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«Open Access ist nicht aufzuhalten»

Strafrechtsprofessor Marc Thommen hat zusammen mit Kolleginnen und Kollegen das erste juristische Lehrbuch der Schweiz herausgegeben, das Open Access erschienen ist. Es steht kostenlos zum Download zur Verfügung.

Stefan Stöcklin3 Kommentare

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Pionier im Verlagswesen: Marc Thommen, hier im Gerichtssaal, will juristische Publikationen allen Interessierten zur Verfügung stellen. (Bild: Frank Brüderli)

 

Wer juristische Fachliteratur kaufen will, muss tief in die Tasche greifen. Ein Standardwerk kostet schnell einmal über 100 Franken, Spezialliteratur wird rasch noch teurer. Marc Thommen, Professor für Schweizer Strafrecht an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der UZH, hält die gängige Situation im juristischen Verlagswesen für problematisch. Denn die Verlage publizieren oftmals Fachwissen, das von Expertinnen und Experten stammt, die an den Hochschulen durch Steuergelder finanziert werden. «Das öffentliche Gut muss anschliessend von den Nutzerinnen und Nutzern gekauft werden», kritisiert Thommen.

Zwar anerkennt er die verlegerische Arbeit, die geleistet wird, aber viele Verlage profitieren unverhältnismässig vom öffentlich generierten Wissen. Als Beispiel nennt Thommen das vom Schweizerischen Nationalfonds mit rund 400 000 Franken geförderte Projekt «Berner Kommentar zum Kommissions- und Frachtvertrag». Die Resultate dieser Arbeiten werden Interessierte als Kommentare in einem Fachverlag teuer erwerben müssen.

Es sind Umstände wie diese, die in den Wissenschaften zum Konzept von Open Access geführt haben, das gegenwärtig rasch an Unterstützung gewinnt (siehe Kasten am Textende). Dahinter steckt der Gedanke, dass Publikationen zu öffentlich finanzierter Forschung frei verfügbar sein sollten.

Während immer mehr Zeitschriften auf Open Access umschwenken, hat Marc Thommen dieses Konzept erstmals für ein juristisches Lehrbuch in der Schweiz umgesetzt. Seit Herbst letzten Jahres ist das englische Lehrbuch «Introduction to Swiss Law» auf dem Internet frei zugänglich und kostenlos im PDF-Format für den Download verfügbar.

Eigener Verlag «sui generis»

Das sorgfältig gestaltete Buch ist das Werk von 13 Expertinnen und Experten der UZH, die eine Übersicht über das Schweizer Rechtssystem verfasst haben. Es ist in englischer Sprache verfasst und richtet sich an ausländische Studierende und Expats, die sich Kenntnisse zu den Eigenheiten unseres Rechtssystems aneignen möchten, vom Zivilgesetz bis zum Strafrecht, vom Firmenrecht bis zur Funktionsweise der direkten Demokratie.

Thommen und seine Mitautoren haben das Werk über den eigenen Verlag «sui generis» publiziert, der auf seiner Web site eine gleichnamige Open-Access-Zeitschrift für rechtswissenschaftliche Artikel herausgibt. Verlag und Verein wurden vor vier Jahren von Marc Thommen und Daniel Hürlimann gegründet; Letzterer wirkt unterdessen an der Universität St. Gallen als Assistenzprofessor für Informationsrecht.

In der Buchreihe von «sui generis» werden ausgezeichnete Dissertationen und Lehrbücher einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt. «Introduction to Swiss Law» ist nach der Dissertation von Monika Simmler über «Normstabilisierung und Schuldvorwurf» das erste Lehrbuch. Es kann nebst dem Download auch als Buch, gebunden oder als Taschenbuch, gekauft werden. Der deutsche Verlag Carl Grossmann vertreibt das Werk im Buchhandel.

«Uns geht es darum, unsere Publikationen möglichst einfach allen Interessierten zur Verfügung zu stellen», sagt Thommen. Gerade im Fall von Doktorarbeiten gibt es laut dem Juristen Handlungsbedarf, denn die würden zu prohibitiv hohen Kosten vertrieben. Mit dem eigenen Open-Access- Verlag umgehen die Initianten von «sui generis» diese Zugangshürde, dafür übernehmen sie die Verantwortung für die Qualität.

«Wir müssen die Güte der publizierten Beiträge sicherstellen», betont Thommen. Im Fall von Doktorarbeiten werden deshalb nur ausgezeichnete Arbeiten publiziert. Bei Zeitschriftenbeiträgen sichert eine doppelblinde Peer Review, bei der weder Gutachter noch Autoren voneinander wissen, die nötige Qualität. Die editorischen Verlagsarbeiten erledigen zwei studentische Hilfskräfte, die «sui generis» aus Drittmitteln finanziert.

Platin- oder Goldweg

Unterstützt wird «sui generis» von der Hauptbibliothek der Universität Zürich (HBZ) und weiteren Bibliotheken von Schweizer Universitäten. Die notwendige Internet-Infrastruktur stellt die HBZ über die Publikationsplattform HOPE zur Verfügung. Der Server publiziert neben «sui generis» weitere Open-Access-Publikationen, zum Beispiel «Studies in Communication Sciences ».

Das Modell von «sui generis» wird in der Open-Access-Community als Platinmodell bezeichnet. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler publizieren bei dieser Variante ihre Werke in eigenen Verlagen, die von Stiftern und Gönnern finanziert werden. Nebst dem Platinmodell gibt es zwei weitere Wege, golden und grün genannt: Beim goldenen Weg publizieren die Wissenschaftler ihre Originalpublikation in frei zugänglichen Open-Access- Zeitschriften; manche Verlage verlangen dafür von den Autoren eine Gebühr, sogenannte Article Processing Charges.

Beim grünen Weg veröffentlichen die Forschenden ihre Artikel oder Bücher nach einer Sperrfrist als Zweitpublikation in einem institutionellen Repositorium. Die UZH stellt dafür das Zurich Open Repository and Archive (ZORA) zur Verfügung.

Weil beim Platin- und Goldweg die Publikationen sofort frei verfügbar sind, favorisieren viele Befürworter von Open Access diese Varianten. Allerdings verlangt der Platinweg viel Aufbauarbeit, denn die Reputation eines wissenschaftlichen Verlags muss man sich erst erarbeiten.

«Wir befinden uns noch am Anfang», sagt Marc Thommen, der sich mit Herzblut bei «sui generis» engagiert. Der Jurist ist überzeugt, dass das Engagement sich lohnt und das Pionierprojekt Erfolg haben wird: «Das wissenschaftliche Publikationswesen ist derart in Bewegung – Open Access ist nicht aufzuhalten.»  

 

Dieser Artikel ist in gedruckter Form im UZH Journal Nr.1/19 erschienen.

 

Open Access: Der Schweizerische Nationalfonds macht Tempo

Open Access wird von allen Seiten gefordert und gefördert. Auf europäischer Ebene am weitesten geht derzeit der «Plan S» verschiedener Förderinstitutionen. Sie verlangen, dass ihre finanzierten Arbeiten ab 2020 verbindlich via Open-Access-Zeitschriften oder -Plattformen publiziert werden. Ein ähnliches Ziel verfolgt der Schweizerische Nationalfonds, der ebenfalls verlangt, dass Publikationen der von ihm finanzierten Projekte per 2020 frei zugänglich sind.

Für die vereinten Schweizer Hochschulen hat Swissuniversities mit der Nationalen Open-Access-Strategie eigene Zielvorgaben formuliert: Gemäss dieser «Vision » sollen alle mit öffentlichen Geldern finanzierten wissenschaftlichen Publikationen bis 2024 Open Access und frei verfügbar sein. Mit einem Aktionsplan setzt Swissuniversities die Strategie um.

Dieses Jahr stehen der Aufbau gemeinsamer Dienstleistungen, Repositorien und die Sensibilisierung der Forschenden im Zentrum. «Die Universität Zürich ist in der Schweiz hinsichtlich Open Access führend», sagt Wilfried Lochbühler, Direktor der UZH-Hauptbibliothek. Bereits sind rund 40 Prozent der UZH-Publikationen frei verfügbar, schweizweit sind es rund 30 Prozent. Der grösste Teil kann an der UZH über das Zurich Open Repository und Archive (ZORA) gelesen werden, das heisst über den grünen Weg (siehe Haupttext), rund acht Prozent werden in frei zugänglichen Journals wie PloS One publiziert.

Forscherinnen und Forscher der UZH sind bereits heute verpflichtet, ihre Arbeiten im ZORA zu hinterlegen, falls keine juristischen Gründe wie Copyright-Bestimmungen entgegenstehen. Bedeutend für die Schweizer Hochschulen in Sachen Open Access sind zudem die laufenden Verhandlungen mit den drei Grossverlagen Springer Nature, Wiley und Elsevier im Hinblick auf einen freien Zugang. Sie sollen Ende 2019 abgeschlossen sein. (sts)

 

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News, UZH Journal

3 Leserkommentare

Baldan Gonemse schrieb am Finanzierte Konkurrenz Die Verlage werden durch den Nationalfonds nicht direkt finanziert, der Kommentarband war sozusagen ein Nebenprodukt der Forschung. Die NF-Gelder gehen an die Universitäten, die damit ihre Forschenden und ihre Projekte bezahlen. Ich muss einmal mehr feststellen, dass Schweizer Verlage, die Wissenschaft und Forschung begrüssen, Open Access dort wollen, wo es wissensverbreitend wirkt und aus ihrer Sicht sinnvoll scheint. Wenn aber privaten Anbietern staatlich finanzierte Konkurrenz wie "sui generis" entgegengestellt wird, wehren sie sich die Verlage aus meiner Sicht mit gutem Grund.
Noé Müller schrieb am Wir sind nicht gegen Open Access, aber bitte nicht bei uns Im Artikel wird nicht behauptet, dass die CHF 400'000 an den Verlag gehen. Wenn aber die Steuerzahlerin CHF 400'000 bezahlt, damit ein Kommentar geschrieben wird, sollte sie auch den Kommentar lesen dürfen. Die Stellungnahme der Geschäftsführerin der Stämpfli Verlag AG lässt sich wie folgt zusammenfassen: "Wir sind nicht gegen Open Access, nur gegen Open Access in der Rechtswissenschaft".
Dorothee Schneider schrieb am Als wäre open access kostenlos… Bei den genannten CHF 400'000 handelt es sich um Forschungsförderung des SNF, von der der Verlag nicht einen Rappen erhalten hat. Das ist vergleichbar mit dem aktuellen Forschungsprojekt von Herrn Thommen, der für sein Projekt «Zahlen und Fakten im Strafbefehlsverfahren» vom SNF CHF 350'000 erhält - Steuergelder. Die Open Access Publikation erscheint bei sui generis, finanziert von den Universiätsbibliotheken, also mit Steuergeldern. Gehostet von der Uni Zürich, also mit Steuergeldern. Wir sind nicht gegen Open Access: in gewissen Disziplinen und bei einigen Publikationsformen ist Open Access im Sinne der Wissenschaftsgemeinschaft der goldene Weg. Aber wir sollten die Diskussion um die nötige Differenzierung dringend mit der angemessenen Fairness führen und gemeinsam besonnen einen Schweizer Weg finden, der auch beim Thema Open Access nicht auf staatlicher Wettbewerbsverzerrung beruhen darf. Dorothee Schneider Geschäftsführerin Stämpfli Verlag AG

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