Bildungsevaluation

Fürs Leben lernen

Wirken sich unsere Schulleistungen auf unsere persönliche Entwicklung aus? Diese spannende Frage haben UZH-Experten für Bildungsevaluation in einer neuen Studie untersucht.

Nathalie Huber

lernendes Mädchen
lernendes Mädchen
Kinder, die in der Schule Erfolg erleben, binden sich stärker an die Schule. Dies wiederum begünstigt eine positive Entwicklung. (Bild: iStock / Ridofranz)


Bekanntlich lernen wir fürs Leben, nicht für die Schule. Doch: Was bringt uns die Schulbildung eigentlich für unsere Persönlichkeitsentwicklung? Die Wissenschaft hat sich diese Frage erstaunlicherweise nur sehr selten gestellt; sie war auf diesem Auge praktisch blind. Zwar hat eine Vielzahl von Studien die Voraussetzungen für Schulerfolg untersucht: Wie gestaltet man beispielsweise den Unterricht, damit Kinder optimal lernen können, inwiefern beeinflusst die soziale Herkunft den Lernerfolg, oder wie geschlechtergerecht ist der Schulunterricht? Ebenfalls gut erforscht ist die Wirkung von Schulleistungen auf die spätere Berufswahl und das zukünftige Einkommen. Hingegen wurde bisher kaum untersucht, wie sich schulisches Lernen auf unser Erwachsenwerden auswirkt. 

«Wir betrachten schulische Leistungen unhinterfragt als etwas Positives», erklärt Martin Tomasik, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Bildungsevaluation der UZH. «Es gibt aber praktisch keine Studien, die sich mit den psychologischen Folgen von Schulbildung auseinandersetzen.» Dies ändert nun die kürzlich in der Fachzeitschrift «Child Development» veröffentlichte Korrelationsstudie von Martin Tomasik, Urs Moser und Christopher Napolitano. Darin untersuchen die Bildungsexperten, ob und inwiefern schulische Leistungen mit der persönlichen Entwicklung der Schülerinnen und Schülern zusammenhängen. Ihre Resultate bestätigen, dass ein solcher Zusammenhang tatsächlich besteht.

Schulleistungen messen

Um die Schulleistungen überhaupt objektiv und standardisiert messen zu können, griffen die Forscher auf die Daten der Zürcher Längsschnittstudie (siehe Kasten) zurück. Anhand einer Zufallsstichprobe aus 120 Zürcher Schulklassen prüften sie die Mathematik- und Deutschfertigkeiten der Schülerinnen und Schüler – drei, sechs und neun Jahre nach der Einschulung. Dabei verglichen sie deren Lernfortschritte über die Jahre hinweg, orientiert am Lehrplan des Kantons Zürich. Um die wichtigsten Faktoren, welche die Schulleistung beeinflussen, ausschliessen zu können, kontrollierte das Forscherteam die folgenden Drittvariablen: Schuleintrittsalter, vorschulisches Wissen im Sinne von Rechen- und Lesefertigkeit, Geschlecht, soziokulturelles Milieu sowie Muttersprache. Ferner führten die Forscher auch standardisierte Intelligenztests durch. Rund 13 Jahre nach ihrer Einschulung befragten die Forscher die nun jungen Erwachsenen zu ihrer Selbstwahrnehmung und verglichen diese Werte mit ihren Schulleistungen. Insgesamt nahmen rund 1000 der ehemaligen Schülerinnen und Schüler an der Online-Umfrage teil.

Positive Werte aneignen

Um die persönliche Entwicklung der Jugendlichen zu messen, benutzten die Wissenschaftler das komplexe Modell des US-amerikanischen Entwicklungspsychologen Richard Lerner.

Entscheidend für die positive Entwicklung im Jugendalter ist nach Lerner, ob die Heranwachsenden soziale, kognitive, schulische oder gesundheitliche Kompetenzen erwerben, ob sie Selbstvertrauen, Empathie und eine Werthaltung entwickeln sowie wechselseitige Verbindungen eingehen können. In Kürze: Es ist wichtig, dass junge Menschen fähig sind, die aktuell anstehenden Entwicklungsaufgaben zu lösen. Ausserdem sollten Jugendliche an ihre Fähigkeiten glauben können und vor sich selbst Achtung haben. Sie sollten Beziehungen zu Familien, Freunden oder Lehrpersonen pflegen. Sie sollten die Fähigkeit zur Empathie zu entwickeln sowie den Sinn für soziale Gerechtigkeit ausbilden. Zudem sollten Heranwachsende Respekt vor sozialen und kulturellen Normen sowie Werten haben und diese anerkennen. Entwickeln sich Jugendliche laut Lerner in all diesen Dimensionen, bestehen sie später im Leben und können positive Werte an die Gesellschaft zurückgeben.

Lernfortschritte machen

Die Untersuchung ergab Folgendes: Bei Schülerinnen und Schülern, die individuell höhere Lernzuwächse aufwiesen, war auch die positive Entwicklung im Alter von 20 oder 21 Jahren eindeutig stärker ausgeprägt. Umgekehrt zeigte sich: Je niedriger die Lernfortschritte über die Schulzeit hinweg waren, desto schwächer war die positive Entwicklung im jungen Erwachsenenalter. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn alle Drittvariablen kontrolliert wurden: kognitive Intelligenz, Muttersprache, Geschlecht, soziales Kapital der Eltern sowie Alter und Wissen bei der Einschulung. Mit anderen Worten: Je mehr Lernfortschritte jemand über die obligatorische Schulzeit gemacht hatte, desto höhere Werte erzielte er oder sie in Bezug auf die positive Entwicklung. Dies gilt unabhängig davon, ob er ein durchschnittlicher Schüler oder eine Überfliegerin war. Ausserdem spielten für eine positive Persönlichkeitsentwicklung der familiäre Hintergrund, das Ausgangsniveau oder die Intelligenz der Schülerinnen und Schüler keine Rolle. «Es scheint egal zu sein, wo jemand herkommt oder welche Fähigkeiten jemand mitbringt. Wer es aber schafft, relativ zu seiner Ausgangsituation viel aus dem Schulkontext für sich mitzunehmen, der wird wahrscheinlich auch eine positive Entwicklung als junger Erwachsener zeigen», fasst Martin Tomasik zusammen.

Schulbindung verstärkt Schulerfolg

Zusätzlich stellte das Forscherteam fest, dass es eine wichtige Rolle spielt, wie gern ein Kind zur Schule geht, und wie wohl es sich dort fühlt. Offenbar beeinflussen sich die Bindung an die Schule und schulische Leistungen wechselseitig: Eine stärkere Bindung an die Schule führt zu besseren Leistungen, und gleichzeitig führt bessere Leistung zu mehr Schulbindung. Beides begünstigt letztlich eine positive Entwicklung im jungen Erwachsenenalter.

Grundsätzlich beobachteten die Forscher in der Studie, dass die Schulbindung mit zunehmenden Schuljahren bei allen Schülerinnen und Schülern abnahm. Darüber hinaus zeigte sich, dass ein steilerer Anstieg der Schulleistung mit einem schwächeren Abfall der Schulbindung einherging. «Kinder, die in der Schule Erfolg erleben, weil sie merken, dass sie Fortschritte machen oder schneller lernen als andere, verlieren weniger stark die Lust und binden sich stärker an die Schule. Das sind gleichzeitig jene, die später mehr Selbstvertrauen haben, sich mehr um andere Menschen kümmern und positivere Beziehungen haben», erklärt Tomasik.

 

Zürcher Längsschnittstudie

Das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich hat unter der Leitung von Urs Moser im Auftrag der Bildungsdirektion rund 2‘000 der im Jahr 2003 in die Primarschule eingetretenen Schülerinnen und Schüler auf ihrer Schullaufbahn begleitet. Zur Zürcher Längsschnittstudie

Literatur: Martin Tomasik, Christopher M. Napolitano, Urs Moser. Trajectories of Academic Performance Across Compulsory Schooling and Thriving in Young Adulthood. Child Development. November/December 2019. Volume 90, Issue 6. DOI:10.1111/cdev.13150

Nathalie Huber, Redaktorin UZH News

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