Philosophie

Computer sind nicht neugierig

Menschen und intelligente Maschinen lernen ähnlich, sagt der Philosoph Hans-Johann Glock. Im Gegensatz zu uns verfolgen Computer aber keine Ziele – zumindest noch nicht.

Interview: Roger Nickl

Hans-Johann Glock
«Heute haben Computer und Roboter die Stelle des Göttlichen eingenommen.», sagt Hans-Johann Glock, Professor für Theoretische Philosophie. (Bild: Stefan Walter)

Hans-Johann Glock, was ist Intelligenz?

Hans-Johann Glock: Intelligenz ist die Fähigkeit, neuartige Probleme auf flexible Art zu lösen. Auf eine Art, die nicht vorprogrammiert, nicht vorgegeben wurde. Intelligente Tiere beispielsweise können lernen, dass bestimmte Früchte, die zwar gut aussehen, schlecht bekömmlich sind. Sie können dadurch auf neue Situationen reagieren. Das intelligente Lösen von Problemen beruht nicht auf physischer Kraft oder Beharrlichkeit, sondern auf Einsichten in die Problemlage. 

Heute haben wir es nicht nur mit intelligenten Tieren, sondern auch mit lernfähigen Maschinen zu tun. Wie intelligent sind sie?

Glock: Das ist eine hoch interessante Entwicklung. In einem technischen Sinn lernfähig sind vor allem neuromorphe Computer, die die Struktur und Arbeitsweise des menschlichen Gehirns nachahmen, insbesondere künstliche neuronale Netze. Im sogenannten «deep learning» können sie ihre Leistung beim Lösen von Problemen durch das Auswerten von Daten schrittweise optimieren. Sie werden besser, indem sie «üben» und Erfahrungen machen. Das ist ähnlich wie beim menschlichen Lernen. 

Mensch und Maschine sind also gar nicht so verschieden?

Glock: Die Unterschiede sind zu einem beträchtlichen Teil quantitativer und nicht qualitativer Art. KI wird vor ihrem Einsatz trainiert. Das heisst, sie wird angeleitet und erhält Zugang zu bestimmten Daten und zu anderen eben nicht. Wenn wir lernen, ist das nicht vollkommen anders. Eltern setzen ihre Kinder beispielsweise bestimmten Situationen aus und meiden andere, auch wenn ihnen das nicht immer bewusst ist. 

Wo unterscheiden wir uns von smarten Rechnern? 

Glock: Es gibt zwei entscheidende Unterschiede: Menschen lernen nicht nur über Versuch und Irrtum, sondern gewinnen ab einem gewissen Punkt der Entwicklung von sich aus Einsicht und Voraussicht. Das ist die höchste Form des Lernens. Der zweite Punkt ist noch wichtiger: Lernen hat bei uns eine emotionale und affektive Komponente. Wir sind neugierig und suchen uns unsere eigenen Daten. 

Wir haben einen Willen zum Wissen?

Glock: Genau, und der ist für uns als Menschen entscheidender als der von Nietzsche postulierte «Wille zur Macht». Computergestützte KI-Systeme sind im Gegensatz zu uns nicht neugierig. Selbst wenn sie es wären, könnten sie sich zum jetzigen Zeitpunkt ihre eigenen Daten nicht selber beschaffen. Im Vergleich dazu sind wir Menschen autonom: Wir beschaffen uns die Informationen, die wir brauchen oder die uns interessieren. 

Dazu brauchen wir auch unsere Sinne, mit denen wir die Welt wahrnehmen. Welche Rolle spielen sie?

Glock: Sie spielen eine zentrale Rolle. KI ist eine unheimlich schlaue Technologie, die uns erlaubt, schlaue Dinge zu tun. Ob allerdings die Systeme selber schlau sind, ist fraglich. Wir können von Intelligenz im eigentlichen Sinn nur sprechen, wenn zur Informationsverarbeitung und zum Lernen zwei weitere Faktoren hinzukommen: Ziele und Wahrnehmung. Wenn Intelligenz die Fähigkeit ist, Probleme zu lösen, auch die eigenen, dann muss das System eigene Zwecke verfolgen können, indem es sich in der Welt orientiert und bewegt. 

Dann braucht es einen Körper?

Glock: Ja, es muss ein autonomes, mobiles System sein. Echte Intelligenz braucht einen Körper: Das ist die Idee der Embodied Cognition, die in der Kognitionswissenschaft und der KI-Forschung gerade boomt. 

Wird es künftig möglich sein, eigenständig denkende KI-Systeme zu entwickeln?

Glock: Ich sehe keine philosophischen Gründe, die das ausschliessen würden. Alle kognitiven Fähigkeiten bedürfen eines materialen Vehikels, ob das Silizium oder Kohlenwasserstoff, ob es das Produkt der biologischen oder der kulturellen und technologischen Evolution ist, macht im Prin­zip keinen Unterschied. Deshalb gehe ich davon aus, dass es grundsätzlich möglich ist, künftig KI-Systeme zu entwickeln, die über Wahrnehmung verfügen und sich Ziele setzen können. Die Frage ist, ob wir das wollen. 

Sie haben gesagt, aktuelle KI erlaubt es uns, schlaue Dinge zu machen. Woran haben Sie dabei gedacht? 

Glock: KI erlaubt uns, komplexe Berechnungen und Statistiken anzustellen. Künstliche neuronale Netzwerke können darüber hinaus Muster viel besser erkennen als klassische digitale Computer. Und sie sind lernfähig, beispielweise indem sie gegen sich selber spielen. Das Programm AlphGo besiegte 2016 den weltweit stärksten Go-Spieler Lee Sedol in vier von fünf Partien. Das ist sicher beeindruckend schlau. Man muss aber schon sehen: Selbst AlphaGo kann seine Informationsverarbeitung und seine Lernfähigkeit nicht von sich aus auf andere Bereiche anwenden, noch nicht mal auf ein Spiel mit festen Regeln wie etwa Bridge. Seine Intelligenz ist nicht auf andere Zusammenhänge übertragbar. Der Gral der KI-Forschung, eine «Allgemeine Künstliche Intelligenz», liegt jedenfalls noch in der Ferne.

Dennoch: Kratzen Computer, die uns im Denksport an die Wand spielen, nicht an unserem menschlichen Selbstbewusstsein? 

Glock: Ich denke, der Aspekt der Kränkung ist in der aktuellen KI-Debatte ein ganz wichtiger Punkt. Wir interessieren uns für KI einerseits aus ganz praktischen – technologischen, ökonomischen, politischen – Gründen. Andererseits interessieren wir uns für Künstliche Intelligenz und Roboter auch deshalb, weil sie uns als Orientierungspunkte dienen. Das Nachdenken über die Natur künstlicher Systeme ist immer auch ein Nachdenken über uns selbst. Früher haben sich die Menschen nach unten hin mit den Tieren und nach oben hin mit dem Göttlichen verglichen. Heute haben die Computer und Roboter die Stelle des Göttlichen eingenommen. 

Inwiefern?

Glock: Indem wir uns etwa die Frage stellen, ob sie schlauer sind als wir. Der Vergleich erinnert sehr an die Frage, inwiefern das Göttliche uns überlegen ist. Wir fragen uns nicht, ob Tiere schlauer sind als wir. Bei Computern sind wir da nicht mehr ganz so sicher. Einerseits denken wir: Das sind doch bloss Automaten, Maschinen, die eigentlich noch unter den Tieren stehen; andererseits sind diese Maschinen zu Leistungen fähig, die uns alle in den Schatten stellen – beispielsweise eben beim Go-Spiel oder bei der Diagnose bestimmter Augenleiden. 

Wie können wir uns mit Hilfe von KI über uns selbst klar werden? 

Glock: Viele Dinge, die früher als Vorrecht des Menschen galten, scheinen inzwischen von künstlichen Systemen besser gemacht zu werden. Rationalität, Denken, Intelligenz, Sprache, Emotionen, Bewusstsein – das Phänomen KI gibt uns die Möglichkeit und den Anlass, zu reflektieren, wie genau diese Begriffe funktionieren und ob sie überhaupt als Mittel taugen, um uns von Tieren und KI zu unterscheiden und unsere eigene Stellung in der Welt zu bestimmen. 

Was gewinnen wir sonst noch mit KI?

Glock: KI hilft uns etwa, die Ursachen und Entwicklungen des Klimawandels zu berechnen: Da wären wir ohne diese Systeme heute nicht so weit. Auch autonome Fahrzeuge sind interessant, weil sich damit die Unfallzahlen wohl verringern liessen. Da sehe ich viel Potenzial. Wenn KI-Systeme gut durchdacht werden, helfen sie uns vielleicht sogar, unsere eigene Intelligenz zu erweitern. Dann würde sich die Frage, wer schlauer ist, gar nicht mehr so dringlich stellen. Dazu müssen wir aber noch besser wissen, wie lernfähige Netzwerke genau funktionieren. Idealerweise können wir in Zukunft künstliche Systeme so gut verstehen, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten können, wie mit verlässlichen Mitmenschen. Die Beleidigung, dass die KI in gewissen Gebieten schlauer ist als wir, wäre aber schon ein harter Brocken. 

Welche Rolle spielt KI in der Zukunft?

Glock: Ich sehe die Zukunft nicht nur rosig. KI kann auch systematisch missbraucht werden. Das Hauptproblem besteht darin, dass diese Technologie in den Händen von Individuen und Institutionen ist, die nicht demokratisch kontrolliert sind. Das gilt für IT-Giganten genauso wie für repressive Staaten. Hoffnungsvoll stimmt mich, dass diese Dinge jetzt diskutiert werden, bevor das Kind im Brunnen ist. Wir haben noch die Gelegenheit, darüber nachzudenken, welche Form von Technologie wir überhaupt schaffen wollen und wie wir konstruktiv mit ihr umgehen können. 

Roger Nickl, Redaktor UZH Magazin

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