Medienwissenschaft

Pinocchio online

Internet und soziale Medien sind Kampfzonen zwischen Fakten und Fakes. Wie finden wir uns da zurecht? Und welche Verantwortung haben die Betreiber von Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen?

Thomas Gull

Pinocchio
Pinocchio
Bei Pinocchio war die Lüge von der Wahrheit noch einfach zu unterscheiden. (Bild: iStock, emarto)

 

Früher, und das ist noch gar nicht lange her, Menschen in meinem Alter erinnern sich noch gut daran, früher war das Angebot an Informationen noch überschaubar: Morgens las man die Zeitung, abends schaute man die «Tagesschau», dazwischen die Nachrichten am Radio und Gespräche im persönlichen Umfeld – bei der Arbeit, am Familien- oder Stammtisch. Die Informationen, die wir auf diese Weise sammelten, hatten eines gemeinsam: Wir kannten ihren Absender.

Im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien hat sich das fundamental verändert: Die verfügbaren Informationen sind unüberschaubar und ihre Herkunft oft ungewiss. Das fordert uns heraus – wir müssen mit der Fülle umgehen und laufen Gefahr, falschen Informationen auf den Leim zu gehen: «Die Gefahr besteht, dass wir manipuliert werden, ohne es zu merken», sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Juliane Lischka, Oberassistentin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) der UZH. Denn um Informationen bewerten und einordnen zukönnen, ist es wichtig, zu wissen, wer dahintersteht. Nur: Das ist gar nicht so einfach. Denn anders als etablierte Medienhaben viele der Akteure im Internet gar kein Interesse daran, ihre Identität offenzulegen.

Mythen verbreiten sich schneller als Fakten

Das World Wide Web ist randvoll mit Desinformationen und ein Tummelplatz für Verschwörungstheorien. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass heute jeder und jede Inhalte publizieren kann und die traditionellen Medien ihre Rolle als«Türhüter», die Informationen verifzieren und gewichten, nicht mehr im gleichen Mass spielen können. Dies hat auch seine guten Seiten, weil sie dadurch weniger Macht haben, etwa die Macht, Informationen zurückzuhalten und nach ihrem Gusto zu interpretieren. Nur öffnet das auch Tür und Tor für all jene, die ganz bewusst falsche Informationen verbreiten. Der Clou dabei: «Mythen und Falschnachrichten verbreiten sich mitunter schneller als Fakten», sagt Kommunikationswissenschaftlerin Sabrina Heike Kessler, «sie werden angeklickt, weil sie oft simpel und reisserisch sind und die Neugierde bedienen.»

Pseudowissenschaftliche Talkshows

Das kann fatale, allenfalls tödliche Folgen haben. Ein Beispiel: der Mythos, impfen führe zu Autismus. «Das wurde zigfach widerlegt», sagt Kessler, die als Oberassistentin am IKMZ arbeitet, «trotzdem kursiert die Behauptung immer noch im Netz und wird auch geglaubt.» So finden sich im Internet herzzerreissende Videos von Kindern, die wegen einer Impfung autistisch geworden sein sollen. Oder es gibt pseudowissenschaftliche Talkshows, in denen Ärzte behaupten, nicht geimpfte Kinder seien gesünder.

Das führt dazu, dass Eltern ihre Kinder nicht impfen, was wiederum dazu führen kann, das sie beispielsweise an Masern erkranken und als Folge davon eine Lungen- oder Hirnhautentzündung entwickeln. Gleichzeitig werden damit die Anstrengungen unterlaufen, die Masern auszurotten. «Das kostet viel Geld und gefährdet Menschen», sagt Kessler.

Bots machen keinen Feierabend

Mythen und Falschnachrichten verbreiten sich rasch, sie erregen Aufmerksamkeit und – sie zu entlarven, ist schwierig. Mittlerweile gibt es Leitfäden mit Ratschlägen, wie das am besten bewerkstelligt wird. Die beiden wichtigsten Tipps: Fakten präsentieren und wenn möglich den Mythos gar nicht erwähnen, weil er sonst weiterverbreitet und so gestärkt wird. Unwahrheiten und Falschinformationen reisen in Windeseile durchs Web, weil es Helfer gibt, die nicht müde werden, nie Feierabend machen und nichts kosten: die Bots.

Bots sind Computerprogramme, die im Internet eingesetzt werden und bestimmte Aufgaben übernehmen, beispielsweise systematisch Impfmythen posten, liken oder retweeten. Die Bots wirken dabei wie Lautsprecher, die die Botschaften verstärken, oft auch verzerren. «Mit Bots kann der Eindruck erweckt werden, eine Meinung sei sehr populär, weil sie scheinbar von vielen Usern geteilt wird», sagt Tobias Keller, Assistent am IKMZ,«dabei handelt es sich nicht um wirkliche Menschen, sondern nur um Computerprogramme.»

Politische Lage anheizen

Studien gehen davon aus, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Twitter-Accounts Bots sind. Doch: «Hinter jedem Bot steht ein Mensch, wenn man einen Bot anschreibt, antwortet oft ein Mensch.» Eine Person kann Hunderte von Bots steuern. Sie sind deshalb ein potentes Instrument, um im Internet Botschaften zu streuen und Meinungen zu beeinflussen. Das wohl bekannteste Beispiel für den Einsatz von Bots ist jener durch die Russen bei den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA. Die Bots dienten dazu, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den politischen Lagern anzuheizen.

Das ist denn auch der Kern der Sache: Das Internet und die sozialen Medien sind der neue Kampfplatz, wo um die Deutungshoheit gerungen wird, und das mit allen Mitteln.

Prominentestes Beispiel dafür ist Donald Trump, der via Twitter regiert und Weltpolitik betreibt. Damit macht er sich angreifbar, manchmal auch lächerlich, aber, sagt Juliane Lischka: «Er kann direkt zu den Leuten sprechen und wirkt authentisch.» Gleichzeitig diskreditiert Trump via Kurznachrichten die traditionellen Medien, die ihm meist kritisch gegenüberstehen. Auch das ist Teil des Kampfes um die Deutungshoheit. Trump versucht die Leitmedien zu delegitimieren, um selbst die Deutungshoheit zu erringen und zu definieren, was die Wahrheit ist, was sagbar ist und was nicht.

Lügen am Laufmeter

Trump unterstellt den Mainstream-Medien ständig, Fake News zu verbreiten. Dabei ist er der fleissigste Pinocchio von allen: Im April hat er gemäss der «Washington Post» die Schallmauer von 10 000 falschen Aussagen oder Behauptungen seit seinem Amtsantritt durchbrochen. Trump war auch Promotor einer der perfidesten politischen Verschwörungstheorien, der so genannten «birtherconspiracy», die behauptet, Barack Obama sei ausserhalb der USA geboren und könne deshalb nicht Präsident des Landes sein. Den liberalen Medien Fake News, die Verbreitung von Falschinformationen, vorzuwerfen, hat allerdings nicht Trump erfunden.

«Die Republikaner unterstellen den Mainstream-Medien in den USA schon länger eine verzerrte Darstellung», sagt Lischka, «Studien zeigen allerdings, dass die Berichterstattung ausgewogen ist.» Das Beispiel aus Amerika macht weltweit Schule. Auch in Europa monieren vor allem rechte Parteien, die Medien berichteten einseitig. Hierzulande beklagt sich die SVP regelmässig über die SRG. Jüngstes Beispiel ist der Vorwurf von SVP-Präsident Albert Rösti, die SRG betreibe «Klima-Propaganda».

Wer ist der Absender?

Das Tohuwabohu im Internet, wo alles und das Gegenteil von allem behauptet werden kann, nimmt zuallererst uns als Nutzerinnen und Nutzer in die Pflicht: «Wir müssen einschätzen können, was wahr ist und was falsch, diese Kompetenz müssen wir erwerben», sagt Sabrina Kessler.

Wir müssen uns fragen: Wer ist der Absender, wofür steht er, welche Interessen stecken dahinter? Kindern sollte die kritische Haltung im Umgang mit Informationen in der Schule vermittelt werden. Sie müssen verstehen, dass nicht alles, was sich im Web findet, wahr sein muss. «Und», sagt Tobias Keller, «Eltern sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, was sie im Internet antreffen.»

Einrichten in der Echokammer

Glücklicherweise nehmen wir nicht alles für bare Münze. Wie eine Studie zeigt, an der Tobias Keller beteiligt war, spielt für Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzer heute nach wie vor die Qualität der Quelle eine Rolle. In der Studie wurde untersucht, wie hoch die Bereitschaft ist, via Social Media empfohlene Inhalte zu lesen. Einerseits spielt es eine Rolle, ob der Beitrag von jemand Nahestehendem empfohlen wird, andererseits aber auch die Qualität der Quelle des Beitrags. So ist die Bereitschaft, Beiträge aus Qualitätszeitungen zu lesen, signifkant höher als bei denjenigen aus Boulevardzeitungen. Trotzdem folgert Keller: «Die Tatsache, dass wir uns an Freunden orientieren, deutet darauf hin, dass wir uns gernein der eigenen Echokammer einrichten, in der wir von Nachrichten umgeben sind, die unseren Einstellungen entsprechen.»

Facebook und Google in die Verantwortung nehmen

Suchmaschinen wie Google und soziale Medien wie Facebook haben enormen Einfluss darauf, was wir als Nutzer im Internet sehen und konsumieren. Diese grosse Macht bedeute aber auch viel Verantwortung, sagt Juliane Lischka. Das werde heute aber von den Betreibern dieser Plattformen noch zu wenig akzeptiert: «Sie behaupten, sie seien nicht verantwortlich für die Inhalte, weil sie sie nicht selber herstellen.» Doch die Kommunikationswissenschaftlerin widerspricht dieser Haltung: «Sie strukturieren und hierarchisieren die Inhalte und wählen aus, was sie uns präsentieren. Sie sind damit Vermittler der Informationen, auch wenn sie sich selber nicht so sehen wollen.»

Das hat Konsequenzen: Facebook und die anderen Anbieter müssen Verantwortung übernehmen für die Inhalte, die über ihren Kanal laufen. «Sie müssen sich den Werten des Journalismus verschreiben und Kriterien festlegen, an denen die Inhalte auf ihren Plattformen gemessen werden können», fordert Lischka.

Die Entwicklung geht in diese Richtung, vor allem in Europa ist Facebook unter Druck, falsche und verletzende Informationen zu löschen. In Frankreich beispielsweise verpflichtet ein Anti-Fake-News-Gesetz Facebook, vor den Wahlen falsche Informationen über politische Themen innert kurzer Zeit zu löschen. «Facebook ruft geradezu danach, dass die Politik verbindliche Regeln aufstellt», sagt Lischka, «dann können sie ihre Algorithmen entsprechend programmieren und sagen: Seht, wir halten uns ans Gesetz.»

Kontrolle ist schlecht fürs Geschäft

Problematische Inhalte zu entfernen, sei einerseits im Interesse der Plattformbetreiber selbst, sagt Tobias Keller, weil diese ihre Reputation gefährden. «Auf der anderen Seite profitieren sie von emotional aufgeladenen Themen, die Wirbel verursachen. Das gibt Traffic, Werbekontakte, Geld.» Das heisst: Allzu viel Kontrolle ist schlecht fürs Geschäft, denn einerseits kostet das Geld, andererseits verliert man Kunden, wenn man sie rausschmeisst.

Ein bizarres Beispiel liefert auch hier Donald Trump, der den Twitter-Chef ins Weisse Haus lud, um sich darüber zu beklagen, dass der Online-Dienst einen Teil seiner Follower löschte. Dabei handelte es sich allerdings gemäss Twitter nicht um reale Nutzer, sondern um Bots, fingierte Konten und Propagandisten.

Was kann dieser Sturmflut von Falschinformationen entgegengesetzt werden? Da die traditionellen Medien, die nach wie vor Orientierung bieten, zunehmend ausbluten, sieht Juliane Lischka die Lösung im Service public, in «öffentlich finanzierten Medien, denen man vertrauen kann». Und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – stehen sie nicht auch in der Pflicht? Wer, wenn nicht sie, kann beispielsweise dazu beitragen, dass Gesundheitsmythen oder irreführende Behauptungen zum Klimawandel widerlegt werden? Die Wissenschaftskommunikation müsse neue Wege gehen, sind sich Sabrina Kessler und Tobias Keller einig, «etwa indem wir unsere Forschungsergebnisse via Social Media kommunizieren».

Thomas Gull ist Redaktor des UZH Magazins

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