Medizin

Was will ich wissen?

Gut informierte Patientinnen und Patienten können medizinische Risiken besser einschätzen. Peter Kleist, Geschäftsführer der Kantonalen Ethikkommission Zürich, zeigte an einem Vortrag, wie viel Wissen wir uns aneignen sollten, um kompetent über medizinische Massnahmen zu entscheiden – und wann Nichtwissen die bessere Alternative ist.

Stefanie Maier

Pille
Die Angst vor den Nebenwirkung der Antibabypille resultiert oft auf Fehlinformationen, sagte Peter Kleist von der kantonalen Ethikkommission Zürich. (Bild:Pixabay)

 

Menschen können nur schwer mit Ungewissheit leben. Deshalb liegt es in unserer Natur, Risiken zu minimieren. «Risiken sind aber ein Konstrukt der Wahrnehmung und werden daher häufig falsch eingeschätzt», sagte Peter Kleist, Geschäftsführer der Kantonalen Ethikkommission Zürich kürzlich an einem Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen» des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie der UZH. Gemäss Kleist verwirren uns Medien oder Unternehmen durch die geschickte Darstellung von Zahlen oder das Aufbauschen von Einzelfällen häufig noch zusätzlich. Dies auch im medizinischen Bereich, was unnötige Ängste und Behandlungen zur Folge haben könne.

Risiko ist nicht gleich Risiko

Ein Beispiel dafür sei die verbreitete Angst, als Nebenwirkung der Antibabypille eine Thrombose zu erleiden. Auslöser solcher Ängste sind häufig tragische Schicksale, wie wir sie etwa in den Medien erfahren. Aber die Verunsicherung in der Bevölkerung könne auch anderweitig verstärkt werden. So verschickte etwa 1995 die britische Arzneimittelsicherheitsbehörde 190'000 Warnschreiben an Arztpraxen, Apotheken, Gesundheitsämter und die Medien, um auf die Verdopplung des Thromboserisikos durch Pillen der dritten Generation aufmerksam zu machen. Viele Frauen setzten daraufhin die Pille ab. Die Folge: 13‘000 zusätzliche Abtreibungen und 800 zusätzliche Schwangerschaften bei Mädchen unter 16 Jahren im Folgejahr.

Viele Frauen bekamen Angst, weil vielerorts von einem Anstieg des Thromboserisikos um 100 Prozent die Rede war. «Betrachtet man jedoch die absolute Zahl der Thrombosen bei Frauen, die damals die Pille nahmen, so betrug die Zunahme lediglich 0.3 Promille», erklärte Kleist. Diese Zahl ist deutlich weniger bedrohlich. Das Risiko, an einer Thrombose zu erkranken, ist bei der Einnahme der Pille sogar niedriger als bei einer Schwangerschaft.

Kleist betonte, dass die negativen Aspekte der Pille selbstverständlich ebenfalls diskutiert werden müssen. Nutzen und Risiko gelte es jedoch orgfältig abzuwägen. «Fakten und Zahlen sollten hinterfragt werden und bei «reisserischen» Darstellungen ist besondere Vorsicht geboten», so Kleist.

Je früher, desto besser?

Auch in anderen Fällen kann Unwissenheit in medizinischen Fragen ungünstige Folgen haben. Wer sich zum Beispiel für ein Brustkrebs-Screening (Mammografie) entscheidet und dann ein positives Resultat erhält, bekommt begreiflicherweise oft grosse Angst.

Doch nur eine von zehn Frauen mit einem positiven Screening-Resultat hat wirklich Brustkrebs. Bei den anderen neun Personen handelt es sich laut Kleist um einen Fehlalarm, der zu grosser Unsicherheit und Angst führt und oft unnötige Behandlungen nach sich zieht. Zudem sei auch bei den tatsächlich Erkrankten der Nutzen der Früherkennung umstritten, sagte Kleist. Es habe sich gezeigt, dass nur eine von 1000 Frauen dank eines routinemässigen Brustkrebs-Screenings gerettet werde. Von 1'000 Frauen über 50 Jahre sterben ohne Screening fünf Frauen an Brustkrebs, mit Screening sind es vier Frauen.

Um die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung oder eine Screening-Untersuchung zu erleichtern, ist es gemäss Kleist wichtig, kompetente Fachpersonen auszubilden, welche die Risiken verständlich erklären können. Kleist rät zudem den Betroffenen, sich selbst ein kritisches Urteil zu bilden.

Will ich’s wirklich wissen?

Ist es vielleicht sogar besser, nicht über jede kleine Nebenwirkung und jedes erdenkliche Risiko aufgeklärt zu sein? Welche Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll? Welche erhöhen nur das Risiko, wegen Zufallsdiagnosen angstvolle Jahre zu erleben – ohne die Chance signifikant zu erhöhen, eine tödliche Krankheit abzuwenden? «Wenn wir über reelle Chancen und Risiken gut informiert sind, können wir besser entscheiden, wie viel wir wissen wollen», sagte Kleist.

Im Zeitalter der einfach zugänglichen Gentests sei das besonders wichtig. Das Problem bei solchen Tests sei, dass sie nicht von einer genetischen Beratung begleitet seien. Zudem spielten neben der Genetik auch der Lebensstil und Umwelteinflüsse für das Auftreten von Krankheiten eine grosse Rolle. Entsprechend könne man sich bei einem niedrigen genetischen Risiko in falscher Sicherheit fühlen oder sich bei einem erhöhten genetischen Risiko unnötig ängstigen.

Eigenverantwortung übernehmen

«Damit will ich keinesfalls grundsätzlich von Check-ups oder Screening-Untersuchungen abraten», stellte Kleist klar. Denn unter Umständen könnten diese tatsächlich Leben retten oder beruhigend wirken. Es gelte, eine Entmündigung der Patienten zu verhindern. Deshalb sollten kompetente Ärzte dafür sorgen, dass auch ihre Patienten die Nutzen und Risiken medizinischer Massnahmen richtig einzuschätzen lernen, damit sie auf dieser Grundlage eine stimmige Entscheidung treffen können. Dazu brauche es verständlich vermittelte Informationen. «Weniger», sagt Kleist, «ist dabei oft mehr».

Stefanie Maier ist wissenschaftliche Koordinatorin des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP)

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