Zahnmedizin

Mister Elmex

Er erforschte das Geheimnis gesunder Zähne, entwickelte die Elmex-Zahnpasta und führte die Dentalhygiene in der Schweiz ein: Am Samstag wäre Hans R. Mühlemann 100 Jahre alt geworden. Anlässlich eines Symposiums gedenken die Zahnmediziner der UZH einem ihrer Pioniere.

Roger Nickl

Hans R. Mühlemann
Hans R. Mühlemann
Setzte sich erfolgreich für gesündere Zähne in der Bevölkerung ein und entwickelte die Aminfluorid-Zahnpasta: Zahnmedizin-Pionier Hans R. Mühlemann (1917-1997). (Bild: zVg)

 

Als Kind wollte er Astronaut werden und ferne Welten erkunden.  Soweit ist es nicht gekommen. Hans R. Mühlemann (1917-1997) studierte Medizin und Zahnmedizin und erforschte die menschliche Mundhöhle. Als Wissenschaftler und Arzt hat er an der UZH zwischen 1953 und 1983 immer wieder Neuland betreten. «Mühlemann war der erste Zahnmedizin-Professor weltweit, der sich ganz der oralen Präventivmedizin widmete», sagt Werner H. Mörmann, einer der ehemaligen Schüler und Mitarbeiter Mühlemanns.

Am Zahnärztlichen Institut der UZH sorgte Mühlemann für Aufbruchsstimmung: «Vor uns lag ein Feld mit ganz neuen Themen, die es zu erkunden galt», sagt Mörmann rückblickend, «wir mussten nicht wiederholen oder weiterführen, was andere vor uns schon erforscht hatten – das war auch eine Gnade.»

Vorbeugen statt flicken

Um die Gesundheit im Mundraum war es Mitte des letzten Jahrhunderts schlecht bestellt. Menschen mit Zahnlücken etwa gehörten zum Alltag. Hauptursachen für die vielen Zahnprobleme, mit denen die Zahnmediziner konfrontiert wurden, waren vor allem Karies und Parodontitis. Zahnärzte verstanden sich damals vor allem als Therapeuten, die die kaputten Zähne flickten oder – notfalls – zogen.

Mühlemann war das zu wenig. Er wollte die Probleme bei den Wurzeln packen und durch Prophylaxe für «mehr Mundgesundheit für mehr Menschen sorgen». So entwickelte er die Grundlagen der Kariesprävention, die bis heute nachwirken und die die Gesundheit der Zähne in der Bevölkerung nachhaltig verbesserten. Er veränderte damit auch ein Stück weit das Berufsbild des Zahnarzts. Fortan wurden in den Praxen nicht nur Zähne repariert, sondern es wurde auch dafür gesorgt, dass weniger Zähne krank werden.

Zahnfeind Zucker

Um seine Anliegen in die Tat umzusetzen gründete Hans R. Mühlemann 1956 am Zahnärztlichen Institut der UZH eine Kariesforschungsstation. In den Studien, die er dort mit seinem Team durchführte, konnte der Forscher nachweisen, dass die sich ständig erneuernde Besiedelung von Zähnen und Zahnfleisch durch die Mundbakterien die wichtigste Ursache für Karies und Parodontitis ist. Eine damals neue Erkenntnis.

Ebenfalls zeigen konnten die Zahnmediziner, dass Zucker ein zentraler Faktor für das Wachstum des bakteriellen Zahnbelages und für die Entstehung von Karies ist.

Der Begriff «zahnschonend» für gesüsste Produkte wurde von Hans R. Mühlemann geprägt und das Regenschirmsymbol über dem gesunden Zahn kennzeichnet seitdem zahnfreundliche Produkte.

Die Untersuchungen an der Kariesforschungsstation machten zudem deutlich, dass sich Karies und Parodontitis durch sorgfältige Mundpflege beherrschen lassen. Das Wissen, das die Forscher an der UZH erarbeiteten, wurde auch an die Zürcher Schulen und Schulzahnkliniken vermittelt. Die Institution des «Zahnfräuleins», das seit den frühen 1960er-Jahren Generationen von Schulkindern in der Kunst des richtigen Zähneputzens unterwies, ist auf Hans R. Mühlemanns Initiative hin entstanden.

Ideenimport aus Amerika

Die Arbeiten der Zürcher Zahnmediziner wurden in der Fachwelt weitherum beachtet. Grund für diesen Erfolg waren zum einen die neuen Erkenntnisse, zu denen die Forscher gelangten, zum anderen war Mühlemann – der sich nach seiner Habilitation 1951 in den USA weitergebildet hatte – der erste Schweizer Zahnmediziner der in englisch publizierte. Damit wurden die Studien für die internationale Forschergemeinschaft zugänglich und erhöhten seine Reputation.

Aus Amerika brachte Mühlemann auch die Idee nach Hause, durch professionelle Dentalhygiene die Gesundheit der Zähne der Bevölkerung weiter zu fördern. So war er an der Gründung der «Dentalhygiene Schule Zürich» beteiligt, die 1973 ihren Betrieb aufnahm und die heute als Höhere Fachschule für Dentalhygiene Zürich weiterbesteht.

Zahnpasta mit Zukunft

Mühlemann war ein Arbeitstier. «Zuweilen war er schon morgens um vier in seinem Labor und oft arbeitete er bis tief in die Nacht», erzählt Werner H. Mörmann. In den späten 1950er-Jahren hat er dort in Zusammenarbeit mit der Basler Firma GABA die moderne Aminfluorid-Zahnpasta entwickelt. Die organischen Fluorid-Verbindungen, die Mühlemann herstellte und untersuchte, erschwerten es der von den Zahnbelagsbakterien erzeugten Milchsäure, den Zahnschmelz aufzulösen und in den Zahn einzudringen.

In klinischen Studien konnte der Forscher zeigen, dass sich mit einem Aminfluorid-Zusatz in der Zahnpasta das Entstehen von Karies massiv einschränken liess. 1963 kam die Aminfluorid-Zahnpasta «Elmex» auf den Markt, die zuerst als Arzneimittel registriert wurde und nur in Drogerien und Apotheken erhältlich war. 1972 wurden diese Vorschriften liberalisiert und die Zahnpasta konnte auch im Detailhandel verkauft werden: Damit begann der Siegeszug von «Elmex» durch die Schweizer Badezimmer.

Massiv gesündere Zähne

Mühlemann steckte all seine Preise und erwirtschafteten Gelder in die Forschung. Für die Zahnmedizin war das in jeder Hinsicht eine Bereicherung: Mit seinen Arbeiten bewirkte er, dass die ganze Zahnproblematik medizinischer angegangen wurde und die Grundlagenforschung – in der Mikrobiologie-Immunologie, der Strukturbiologie und der oralen Präventivmedizin – ausgeweitet wurde.

Heute nachgewiesen ist, dass orale Erkrankungen das Mikrobiom – die Mikroorganismen, die den Körper besiedeln – verändern und so entscheidende Impulse für Krankheit oder Gesundheit weitergeleitet werden. Grundlagen dieser Erkenntnis sind schon in Mühlemanns Buch «Einführung in die Orale Präventivmedizin» 1974 angedeutet.

Mit Hilfe seiner Karies- und Parodontitis-Forschung setzte Hans R. Mühlemann Standards in Prävention und Zahnpflege, die heute selbstverständlich sind. Sie haben dazu geführt, dass die Zahngesundheit der Schweizer Bevölkerung massiv gestiegen ist. Zahnlücken sieht man heute im Vergleich zu vor 70 Jahren jedenfalls kaum noch. Trotz seiner Erfolge ist Mühlemann heute aber etwas in Vergessenheit geraten. Das international besetzte Symposium, das am Samstag am Zentrum für Zahnmedizin stattfindet, möchte dies ändern. Es ist dem Pionier der präventiven Zahnmedizin gewidmet, der gleichentags seinen 100. Geburtstag feiern würde.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins

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