Astronomie

«In zehn Jahren gibt es ein Dorf auf dem Mond»

Vor 50 Jahren, am 21. Juli 1969, standen die beiden ersten Menschen auf dem Mond. Zum Jubiläum der Mondlandung hat UZH-Astrophysiker Ben Moore eine Biografie des Mondes geschrieben. Im Interview spricht er über den neuen Wettlauf zum Mond. Und er erklärt, wie der Erdtrabant – aus seiner Sicht – entstanden ist.

Thomas Gull

 

Ben Moore, sie haben eine Biografie des Mondes geschrieben. Was bedeutet der Mond für Sie?

Ben Moore: Ich liebe den Mond. Er ist wunderschön. Je mehr ich über den Mond gelernt habe, umso wichtiger ist er für mich geworden – wegen seiner Rolle im Bezug auf das Leben auf unserem Planeten und der Geschichte unserer Kultur. Am liebsten aber schaue ich ihn einfach an, durch mein Teleskop.

Sie sagen, der Mond sei aussergewöhnlich. Was zeichnet ihn aus?

Er ist das spektakulärste astronomische Phänomen, das wir mit unseren eigenen Augen sehen können – in die Sonne sollten wir ja nicht direkt schauen, aber wir können die Oberfläche unseres Mondes betrachten. Der Mond ist das dominante Objekt am Nachthimmel. Dafür haben ihn die Menschen immer geliebt und auch mystifiziert.

Der Mond ist kein Mysterium mehr – ist das nicht ein bisschen traurig?

Ist es traurig? Ich denke nicht, denn einige der alten Mythen waren etwas verrückt – etwa die Behauptung, der Mond mache einen wahnsinnig, eine Idee, die auf die Römer zurückgeht. Heute wissen wir, dass der Mond uns nicht beeinflusst. Wir wissen heute viel mehr über den Mond als vor der ersten Mondlandung 1969. Aber es gibt vieles, das wir immer noch nicht wissen.

Was denn?

Die Apollo-Missionen haben Mondgestein gesammelt. Dank dieser Steine haben wir viel gelernt – nicht nur über den Mond, sondern über unser Sonnensystem, denn was wir auf dem Mond finden, dokumentiert die Geschichte unseres Sonnensystems und die Bedingungen, die vor langer Zeit herrschten. Und wir haben herausgefunden, dass der Mond ein Geschwister der Erde ist. Er besteht aus demselben Material wie die Erde und war früher ein Teil von ihr.

Das heisst: Irgendwann haben sich Mond und Erde getrennt. Wie?

Die Theorien, wie der Mond entstanden ist, haben sich seit dem 17. Jahrhundert mehrfach geändert. Doch die Apollo-Landung hat alle bestehenden Theorien über den Haufen geworfen. In den 1970er-Jahren ging eine neue Theorie davon aus, der Mond habe sich gebildet, weil ein Planet von der Grösse des Mars mit der Erde kollidierte – vor 4.5 Milliarden Jahren. Der Schutt, der bei diesem Ereignis ins All geschleudert wurde, formte dann den Mond. Aber diese Theorie überzeugt heute nicht mehr, denn das Mondgestein ähnelt jenem auf der Erde einfach zu stark – es gibt keine Spur des Einschlagsplaneten. Wir arbeiten hart daran zu verstehen warum.

Sie simulieren die Entstehung des Mondes?

Ja, seit etwa zwei Jahren arbeite ich daran mit meinem Doktoranden Miles Timpe. Wir nutzen das Swiss National Supercomputing Centre in Lugano, um mehr als 10'000 verschiedene Wechselwirkungen zwischen Planteten durchzuspielen. Wir wollen so herausfinden, wie Erde und Mond entstanden sind.

Haben Sie schon eine Idee?

Unsere bevorzugte Erklärung ist, dass nicht eine kleine Kollision zur Abspaltung des Mondes geführt hat.

Sondern?

Wir nehmen an, dass zuerst zwei gleich grosse Planeten verschmolzen und daraus die Erde entstanden ist. Nach dieser Fusion gab es eine frühe Form der Erde, die sich sehr schnell um ihre eigene Achse drehte. Durch diese Rotation wurden Teile des Erd-Materials in ihren Orbit geschleudert, daraus ist der Mond entstanden. Das deckt sich mit der Theorie, die der Sohn von Charles Darwin, George (1845-1912), bereits 1878 entwickelt hat. Darwin konnte allerdings theoretisch die Erde nicht so schnell rotieren zu lassen, dass ein Teil ihres Materials ins All geschleudert wird. Wir denken, das ist uns jetzt gelungen.

In Ihrem Buch erinnern Sie sich an das letzte Mal, als ein Mensch auf dem Mond war und Sie waren dabei!

Das war die letzte Apollo-Mission im Dezember 1972. Ich war sechs Jahre alt, mein Vater nahm mich mit nach draussen und sagte: «Schau mein Junge, dort oben auf dem Mond sind jetzt gerade Astronauten.» Ich dachte, ich könnte mit meinen eigenen Augen das Kommandomodul in der Umlaufbahn sehen, das die Astronauten zurück auf die Erde bringen würde.

Das ist eine Weile her. Sie fordern, wir sollten zurück auf de Mond. Weshalb?

Weil uns das Weltall inspiriert. Viele sind fasziniert von der Idee, zum Mars zu reisen. Aber meiner Ansicht nach ist es unrealistisch, dass wir das in meiner Lebenszeit noch schaffen. Aber wir könnten relativ einfach auf den Mond zurückkehren und dort ein Monddorf aufbauen – für wissenschaftliche Zwecke, und sogar für Weltraumtourismus.

Ferien auf dem Mond?

Das grossartige am Mond ist, dass man von dort eine fantastische Aussicht auf die Erde hat.

Das würden Sie gerne sehen?

Das wäre wunderbar. Vom Mars sieht die Erde aus wie ein entfernter Stern. Aber vom Mond aus sieht man die Kontinente, die Wolken, die langsam rotierend vorbeiziehen.

Sollten wir den Mond kolonisieren?

Unbedingt! Der wichtigste Grund, auf dem Mond eine permanente Siedlung einzurichten, ist, dass wir dort wissenschaftliche Experimente durchführen und mehr über unseren Mond erfahren können – und uns auf ehrgeizigere Reiseziele vorbereiten können. Schlussendlich wollen wir zum Mars und später zu anderen Sternen reisen. Dazu müssen wir zurück auf den Mond, um herauszufinden, wie sich ein langer Aufenthalt im Weltraum auf den menschlichen Körper auswirkt, und wo wir lebenserhaltende Systeme und vieles mehr entwickeln können – der Mond ist der ideale Ausgangspunkt für unsere zukünftigen Entdeckungsreisen in die Galaxie.

Ist es teuer, den Mond zu besiedeln?

Es würde weniger als ein Prozent dessen kosten, was heute weltweit für Rüstung ausgegeben wird. Wir hätten das Geld und das Wissen, um es zu tun.

Wie könnten wir auf dem Mond leben?

Auf dem Mond gibt es keine Atmosphäre. Deshalb müssten wir Räume bauen, in denen wir leben und atmen könnten ohne Ausrüstung. Ein idealer Ort dafür wären die tiefen Krater nahe den Mondpolen, in denen es eine Menge gefrorenes Wasser gibt.

Wer würde das tun – private Unternehmen?

Das glaube ich nicht. Es gibt im Moment kein privates Unternehmen, das genügend Geld und Know-how hätte, um so etwas zu realisieren.

Wer kann das bewerkstelligen?

Ich denke, die Chinesen werden als erste zum Mond zurückkehren.

Sie sind bereit, so viel zu investieren?

Und das Risiko einzugehen.

Wann wird es eine permanente Siedlung auf dem Mond geben?

Es gibt einen neuen Wettlauf zum Mond. Alle wichtigen Raumfahrtnationen haben angekündigt, sie würden innerhalb der nächsten zehn Jahre Monddörfer bauen, die permanent von Astronauten besetzt sind.

Das klingt sehr ambitioniert.

Es ist machbar. Das Wettrennen wird helfen, dieses Ziel zu erreichen, weil jeder der erste sein will.

Sie gehen davon aus, dass Sie es nicht mehr erleben werden, dass ein Mensch den Mars betritt. Wann wird das der Fall sein?

Das wird wohl in etwa 50 Jahren möglich sein.

Die Menschheit auf dem Mond. Wie endet diese Geschichte?

Das ist erst der Anfang der Geschichte. Dann geht es weiter zum Mars und Alpha Centauri und von dort weiter um unsere Galaxie mit Leben zu füllen. Wenn da nicht bereits Leben ist.

Buchpräsentation

Ben Moore: «Mond. eine Biografie», Verlag Kein&Aber 2019.

Ben Moore stellt sein neues Buch am Freitag, 17. Mai, im Kosmos vor: Ben Moore im Kosmos – «Cosmic Talk & Book Launch», 20.30 Uhr.

Thomas Gull, Redaktor UZH magazin

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