Botanischer Garten

Streichle mich!

Die Abteilung für Nutz- und Heilpflanzen im Botanischen Garten der UZH wurde mit grossem Aufwand neu eingerichtet. Es gibt viel zu riechen, zu tasten und zu schmecken – auch für die Kinder.

Marita Fuchs

Erlebnisgarten im Botanischen Garten Zürich
Erlebnisgarten im Botanischen Garten Zürich
Im Erlebnisgarten: Streichle mich, fass mich an, aber mit Vorsicht! (Bild: Marita Fuchs)

 

Wir treffen uns am Tropenteich. Peter Enz, seit 25 Jahren Leiter des Botanischen Gartens, kommt mit schnellem Schritt, seine Haut ist gebräunt, Hemd, Dreiviertelhosen und barfuss in Sandalen, praktisch. Bevor er den neuen Nutz-, Heil- und Erlebnisgarten zeigt, gehen wir kurz ins Tropenhaus. Dort blüht nämlich seit einigen Tagen die Aristolochia gigantea. Hoch über unseren Köpfen zeigt die Schlingpflanze riesige Blüten mit langen herunterhängenden Fäden, ein leichter Aasgeruch liegt in der Luft. Reine Absicht, die Pflanze will damit Insekten anlocken.

Aus der tropischen Welt hinaus geht es ins helle Sonnenlicht, wir marschieren zum neuen Erlebnisgarten. Schon auf dem Weg dorthin betört die Pflanzenpracht, die Gerüche und Formen der Pflanzen und die friedliche Atmosphäre. Einige Kinder rollen den Hügel zum Teich hinunter, man erinnert sich, wie stark man als Kind den Geruch von Gras und Erde wahrgenommen hat.

 

Peter Enz und Gärtnerin Elisabeth Schneeberger
Peter Enz und Gärtnerin Elisabeth Schneeberger
Kurze Pause auf den Sitzbänken der Hochbeete: Peter Enz mit der Gärtnerin Elisabeth Schneeberger. (Bild: Marita Fuchs)

 

Für Kinder wurde auch der neue Erlebnisgarten angelegt. Enz und sein Team wollten keinen Spielplatz, sondern einen Ort, an dem Kinder altersgerecht Pflanzen erleben können, denn vielen Kindern fehle heute das intuitiv erlebte Wissen um den Reichtum und die Vielfalt der Pflanzenwelt, sagt Enz.

Kinder sollen im Erlebnisgarten alles sinnlich erfahren: Sie können hier Pflanzen anfassen, riechen, schmecken, sie können ausprobieren wie schwer Hölzer sind, wie viele Ringe sie haben (der Mammutbaum hat 138). In kreisrunden Tonnen wachsen Blumen und Kräuter für Schnuppernasen und Neugierige – etwa Brennnessel oder Zitronenmelisse.

Enz zieht ein kariertes Taschentuch aus der Hose, knipst ein Brennnesselblatt ab, reibt die kleinen Stacheln weg und steckt das Blatt in den Mund. «Fein, die Brennnessel ist eine vielseitige Pflanze», sagt er. Die Rispen könne man sammeln und in Öl braten, verrät der Botaniker, der nicht nur die Pflanzen und deren Geschichte kennt, sondern auch – wie sich jetzt im nebenbei herausstellt – ein wandelndes Rezeptbuch ist.

Geheimweg im Holunderbusch

In einem anderen Beet wachsen sogenannte Schmeichelpflanzen, wie das Hasenschwanz-Gras, das sich genauso kuschelig anfühlt wie sein Name verspricht. Geplant ist zudem ein Barfusspfad mit Föhrenzapfen und ähnlichem. Der Holunder müsse noch wachsen, sagt Enz und blickt sich um. Noch sei er zu klein, um darin einen Geheimgang anzulegen, aber das komme bestimmt bald und dann werde es sein, wie im Buch von der roten Zora, die unerschrocken Tunnel in Brombeerbüsche schlug, um sich zu verstecken.

Pavillon
Pavillon
Der Erlebnisgarten hat einen Pavillon. Hier kann man verweilen, Schulklassen können an den Tischen arbeiten. (Bild: Marita Fuchs)

 

Stichwort Holunder: Enz erweist sich auch als Kenner der Mythen, die sich um Pflanzen ranken. Holunderbüsche sind traditionell Beschützer von Haus und Hof. Um ihnen Ehre zu erweisen, dürfe man sich nicht mit zugewandtem Rücken von ihnen entfernen, sondern nur mit dem Gesicht zur Pflanze, sonst drohe Ungemach. Und übrigens: Holunderblüten eignen sich nicht nur für Sirup: getrocknet und kombiniert mit Gierschblättern ergibt die Mischung ein wunderbares Gewürz.

Superfood im Hochbeet

Nicht nur der Erlebnisgarten ist neu, das Team des Botanischen Gartens hat auch einen neuen Nutz- und Heilpflanzengarten angelegt. In grossen Hochbeeten wachsen Pflanzen aus verschiedenen Zeitepochen – von der Bronzezeit bis zur Neuzeit. Besonders spannend für Hobbyköche sind jene Beete, die Pflanzen aus den Küchen der Welt zeigen.

Einige Vertreter aus dem Mittelmeerraum wie den Oregano oder die Olive kennt man, aber die Pflanzen der japanischen, thailändischen, chinesischen, afrikanischen oder mexikanischen Küche sind oft unbekannt. Gegessen hat man sie schon, hier kann man diese Exoten sehen, fühlen, riechen.

Und die Läuse an den Lupinen? Sie beunruhigen Peter Enz nicht. «Wir warten bis die Nützlinge kommen und die Läuse fressen», sagt er lakonisch und zeigt auf einen Marienkäfer.

Gärtnerin Elisabeth Schneeberger
Gärtnerin Elisabeth Schneeberger
Die Gärtnerin Elisabeth Schneeberger pflegt den Nutzpflanzengarten. (Bild: Marita Fuchs)

 

Gifte und Gegengifte

Der Nutzpflanzengarten war vor der Neugestaltung eher historisch gewachsen. Bei der Neukonzeption sei nun besonderer Wert darauf gelegt worden, den Bezug der Pflanzen zum Leben der Menschen erkennbar zu machen, sagt Enz. Und man lernt viel, der Klatschmohn beispielsweise ist im Getreide unerwünscht – im Garten ist er eine Zierde und wird ausserdem noch als Heilpflanze geschätzt.

Das Konzept des lebendigen Museums gilt auch für den neuen Heilpflanzengarten. Gezeigt wird, was heilt und was giftig ist, und man erfährt auch einiges über die Geschichte einzelner Pflanzen. So etwa über den Schierling, aus dem der Gifttrank gebraut wurde, mit dem die Bürger Athens den berühmten Philosophen Sokrates aus dem Weg räumten. Andere Pflanzen werden in der Homöopathie, in der traditionellen chinesischen Medizin oder als Aphrodisaikum genutzt.

Gut gegen Warzen

Interessant ist auch, dass sich einige Pflanzen von der Antike übers Mittelalter bis heute als Heilpflanzen durchgesetzt haben. Im Beet der Schweizer Heilpflanzen ist nebst Arnika und Edelweiss, auch Wallwurz, Thymian und Schöllkraut zu finden. Das Schöllkraut hat auch volkstümliche Namen wie Marienkraut oder Gottesgabe. Das zeigt, dass die Pflanze sehr geschätzt wurde. Auch heute noch ist es ein hervorragendes Anti-Warzen-Mittel.

Und wer hat die neuen Gärten finanziert? «Wir haben Drittmittel eingeworben», sagt Peter Enz. «Es war Knochenarbeit und nicht immer sehr einfach». Doch habe der Botanische Garten der Universität in Zürich einen guten Ruf und so konnte er einige Türen öffnen.

Bevor wir uns verabschieden, reicht mir Peter Enz ein Blatt von der Schwarzen Johannisbeere, es riecht sehr aromatisch. «Als Tee mit andern Minzenblättern sehr erfrischend in diesen heissen Tagen», sagt er und eilt zum nächsten Termin.  

 

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Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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