Talk im Turm

Nach oben lachen

Comedian trifft Forscherin: Über die Macht des Humors und seine Wirkung in unserem Alltag diskutierten der Komiker Fabian Unteregger und die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse im Talk im Turm an der UZH.

Nathalie Huber

Auf der Bühne im Talk im Turm: Moderator Thomas Gull, Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse, Komiker Fabian Unteregger und Moderator Roger Nickl. (Video: MELS UZH)

Video in höherer Auflösung auf YouTube, Audioaufzeichnung als Podcast.


Gab es in der DDR Humor? «Etwa so viel wie in der Schweiz», scherzte Sylvia Sasse gleich zum Auftakt der Talkrunde und brachte die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Lachen. Die in der DDR aufgewachsene Kulturwissenschaftlerin setzt sich mit dem politischen und künstlerischen Untergrund in Osteuropa sowie Russland auseinander und erforscht humorvolle künstlerische und politische Lachstrategien.

Humor hilft, das Leben leichter zu nehmen. Wenn wir unter grossem Druck stehen, helfen Lachen und Humor, Spannungen abzubauen, wusste schon Sigmund Freud. «Witz kann einen über den Alltag retten», sagte Sylvia Sasse im Gespräch mit den Moderatoren Thomas Gull und Roger Nickl im Restaurant Uniturm. Mit einer Pointe könne man Menschen für einen Moment ausser Gefecht setzen, sagte der Komiker Fabian. Der Zürcher ist bekannt für seine Stimmparodien von Schweizer Persönlichkeiten.   

Therapeutische Wirkung

Unteregger ist auch studierter Lebensmittelingenieur und Arzt. Sein Medizinstudium hat er an der Universität Zürich abgeschlossen. Gefragt nach dem therapeutischen Nutzen des Lachens, mit dem sich der UZH-Alumnus wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, erklärte er: «Wenn man mit Humor Sachen oder sich selbst aus einer neuen Perspektive betrachtet, wird vieles weniger wichtig, es wird klein, und das hilft.» Verschreiben könne man Humor natürlich nicht. Doch könne er durchaus ein Mittel für Patientinnen und Patienten sein, mit einer negativen Diagnose besser umzugehen. Erwiesen sei, dass unser Körper, wenn wir lachten, besser durchblutet sei und Endorphine, euphorisierende Botenstoffe, produziere.

Grenzen ausloten

Humor ist nicht nur im Privatleben ein Ventil. Satire, Witz und Parodie sind auch ein bewährtes Mittel, um Machtverhältnisse zu kritisieren. Sylvia Sasse lieferte dazu verschiedene Beispiele. In der DDR waren etwa die Radio-Jerewan-Witze legendär. Der Witz bestand darin, dass die Redaktion des fiktiven Radios Fragen von Hörerinnen und Hörern beantworteten. Dies immer nach dem gleichen Muster, wie Sasse erörterte: «Gibt es in der Sowjetunion Zensur? Im Prinzip nein, aber dazu kann ich Ihnen keine Antwort geben.» Für Sasse war das eine harmlose Form der Systemkritik, mit der die Bürgerinnen und Bürger prüften, wie weit sie gehen konnten. «Man muss in Diktaturen immer diese Grenzen testen.»

Laut Sasse hatte man in der DDR mehr Angst vor dadaistischen Happenings, als vor berechenbarer, rational argumentierender Systemkritik. Dabei habe die Stasi selbst durchaus auch Kreativität bewiesen – indem sie beispielsweise Zeitschriften von Dissidenten fälschte, um sie in Misskredit zu bringen. «Es ist nicht so, dass die Stasi nur langweilig war. Was mich am meisten überraschte, war, wie subversiv die selber waren», kommentierte sie.

Witze machen, kann auch gefährlich sein. So gab es in der DDR Grenzen, die nicht überschritten werden durften. Sasse schilderte den Fall von Peter Sodann. Der Schauspieler wurde später in der Rolle als Kommissar Peter Ehrlicher der Krimiserie «Tatort» berühmt. In den 60-er Jahren stufte die Stasi Peter Sodanns kabarettistisches Programm als konterrevolutionär ein. Der Schauspieler wurde wegen staatsgefährdender Hetze zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Unterhaltung zählt

Subversiver Witz ist lustig, weil er nach oben lacht – also jemand höher gestelltes blossstellt. Auch Politikerparodien funktionieren nach diesem Muster. In Bezug auf seine eigenen Politikerparodien betonte Unteregger, dass er damit keine subversiven Absichten verfolge oder eine persönliche Botschaft vermitteln wolle. Sein Ziel sei in erster Linie, das Publikum gut zu unterhalten. Der Komiker bezeichnet sich selbst auch als Humor-Unterhalter. Je bekannter eine Person sei und je mehr auffällige Merkmale sie habe, desto besser eigne sie sich für eine Parodie. Bundesrätin Karin Keller-Sutter zum Beispiel biete sich ihrer auffallenden Kontrolliertheit und ihrer Frisur wegen zur Nachahmung an.

Zurückhaltende Schweizer

Wie humorvoll sind die Schweizerinnen und Schweizer? Im Vergleich etwa mit den Engländern, die eine lange Humortradition hätten und Humor auch gerne im Alltag anwandten, seien Herr und Frau Schweizer etwas zurückhaltender, sagte Unteregger. Grundsätzlich brauche Humor Mut und man müsse ihn pflegen. Allerdings beobachte er bei seinen Auftritten grosse regionale Unterschiede: Berner reagierten etwa anders auf seine Witze als Walliser. Sasse wandte dagegen ein, die kulturellen Unterschiede zwischen einzelnen Schweizer Regionen würden überschätzt. Das soziale Millieu zum Beispiel präge das Humorverständnis viel stärker als kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Zuletzt forderten die Moderatoren die beiden Talkgäste auf, dem Publikum einen Tipp im Umgang mit Humor zu geben. Unteregger nannte dabei die Selbstironie. Wir sollten mehr über uns selbst lachen. Sasse erklärte, dass wir die Komik von Alltagssituationen schätzen lernen sollten. Diese unfreiwillige Komik unterbreche die unhinterfragte Normalität. «Humor liefert uns kurze Momente der Erkenntnis», sagte Sasse.

Nathalie Huber ist Redaktorin UZH News

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