Autobiografie

Hebamme der eigenen Geschichte

Wenn wir uns erinnern, arbeiten wir an unserem Ich. Je älter wir werden, umso positiver werden die Erinnerungen und damit die Geschichte unseres Lebens.

Thomas Gull

Memoiren
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In der Lebensmitte erwacht der Wunsch, auf unser Leben zurückzublicken, Bilanz zu ziehen, dem Leben Sinn zu geben. Wir fangen an, unsere Lebensgeschichte zu erzählen. (Bild: iStock / Prompilove)


Blazenka Kostolna (*1949) hat ihre Autobiografie geschrieben. «Das war wie das Erwachen aus einem endlosen Traum, oder anders gesagt, wie meine Geburt, bei der ich selbst Hebamme war, die bestimmte, wie das Kind sein wird», erinnert sich die Autorin, deren Autobiografie «Die gebrochene Lebenslinie» mit dem Autobiographie-Award 2020 ausgezeichnet wurde.

In ihrem Text bringt Kostolna nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte auf die Welt, sondern auch sich selber: Sie beschreibt ihre Geburt, die Geburt eines Kindes, das nicht willkommen war, dessen Mutter alles unternahm, um es loszuwerden – «Sie springt täglich vom 30 Meter hohen Scheunenbalken ins Heu, hebt schwere Sachen, trinkt hausgemachte Abtreibungsmittel, hockt heimlich in der Nach auf einem Topf mit kochendem Wasser …», ihre Geburt im Morgengrauen, während eines Gewitters, im Schweinestall, wo die Mutter einer Sau beim Gebären beistehen will, ausgleitet und sie zwei Monate zu früh auf die Welt bringt, aus dem Mutterkörper hinauswirft, «hinein in die Nacht, hinein in die duftenden gelbgrünen Sommeräpfel, hinein in den von Fäulnis besetzten und von Gewittergeräuschen heulenden Raum.»

Mit der Beschreibung ihrer dramatischen Geburt, beginnt Kostolnas Autobiografie, die vor allem die Geschichte ihrer Familie ist, «das einzige, was ich meinen Kindern und Enkelkindern hinterlassen kann. Denn ohne Geschichte kein Leben.» Kostolna teilt dieses Bedürfnis, ihren Nachkommen die eigene Geschichte zu hinterlassen mit vielen älteren Menschen. «Wir alle erinnern uns ständig. Doch in der Lebensmitte verändert sich die Perspektive. Ab etwa fünfzig realisieren wir, dass wir nicht mehr so lange leben, wie wir bereits gelebt haben», sagt die Psychologin Burcu Demiray. Damit erwacht der Wunsch, auf unser Leben zurückzublicken, Bilanz zu ziehen, dem Leben Sinn zu geben. Wir fangen an, unsere Lebensgeschichte zu erzählen. Uns selbst und anderen.

Fluide Biografie

Woran wir uns erinnern und wie, ist dabei nicht festgefügt, sondern «fluid», wie Burcu Demiray betont. «Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, erinnern wir uns etwas anders.» Das hängt unter anderem davon ab, in welchem Kontext wir das tun, wem wir von unserer Vergangenheit erzählen – unseren Lebenspartnern, unseren Freunden, unseren Kindern. Je nachdem werden wir uns an andere Dinge erinnern und diese auch anders erzählen.

Autobiografisches Erinnern und Erzählen sei eine «retrospektive Konstruktion», erklärt Alfred Messerli, der am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) der UZH Selbstzeugnisse erforscht. Diese Rekonstruktion der Vergangenheit ist ein bewusster Akt der Erzählerin/des Erzählers. Was wir erzählen und wie hängt vom Zeitpunkt ab und den äusseren Umständen. Ändern sich die Lebensumstände, verändert sich auch unsere Wahrnehmung von uns selbst und damit, was wir erzählen und für erzählenswert halten. «Salvador Dalí hat sieben Autobiografien geschrieben», erzählt Messerli, um diese Aussage zu illustrieren.

Messerli erforscht nicht nur Biografien historischer Figuren wie etwa Ulrich Bräkers, des «armen Bäuerleins aus dem Toggenburg», die er in fünf Bänden herausgegeben hat. Zusammen mit Eric Bohli, einem ehemaligen Manager, hat er meet-my-life gegründet, ein online-Projekt, das Menschen unterstützt und anleitet, die ihre Autobiografie schreiben wollen und diese online publiziert, etwa jene von Blazenka Kostolna, die bereits mehr als 1300 Mal angeschaut wurde. Das von der UZH unterstützte Projekt verleiht auch jedes Jahr den Autobiographie-Award.

Doch, weshalb erinnern wir uns überhaupt und was bedeutet das für uns? Burcu Demiray, die mit ihrer Forschungsgruppe am Psychologischen Institut der UZH untersucht, wie unser Gedächtnis funktioniert, unterscheidet drei vitale Funktionen, die autobiografisches Erinnern für uns hat: Wir brauchen es, um überleben zu können, sagt Demiray: «Schon die Höhlenmenschen mussten sich daran erinnern, wo sie Nahrung finden und was essbar ist und was nicht.» Wenn wir solch essentielle Dinge vergessen würden, würden wir zugrunde gehen. Die zweite Funktion des Erinnerns ist eine soziale: Welches sind unsere Freunde, welches unsere Feinde? Wem können wir vertrauen und wem nicht?

Erinnerungen stärken Beziehungen

Wir brauchen Erinnerungen aber auch, um Beziehungen zu knüpfen und zu erhalten, etwa indem wir uns mit Freunden oder unseren Partnern an (schöne) Dinge erinnern, die wir gemeinsam erlebt haben, sagt Demiray: «So schaffen wir Vertrautheit und stärken unsere sozialen Bindungen.» Und schliesslich brauchen wir das autobiografische Erinnern, um zu wissen, wer wir sind. Sich zu erinnern ist essentiell für unser Ich-Gefühl. Wir wissen, wer wir sind, weil wir uns erinnern, was wir erlebt haben und welches unser Platz in der Welt ist. «Unser Gedächtnis führt zu uns selber, zu unserem aktuellen Ich», sagt Demiray.

Erinnerungen helfen uns aber auch, uns besser zu fühlen, sagt die Psychologin. Das hängt damit zusammen, dass wir uns eher an positive Dinge erinnern und negative Erfahrungen verdrängen oder in «liebevoller Weise», wie Demiray es ausdrückt, in unser Selbstbild integrieren, nach dem Motto «aus Fehlern lernt man!». Und: Je älter wir werden, umso stärker wird die Neigung, sich vor allem an die schönen Erlebnisse zu erinnern. Wenn wir altern, erscheint das Leben deshalb eher im weichen Licht der untergehenden Sonne als im harten der Mittagszeit. Diese Erfahrung hat auch Blazenka Kostolna gemacht, als sie über ihre Kindheit schrieb: «Ich staunte selbst, wie aufregend, schön und positiv dieser Teil meines Lebens war, obwohl ich immer dachte, eine unglückliche Kindheit gehabt zu haben – beide Eltern haben gearbeitet, die Mutter krank mit langen Aufenthalten im Spital, aber mit grosser Sehnsucht nach einem besseren Leben.» Sie habe als Kind – zumindest in ihrer Erinnerung – so etwas wie eine «erträgliche Leichtigkeit des Seins» (Milan Kundera) gehabt, erzählt Kostolna. Sie erklärt sich das mit einer «Kindheitskorrektur», die nach Demiray wohl eher eine «Alterskorrektur» ist. Der Effekt ist der gleiche, wir erinnern uns an eine verklärte Kindheit.

Ständig grübeln

Anders sieht es aus bei Menschen, die psychische Probleme wie Depressionen haben. Diese haben Mühe, sich zu erinnern. Und bei Ihnen wirken sich Erinnerungen negativ aus, etwa indem sie ständig grübeln und negative Gefühle pflegen. «Fast alle psychosozialen Erkrankungen gehen mit einem dysfunktionalen Gedächtnis einher», sagt Demiray. Als Beispiel nennt sie Posttraumatische Belastungsstörungen, bei denen im Kopf immer wieder die traumatischen Erinnerungen aufpoppen.

Der positive Effekt, der das autobiografische Erinnern auf unsere Psyche hat, wird auch therapeutisch eingesetzt – mit der Erinnerungs-Therapie, bei der ältere Menschen in einem strukturierten Prozess auf ihr Leben zurückblicken, oder, entspannter, indem sie Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählen. Beides, so Demiray, wirkt sich positiv auf die Stimmung, das Wohlbefinden und das Gedächtnis aus, auch Menschen, die an Demenz leiden.

Erinnern ist also gesund, weil es uns hilft, uns ganz zu fühlen, im Einklang mit uns selbst und unserer Vergangenheit. Das gilt besonders für das autobiografische Schreiben, weil es Ordnung schafft im Chaos des Lebens und Emotionen dämpft, wie Demiray betont: «Wenn wir Emotionen niederschreiben, positive und negative, verlieren sie einen Teil Ihrer Intensität.»

Held meiner Geschichte

Nur, welches Ich erscheint denn in der Autobiografie? Ein stilisiertes, antwortet Kulturwissenschaftler Alfred Messerli. Denn in meiner Autobiografie bin ich der Held. «Die Hauptfigur, mutig, entscheidungsfreudig – ich lasse mich nicht ins Bockshorn jagen», so Messerli. Dabei folgt die Art und Weise wie wir erzählen kulturellen Mustern, die vorgegeben sind. Vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan etwa, wie in Andersens Märchen. Oder die Heldenreise, in der der Protagonist gegen Widerstände ankämpfen muss, am Schluss aber obsiegt. In den USA sind Erlösungsgeschichten beliebt, wie jene, die Georg W. Bush erzählte und die ihm half, vom Alkoholiker zum Präsidenten der USA zu werden.

Wer seine Biografie erzählt, muss Entscheidungen fällen, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, einen roten Faden spinnen. Blazenka Kostolna beschreibt diesen Prozess als das Schneidern neuer Kleider aus abgelegten: «Alles Gelebte, Wahrgenommene und Gedachte wird für Eigenkreationen und Findungen genutzt, wie die Kleider meiner Mutter, die von ihr nur auf mich zugeschnitten sind.»

Wer eine Geschichte erzählen will, auch seine eigene, braucht Fantasie, betont Messerli, «sie erweckt das tote Gestein der Vergangenheit zu neuem Leben.» Dabei dürfe durchaus überhöht und mythologisiert werden, literarische Strategien, die helfen, den Text interessant zu machen und das Banale zu transzendieren. Blazenka Kostolna gelingt das auf stupende Weise ­– weil sie sich und den Erinnerungs- und Schreibprozess reflektiert «durch mein Gehirn spazieren Läuse, die mich zum Handeln zwingen», und weil sie saftig schreiben kann. Ihr Text liest sich oft wie pralle Literatur gesättigt mit Metaphern-Gewittern, die die Synapsen der Lesenden zum Glühen bringen wie Stalinorgeln, die eine Salve nach der anderen abfeuern.

Eine gelungene Autobiografie liest sich wie gute Literatur. Bedeutet das, Biografien sind ben trovato – gut erfunden? Messerli schüttelt den Kopf: «Nein, eine Biografie muss wahrhaftig sein, unser Leben wiedergeben. Das versprechen wir den Leserinnen und Lesern und daran müssen wir uns auch halten.» Wahr bedeutet in diesem Kontext: Wahr für die Autorin/den Autor. Und das wiederum bedeutet: Im Einklang mit ihrem/seinem Ich. Und zwar seinem/ihrem aktuellen Ich, wie Burcu Demiray betont. Sie nennt das Kohärenz – unsere Lebensgeschichte muss kohärent mit unserem aktuellen Ich-Empfinden sein. Das wiederum bedeutet, dass sich unser persönliches Narrativ im Laufe des Lebens verändert, genauso wie sich unser Ich wandelt. Womit wir wieder bei Dalí und seinen sieben Leben wären.

Unser Ich, das wir autobiografisch rekonstruieren, ist damit in Vielem nur eine Momentaufnahme. Trotzdem hilft uns das Erinnern und Erzählen unserer Lebensgeschichte, uns ganz zu fühlen. Diese Erfahrung hat auch Blazenka Kostolna gemacht: «Mich hat fasziniert, wie sich durch das Schreiben eine neue innere Ordnung selbst erschaffen hat. Nicht nur was die Geschichte, sondern auch was das Denken, die Einstellung und die Lebenshaltung betrifft.» Unsere eigene Geschichte zu erzählen hilft uns, unser Ich aufzuräumen und mit uns selbst ins Reine zu kommen.

Thomas Gull, Redaktor UZH Magazin

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