Phonetik

Die Stimme zeichnen

Forensische Phonetiker entschlüsseln Stimmen und geben Polizei oder Geheimdiensten entscheidende Hinweise. UZH-Phonetiker Volker Dellwo will in Zukunft Phantombilder aufgrund von Stimmen erstellen. Heute Abend findet eine Veranstaltung zum Thema Stimme und Identität an der UZH statt.

Marita Fuchs

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Was verrät die Stimme? Forensische Phonetiker schliessen von der Stimme auf den Menschen. (Illustration: iStock, alashi)

 

Vor etwa vier Jahren posteten Terroristen auf You-Tube ein Video, auf dem zu sehen war, wie sie einen Menschen köpften. Einer der Mörder war im Bild, allerdings vermummt. Seine Stimme war aber gut zu hören. Polizei und Geheimdienste suchten fieberhaft nach dem Täter. Schliesslich gaben Phonetiker den ausschlaggebenden Hinweis: Aufgrund der Stimme war klar, dass der Mann aus dem Osten Londons stammen musste. Für die Fahnder ein entscheidender Hinweis, der schliesslich ins Umfeld des Attentäters führte.

Volker Dellwo, UZH-Professor am Institut für Computerlinguistik, ist ein gefragter Experte bei Polizei und Staatsanwaltschaft, denn er ist spezialisiert auf forensische Stimmenanalyse. Tatsächlich ist die Stimme eines Menschen ein biometrisches Merkmal. Wenn wir reden, sind etwa 200 Muskeln aktiv. Der Klang jeder Stimme wird durch unterschiedliche physiologische Merkmale geformt, wie etwa die Grösse des Kehlkopfes, des Mundraums oder die Länge der Stimmlippen. Auch die Schwingung der Stimmlippen, die Form der Zunge und die Grösse des Kiefers entscheiden über den Klang.

Phantombilder von unterem Gesichtsbereich

Phonetiker können anhand der Stimme einschätzen, wie alt ein Sprecher ist, welches Geschlecht er hat, wie gross er ist oder woher er kommt. Besonderheiten wie Zahnlücken oder die Schnalzgeräusche bei Gebissträgern können ebenfalls interessante Hinweise liefern. Legt ein Erpresser ein Tuch über den Telefonhörer, kann man seine Stimme trotzdem erkennen, ebenso Tonbandaufnahmen auf der die Stimme mit anderen Stimmschnipseln verzerrt wurden. Dellwos Vision ist es, in Zukunft Phantombilder vom unteren Gesichtsfeld aufgrund der Stimme zu zeichnen. Denn bestimmte Merkmale wie Kieferlänge oder Grösse des Mundraums kann der Sprecher nur sehr bedingt manipulieren. Mit diesen Teil-Phantom-Bildern habe die Polizei ein weiteres Mittel, Tätern auf die Spur zu kommen. Doch nicht nur anatomische Unterschiede verrät eine Stimme, eine Rolle spielen auch erlernte Merkmale: Dialekt oder die soziale Gruppenzugehörigkeit bestimmen Klang und Modulation.

Hinweise aber keine Beweise

Phonetiker können aufgrund ihrer Kenntnisse Polizei, Gerichten und Geheimdiensten entscheidende Hinweise liefern. «Die Stimme ist jedoch nicht so eindeutig wie ein Fingerabdruck oder die DNA», relativiert Dellwo. «Wir bestimmen  Wahrscheinlichkeiten». Denn jede Stimme sei sehr variabel, vergleichbar mit dem Gesicht. Stimmungen, Tagesform oder das Alter verändern den Stimmklang und das Gesicht, Fingerabdruck oder DNA bleiben dagegen das ganze Leben gleich. Um jemanden eindeutig an seiner Stimme zu erkennen, benötigt man viele unterschiedliche Aufnahmen. Dellwo arbeitet mit Signalverarbeitungsprogrammen, deren Algorithmen so programmiert sind, dass sie Muster erkennen und Zuordnungen treffen können.

Unbewusste Varianz

Dabei geht es darum, die Stimme anhand sprechsprachlicher und kommunikativer Merkmale zuzuordnen. Wie schwierig das ist, zeigt ein Beispiel: Wenn etwa drei oder vier Sprecher im Radio zu hören sind, müssen sich ihre Stimmen voneinander abheben, damit sie für die Zuhörer zuzuordnen sind. Es ist also für die Sprecher wichtig, dass sie stimmlich herausragen. «Unsere These ist, dass Menschen sich, sobald sie in Gruppen auftreten, stimmlich voneinander absetzen, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein.» Die Stimme verändert sich im Zusammenspiel mit den anderen. Es ist die Varianz der stimmlichen Merkmale, die eine eindeutige Zuordnung erschwert. Diese Varianz wurde bisher unterschätzt, Forschung dazu besteht erst in Ansätzen, sagt Dellwo.

Bestimmte Stimmen meinen wir genau zu kennen, so etwa die von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama, sagt Dellwo. Es könne aber durchaus sein, dass Angela Merkels Stimme zuhause ganz anders klingt als im Bundestag. «Um eine Stimmanalyse verlässlich zuzuordnen, müssen wir sehr viele Merkmale der Stimme kennen», sagt Dellwo. Das ist die Grundlage für eine forensische Analyse.

Die Stimme werde bei Fahndungen nach Tätern auf Dauer immer wichtiger, sagt Dellwo. Damit man Stimmen vergleichen könne sei es auch notwendig, sie zu dokumentieren. In der Schweiz gebe es für den Vergleich noch keine Stimmdatenbanken, in anderen Ländern sei man da schon weiter.

 

Meine Stimme − meine Identität?

Öffentliche Veranstaltung zum Thema Stimme und Identität mit:

Prof. Dr. Volker Dellwo 
Prof. Dr. Andrea Büchler 
Prof. Dr. Marc Thommen

am 6.11.2018, 18.15 bis 19.45 Uhr

Rämistrasse 59, 8001 Zürich
Raum: Aula, RAA G-01

 

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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