Banking und Finance

Die Kultur prägt Finanzierungsentscheide

Die kulturelle Identität der Manager kann einen Einfluss darauf haben, wie ein Unternehmen sich finanziert. Wie eine UZH-Ökonomin belegt, nehmen italienischsprachig geführte Firmen häufiger Kredite auf als deutschsprachige.

Nathalie Huber

italienische Bank
italienische Bank
Im Südtirol weisen Unternehmen mit italienischsprachigen Managern höhere Schuldenbeträge in ihren Bilanzen auf als solche mit deutschsprachigen. (Bild: iStock / ilbusca)


Die Finanzierungsstruktur von Unternehmen, gemeint ist damit die Zusammensetzung von Fremd- und Eigenkapital, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Frühere Studien zeigen, dass die Branche, Profitabilität, Grösse, das Alter einer Firma sowie die übergeordnete makroökonomische Situation in der sie eingebettet ist, ihre Kapitalstruktur beeinflussen kann.

Wie viel Geld ein Unternehmen von Banken aufnimmt, um Investitionen zu tätigen, wie viel Eigenkapital es hält oder ob es Reserven bildet, ist Teil der Unternehmenspolitik. Belegt ist, dass individuelle Eigenschaften von Managern die Unternehmenspolitik beeinflussen können. Ob auch die kulturelle Herkunft von Managern die Kapitalstruktur der von ihnen geführten Unternehmen beeinflusst, dies hat UZH-Ökonomin Emilia Garcia-Appendini gemeinsam mit anderen Wirtschaftswissenschaftlern untersucht.

Gleiche Gerichtsbarkeit, unterschiedliche Kultur

Um diese kulturelle Komponente von Finanzierungsentscheidungen untersuchen zu können, beschränkt sich das Forscherteam auf rund 3’500 Firmen – die in derselben Jurisdiktion angesiedelt sind, die sich aber kulturell unterscheiden. «Dadurch vermeiden wir es, unbeachtete Unterschiede der institutionellen, rechtlichen oder makroökonomischen Rahmenbedingungen falsch auf die kulturelle Herkunft zurückzuführen», erklärt Senior Researcher Garcia-Appendini.

Die UZH-Ökonomin geht davon aus, dass Sprache als Chiffre für Kultur einen grossen Einfluss hat. Die norditalienische Region Südtirol, die zwei Sprachgruppen beheimatet, eignet sich deshalb als geografischer Raum für ihre Untersuchung. Die italienische und deutsche Sprachgruppe teilen die gleiche Religion, dennoch führen beide Gruppen in der Regel ein relativ unterschiedliches Sozialleben. Zum Beispiel besuchen die Kinder je nach Herkunft getrennte Schulen.

Dr. Emilia Garcia-Appendini
Dr. Emilia Garcia-Appendini
Emilia Garcia-Appendini: «Manager aus scheinbar nahen Kulturen unterscheiden sich stark in Bezug auf wichtige Finanzierungsentscheidungen.» (Bild: Nathalie Huber)


«Schuld» ist im Deutschen negativ konnotiert

Gestützt auf vorangehende Studien stellt Emilia Garcia- Appendini die Hypothese auf, dass sich bestimmte Merkmale der italienischen und deutschen Sprachgruppe auch auf Finanzierungsentscheide auswirken könnten. So habe etwa das deutsche Wort «Schuld» eine negative, moralische Konnotation, die auch «Schaden» impliziere. Während hingegen das neutralere Wort «debito» vom lateinischen Wort «debere» abstamme, was so viel bedeute, wie jemandem etwas zu schulden oder zu verdanken. «Es liegt auf der Hand, zu vermuten, dass italienischsprachige Personen eher auf Fremdfinanzierung zurückgreifen, also leichter Schulden machen als deutschsprachige», erklärt Garcia-Appendini.

Belegt ist laut Studienautorin ausserdem, dass sich die beiden Sprachkulturen im Südtirol hinsichtlich ihres Vertrauens in Institutionen deutlich unterscheiden. «Wir können davon ausgehen, dass Personen italienischer Herkunft weniger von formellen Institutionen wie Banken Fremdkapital aufnehmen, sondern eher auf informelle Finanzierungsquellen, wie Handelskredite von Lieferanten, zurückgreifen», sagt sie.

Um ihre Hypothesen zu prüfen, vergleicht das Forscherteam die bilanzierten Bank- und Handelskredite sowie das ausgewiesene Eigenkapital von mehrheitlich inhabergeführten Kleinfirmen. Diese befinden sich in der gleichen Stadt und derselben Branche, sie weisen ähnliche Werte bezüglich Grösse und Rentabilität auf, sie unterscheiden sich aber in Bezug auf die kulturelle Herkunft ihres Hauptmanagers. «Da die meisten Unternehmen in der Provinz privat, klein und inhabergeführt sind, kann die Kultur des Hauptmanagers dem Unternehmen selbst zugeordnet werden», erläutert Garcia-Appendini. Anhand des Vor- und Nachnamens können die Studienautoren die Hauptmanager eindeutig einer italienischen oder deutschen Kulturgruppe zuordnen.

Italienischsprachig geführte Firmen verschulden sich häufiger  

Die Untersuchung ergab folgende Resultate: Unternehmen mit italienischsprachigen Managern verschulden sich 5,5 Prozent häufiger als solche mit deutschsprachigen Managern. Sie greifen 10,7 Prozent häufiger auf die Finanzierung durch Finanzinstitute zurück, und sie nehmen 5,5 Prozent häufiger Geld auf von ihren Lieferanten in Form von Handelskrediten. Unternehmen mit italienischsprachigen Managern weisen auch höhere Schuldenbeträge in ihren Bilanzen auf: Das Verhältnis von Fremdkapital zur Bilanzsumme ist um 3,3 Prozentpunkte höher.

Die Wissenschaftler haben diese Hauptergebnisse ihrer Studie weiteren, sogenannten Robustheitstests unterzogen. Sie zeigen, dass auch alternative Gründe – beispielsweise ein höherer Rückgang des Nettovermögens bei italienischsprachig geführten Unternehmen nach der Finanzkrise, Unterschiede in der Verfügbarkeit von Krediten, die Konzentration von Kulturgruppen in bestimmten Sektoren oder die Auswahl von Managern einer bestimmten Sprachgruppe in Unternehmen mit einem bestimmten Hebelgrad – ihre Hauptergebnisse nicht beeinflussen.

Die Autoren ziehen das Fazit, dass die kulturelle Herkunft bei Finanzierungsentscheidungen entscheidend mitwirkt: «Wir kommen zum Schluss, dass sich Manager aus scheinbar nahen Kulturen, die nebeneinander leben, in Bezug auf wichtige Entscheidungen zur Unternehmensfinanzierung stark unterscheiden», resümiert Garcia-Appendini. «Insgesamt stimmen unsere Hauptergebnisse mit unserer Hypothese überein, dass deutschsprachige Personen aufgrund der negativen Bedeutung des Wortes ‹Schuld› weniger auf Fremdfinanzierung zurückgreifen», erklärt Garcia-Appendini. Die Hypothese, dass italienischsprachige Personen formellen Institutionen weniger vertrauen, können die Wissenschaftler hingegen nicht bestätigen.

Nathalie Huber, Redaktorin UZH News

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