheidet sich stark von derjenigen von Erwach­senen. Die klassischen Methoden sind zwar dieselben: Medikamente, Bestrahlung und Operation. Jedoch braucht es bei Kindern wegen der vielen seltenen Krebsarten sehr individuelle Thera­pie­­kombinationen. Ausserdem unterscheidet sich die Dosis oder Intensität der Behandlung. Schliess­lich reagieren kleine Kinder – die Hälfte aller krebskranken Kinder sind unter vier Jahre alt – besonders empfindlich auf aggressive Therapien. Zudem besteht die Gefahr von Spät­folgen. Jugend­liche hingegen können gar resisten­ter gegenüber Neben­wirkungen sein als Erwachsene. In solchen Fällen kommen invasivere Therapien infrage. Ein Beispiel ist die Immuntherapie CAR-T, die spezifisch für Kinder mit akuter lymphoblas­tischer Leukämie entwickelt wurde (siehe Haupttext). «Die biologischen Grundlagen von krebskranken Kindern unterscheiden sich stark von denen bei Erwachsenen», sagt Jean-Pierre ­Bourquin, Chef­arzt am Kinderspital Zürich, dem grössten Zentrum für krebskranke Kinder in der Schweiz. Aus diesem Grund brauche es zwingend eine kinder­spezifische Krebs­forschung. Doch solche Forschung ist teuer, und bloss rund ein Drittel der Gelder für die Forschung am Kispi kommen über staatliche Strukturen zusammen. «Um neuartige Therapien zu ­entwickeln und einzuführen, sind wir auf Stiftungen, Philanthropie und Spenden dringend angewiesen», sagt ­Bourquin.

Andreas Eberhard ist freier Journalist.

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