Filmfestival Regard Bleu

Die Welt mit anderen Augen sehen

Das diesjährige Filmfestival «Regard Bleu» bot ethnologisch Interessierten einen Einblick in die visuelle Anthropologie. 29 Filme aus ganz unterschiedlichen Ländern zeigten die Vielfalt ethnografischer Forschung.

Pascal Moser

Ausschnitt aus dem Video
Ausschnitt aus dem Video
Das Video «Those Who Have Eyes to See» (19 min), directed by Melanie Grant, zeigt das Ritual der Spiritual Baptists. Trinidad /Tobego. 2019. (Bild: Melanie Grant)

 

«Drei Tage voller Filme, die zum Nachdenken anregen und aufschlussreiche Gespräche gehen dem Ende zu», schrieben die Veranstalterinnen und Veranstalter des Filmfestivals Regard Bleu am Sonntag auf ihrer Facebookseite. Damit zogen sie eine positive Bilanz des Filmfestivals, das vom 16. bis 18. Oktober im Völkerkundemuseum der Universität Zürich stattfand. Fast dreissig Filme aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Institutionen waren zu sehen. Das Publikum wurde dabei angeregt, sich über das Filmen innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften Gedanken zu machen und sich darüber auszutauschen.

544 eingereichte Filme aus über 70 Ländern

Die Direktorin des Festivals Saada Elabed begrüsste am Freitag alle Teilnehmenden zum diesjährigen Regard Bleu, das bereits Tradition hat. Das erste Festival fand im Jahr 2006 statt. «Seit Beginn hat sich das ethnographische Filmfestival Regard Bleu als internationale Plattform etabliert, die Menschen aus verschiedenen Disziplinen wie Sozialwissenschaft, Kunst und Journalismus einlädt, sich zu treffen und auszutauschen», sagte Elabed, die als Assistentin am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft arbeitet. Sie hat die Festivalleitung neu von Michèle Dick übernommen und dankte ihrer Vorgängerin und insbesondere dem Team aus Studentinnen und Studenten, die an der Organisation beteiligt waren.

Organisationsteam
Organisationsteam
Das Organisationsteam (v.l.n.r.): Miriam Saada Elabed (Festivalleitung), Olivia Sacker (Ressort Kommunikation) Sandra Künzle (Ressort Finanzen und Cafeteria), Fabio Buchmann (Ressort Technik), Zoë Strub (Ressort PR), Edna Becher (Ressort Grafik), Olivia Bianchi (Ressort PR), fehlt im Bild: Michelle Anzelini (Ressort Grafik). (Bild: Gregor Frei )

 

Sie alle hatten von den 544 eingereichten Filmen aus über 70 Ländern die ethnographisch gelungensten herausgesucht. So wurde dem Publikum ein breitgefächertes Programm von grosser thematischer Varietät geboten. «Globale Probleme der Menschheit sowie die Pandemie haben einen grossen Einfluss auf uns und zwingen die Menschheit dazu, Vertrautes zu hinterfragen», sagte Elabed. In diesem Sinne biete das Regard Bleu in diesem Jahr einen besonderen Blick auf Neues und zeige unkonventionelle Herangehensweisen.

Von Ritualen der Baptisten in Trinidad bis zur portugiesischen Diskothek

Die gezeigten Filme gingen hauptsächlich aus Abschlussarbeiten und «Independent Projects» von Bachelor- und Masterarbeiten Studierender hervor und boten Einblicke in die vielfältigen Möglichkeiten, Ethnographie zu betreiben aber auch die Probleme der Feldforschung und die emotionalen Hürden, die man dabei zuweilen überwinden muss. Die thematische Fülle war enorm: Sie reichte von der Relation zwischen Satanistischen Bewegungen und der Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender-Gemeinschaft (LGTBQ), bis zu den spirituellen Ritualen der Baptisten in Trinidad, den Diskotheken in Portugal als Raum für eigene kulturelle Identität aber auch das Thema Migration wurde thematisiert.

Aber nicht nur Filme sondern auch andere Beiträge waren Bestandteil des Programms. So wurden visuelle Anthropologen und Anthropologinnen per Livestream zugeschaltet und konnten mit den Teilnehmenden über die Zukunft ethnologischer Methoden diskutieren. Wie auch bei den Filmen stand dabei im Fokus, wie man mit dem Medium Film gelungene Ethnographie betreiben kann.

Unbekannte Klänge und Bilder

Den Zuschauerinnen und Zuschauern wurde beim diesjährigen Regard Bleu eine Sicht auf unbekannte Welten gewährt. Eine Sicht, die dazu anregte, sich selbst mit wesentlichen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen, die auch in der Ethnologie eine Rolle spielen. Es kamen Fragen auf, so zum Beispiel: Wie kulturell unterschiedlich gehen wir mit alltäglichen Situationen um? Was bedeutet Kultur? Wie definieren andere Menschen ihr Leben? Die Vielfalt, die in diversen sozialen Gruppierungen überall auf der Welt gelebt wird, ist faszinierend. Geopolitische Aspekte wurden mal mehr, mal weniger stark behandelt, manches Thema wurde mal greifbar, mal eher abstrakt diskutiert.

Im Grossem und Ganzen verlangten die Filme aber weniger eine Analyse des Gesehenen als vielmehr eine genaue Beobachtung, genau so, wie es auch Ethnographinnen und Ethnographen tun. Auf diese Weise tauchte das Publikum des Filmfestivals in verschiedene Welten ein und verliessen es – gesättigt mit unbekannten Klängen und Bildern.

Pascal Moser, Journalist

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